"In Berliner Betten"

Der Obersee - Wo das Seeschloss zur Sommerfrische einlädt

| Lesedauer: 9 Minuten
Johanna Ewald
Schöner Blick am Obersee: Der See bei Wandlitz ist ein idealer Ausflugs- und Urlaubsort

Schöner Blick am Obersee: Der See bei Wandlitz ist ein idealer Ausflugs- und Urlaubsort

Foto: Amin Akhtar

Im zehnten Teil der Sommerserie geht es um den Obersee, die Geschichte eines Hotels und den Stargast Max Schmeling.

Die Sonne strahlt. Während sich die Bäume leicht im Wind wiegen, reflektiert das Licht auf dem Wasser. Wie Glitzerstaub, der auf dem Wasser treibt. Die Hunde schnüffeln im Laub. Tief einatmen. Es riecht nach Erde, Holz, Blumen. Es riecht nach Urlaub. Vergessen ist die umständliche Anreise. Mit der S-Bahn zum Bahnhof Bernau und von dort eine rund 20-minütige Taxifahrt raus. Busse fahren hier nur zwischen 8.30 und 18.30 Uhr, etwa im Drei-Stunden-Takt. Für die Pendler gibt es noch zwei Busse um 4.30 und 5.30 Uhr. Nur 40 Kilometer liegen zwischen Berlin Mitte und dem Seeschloss am Obersee – und doch kommt es einem ganz weit weg vor. Spätis und Kneipen sucht man hier vergeblich.

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„Herzlich Willkommen“ begrüßt der Schriftzug auf einem Torbogen die Gäste des Seeschlosses in Lanke. Der Barnimer Bezirk gehört zur Gemeinde Wandlitz. Der Ort Wandlitz, also der Mittelpunkt der Gemeinde, liegt etwa fünf Kilometer vom Seeschloss entfernt. Auf der Terrasse mit Seeblick nehmen Gäste des Hotels und Ausflügler ihr Abendbrot ein. Zurzeit ist Pfifferlingsaison. Von der Pfifferlingrahmsuppe über das Carpaccio mit Rucola, Parmesan und frischen Pfifferlingen bis zum Wildbraten mit Pfifferlingen, Apfelrotkohl und Klößen wird alles angeboten. Dazu gibt es Bier vom Fass.

Gekauft vom Fleischermeister

Das Hotel ist ein geschichtsträchtiger Ort, 1887 wurde es als „Waldschloß“ erbaut. Nach der Umbenennung und einigen Jahren der Pacht kaufte Julius Zimmler das Seeschloss von einem Fleischermeister. Zimmler besaß zu dieser Zeit schon eine kleine Destille am Rosenthaler Platz in Berlin, in der einige Amateurboxer nach dem Training einkehrten. Er bot ihnen an, für eine Reichsmark in seinem Hotel in Lanke zu übernachten, zu speisen und zu trainieren. So hatte Julius Zimmler nicht nur zusätzliche Gäste, sondern zog auch das schaulustige Publikum für Sparringskämpfe an. Eine lukrative Marketing-Aktion.

Dass zu dieser Zeit der spätere Boxweltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling, im hoteleigenen Ring trainierte, dort, wo jetzt die Terrasse des Hotels ist, ahnt erst einmal niemand. Eine Sitzecke gegenüber dem versteckt liegenden Empfangstresen erinnert an diese Zeit. Fotos von Schmeling im Hotel, Autogrammkarten, seine alten Boxhandschuhe und Briefwechsel sind in goldenen Bilderrahmen ausgestellt. „Gern denke ich an die schönen Trainingsjahre in Lanke zurück und erinnere mich an Ihren Großvater und Ihre Großmutter, die uns Sportler sehr nett betreut hat“, heißt es in einem Brief des Boxers an den Vater des heutigen Hotelbetreibers Max Zimmler. „Einige ältere Besucher reisen extra an, um sich die Wirkungsstätte von Max Schmeling einmal genauer anzuschauen“, erzählt Zimmler.

Zwischendurch wurde das Hotel als Pferdestall genutzt

Während des Zweiten Weltkrieges nutzten russische Soldaten den großen Raum, der heute als Hochzeitssaal dient, als Pferdestall und zerstörten viele Teile des Gebäudes. Nachdem Julius Zimmlers Sohn Heinz aus russischer Gefangenschaft in Sibirien freigelassen worden war, baute er gemeinsam mit seiner Frau das Hotel wieder auf.

Heinz Zimmler hatte es wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der UdSSR schwer. Ab 1980 wurde das Seeschloss dann nur noch als Restaurant betrieben. Der Zustand der Gebäude und die Tatsache, dass sie unbeheizbar waren, führte dazu, dass ein weiterer Hotelbetrieb nicht mehr möglich schien.

Nachdem der Sohn Ulrich die Führung des Hotels übernommen hatte und durch den Fall der Mauer der wirtschaftliche Aufschwung folgte, konnten die Gebäude generalüberholt werden. Der Hotelbetrieb kam wieder in Fahrt. Dabei ging keinesfalls der historische Charme verloren. Viel Holz, eine rustikale Einrichtung und nostalgische Dekoration sind erhalten geblieben.

Eine märchenhafte Trauung

„Viele Paare haben diesen großen Traum von einer Hochzeit. Am Wasser muss es sein, einen romantischen Park muss es geben und ein Schloss wäre auch schön“, erzählt Max Zimmler, der das Hotel vor drei Jahren von seinem Vater übernommen hat. „All das können wir hier vereinen.“ Tatsächlich feiert eine Hochzeitsgesellschaft am nächsten Tag im Schlossgarten. Bei strahlendem Sonnenschein sitzt das Brautpaar in einem Pavillon, die Verwandtschaft hat gerade die letzten Torten vorbeigebracht. Die Trauung wirkt fast märchenhaft.

Einen Tag zuvor regnete es noch. Es war eine Nacht zum Sommertanzen. Außer den Wassertropfen war nichts zu hören. Nur Stille in dem gemütlich eingerichteten Zimmer. Und ab und zu ein Hund. „Hunde sind hier zum Glück sehr willkommen“, erzählt eine ältere Dame. Ihr Hund ist klein und schwarz, hat gelocktes Fell. „So ein Hund kann die Hotelauswahl manchmal ganz schön einschränken. Aber hier kann man wunderbar am See spazieren gehen“, erzählt sie.

Glasklar und angenehm kühl

Der eiszeitliche Obersee liegt direkt vor dem Hotel. Das Wasser ist glasklar, angenehm kühl, was wohl durch das Frischwasser kommt, das aus dem Liepnitzsee durch den Obersee in den Hellsee fließt. Auch die Hunde gönnen sich eine Abkühlung. Sie springen an der Badestelle ins Wasser und rennen zwischen den Bäumen umher. Spaziergänger lassen sich dadurch nicht stören. „Das ist ein wunderbarer Ausflugsort“, sagt eine ältere Dame, „schön, wenn sich alle einfach mal entspannen können.“

400 Meter weiter befindet sich eine strandartige Badestelle mit einem kleinen Steg. Während Senioren durch das Wasser waten, springen die Kinder vom Steg ins Wasser. Köpper, Kerze, Bauchplatscher. „Ich mag hier einfach alles“, erzählt Jan. „Aber ganz besonders gefällt mir, dass man so toll ins Wasser springen kann.“ Mit seinen Großeltern kommt der Elfjährige regelmäßig her. Auch der fünfjährige Mads ist mit seinem Großvater hier. Doch anstatt im Wasser zu spielen, steht er auf dem Steg und hält ganz ehrfürchtig eine Angel. Gerade als der Fotograf eine Aufnahme machen möchte, spannt sich auf einmal die Schnur. „Mads, wir haben einen Fisch gefangen“, ruft sein Großvater Wolfgang ihm aufgeregt zu. Gemeinsam ziehen sie ihn aus dem Wasser, und der Großvater erklärt seinem Enkel, dass dies eine Rotfeder ist.

Abreise ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich

Wer an diesem Wochenende weder angeln noch schwimmen möchte, der hat die Möglichkeit, sich am Hotelsteg ein Boot auszuleihen. Zwar ist der See mit seinen 800 Metern Länge und 150 Metern Breite recht überschaubar, doch hat der Anblick auf die zahlreichen Laub- und Nadelbäume – abgesehen von der angrenzenden Autobahn, von der durch den Wind immer mal wieder Motorengeräusche zum See getragen werden – etwas Beruhigendes. Zum Mittagessen gibt es Zander. Danach geht es zurück nach Hause. „Auf Wiedersehen“ steht auf der Rückseite des Torbogens. Um diese Uhrzeit ist sogar eine Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich. Die Bushaltestelle ist knapp sieben Minuten entfernt. Während der Bus noch langsam durch die ländliche Region fährt, kehrt Berlin immer mehr in das Bewusstsein zurück. Der kleine Urlaub, irgendwo im Nirgendwo, ist vorbei.

Seeschloss Hotel, Restaurant und Hochzeitsvilla, Am Obersee 7, Wandlitz, DZ ab 75 Euro (mit Frühstück), Restaurant 11.30 Uhr bis 21.30 Uhr geöffnet, Tel. 03337-2043, www.seeschloss-lanke.de

Anreise Mit dem Auto von der A11 die Ausfahrt 13, Richtung Lanke/Prenden/Biesenthal nehmen, Prendener Allee und Lanker Dorfstraße bis zum Ziel. Mit der S-Bahn (S2) oder der Regionalbahn (RE 3332, RE3) bis nach Bernau, weiter mit dem Bus 890 bis Lanke Dorf, von dort sind es fünf Minuten Fußweg.

Waldsiedlung Wandlitz Von 1960 bis 1989 residierten hier die SED-Chefs des Politbüros mit ihren Familien, umsorgt von 650 Bediensteten, 200 Soldaten und Offizieren, abgeschottet durch eine Mauer. Die meisten Häuser kann man nur von außen sehen. Aber in der Ulbricht-Villa, Breitscheidstraße 8–9, gibt es eine Ausstellung (bis 9. November). Eintritt: 6 Euro.

Naturpark Barnim Der Naturpark bietet diverse Möglichkeiten: Am Liepnitzsee kann gebadet, im Botanischen Garten Blankenfelde gepicknickt und auf dem Langen Trödel und Finowkanal gepaddelt werden. Das Biesenthaler Becken lädt zum Fahrradfahren ein, während die Fließe, etwa das Nonnenfließ zum Wandern einladen.

>>>Alle Teile der Serie "In Berliner Betten" gibt es hier<<<