Lebensgefährliches Video

S-Bahn-Surfer filmen sich beim Picknick auf fahrendem Zug

| Lesedauer: 4 Minuten
Jens Anker
Das Video der S-Bahnsurfer zeigt die maskierten Jugendlichen beim Picknick auf dem Dach der fahrenden S-Bahn

Das Video der S-Bahnsurfer zeigt die maskierten Jugendlichen beim Picknick auf dem Dach der fahrenden S-Bahn

Foto: Berlin Kidz / Vimeo

Im Netz kursiert ein dreistes Video über eine lebensgefährliche Fahrt auf einem S-Bahn-Dach. Die Berliner S-Bahn erstattete Anzeige.

Die S-Bahn und die Bundespolizei beschäftigt derzeit ein besonders dreister Fall des S-Bahnsurfens. Seit kurzem kursiert ein Video im Internet, das die Graffitigruppe „Berlin Kidz“ zeigt, wie sie mit einem Tisch und zwei Stühlen auf einem S-Bahnwagen surft.

Mehrere junge Männer klettern dem Video zufolge auf dem S-Bahnhof Grunewald vom Bahnhofsdach auf den S-Bahnwagen und simulieren ein Picknick – bei voller Fahrt. Am Ende werfen sie Tisch und Bänke vom Dach, klettern am S-Bahnhof Nikolassee vom Dach und verschwinden. Alle Täter sind während der Aufnahmen maskiert.

Die Bundespolizei hat die Ermittlungen übernommen

„Wir sind entsetzt über diese Aktion, mit der junge Leute höchst leichtsinnig ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben“, sagte S-Bahnsprecher Ingo Priegnitz am Montag. „Bahnanlagen sind keine Spielplätze! Wir warnen eindringlich vor solchen vermeintlichen Mutproben, die in vielen Fällen tragisch enden.“

Seit Jahren kläre die Bahn vielfältig über die Gefahren auf. Das Video sei bereits mindestens zwei Monate alt, heißt es. Die S-Bahn Berlin hat bei der Bundespolizei eine Strafanzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr gestellt. Die Bundespolizei wollte sich am Montag zunächst nicht dazu äußern.

Der Film ist aufwendig produziert, teilweise musikalisch untermalt und erzählt eine kleine Geschichte, die es nach Angaben von Experten besonders attraktiv für mögliche Nachahmer macht.

Das gefährliche Eingreifen in den Bahnverkehr ist nach Paragraf 315 des Strafgesetzbuches eine Straftat, die mit einer Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren bestraft werden kann. In einfachen Fällen kann das Surfen auch als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro verfolgt werden.

19-Jähriger stirbt beim S-Bahnsurfen

Die Strecke zwischen Grunewald und Nikolassee ist eine der längsten ohne Stopp im Berliner Schienennetzverkehr. Deswegen ist sie bei Bahnsurfern besonders beliebt. Vor einem Jahr starb ein 19-Jähriger an gleicher Stelle kurz vor dem S-Bahnhof Nikolassee beim S-Bahnsurfen. Er stieß kurz vor Erreichen des Bahnhofs gegen eine Signalbrücke. Er starb noch auf dem Bahnhof. Sein 18 Jahre alter Begleiter erlitt einen Schock.

In den Sommermonaten kommt es bei der Bahn regelmäßig verstärkt zu Graffiti-Schmierereien und Vorfällen durch das lebensgefährliche S-Bahnsurfen. Dazu kommt, dass immer mehr Jugendliche aus der Szene gezielt nach Berlin kommen, um in der Stadt Farbspuren zu hinterlassen oder zu surfen.

Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Treffpunkt der Szene entwickelt. Die meist jugendlichen Täter haben wegen der Ferien offenbar mehr Zeit und Möglichkeiten, ihrem illegalen Hobby nachzugehen. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass das Video erst jetzt im Internet kursiert.

Immer wieder sterben Jugendliche

Insgesamt starben im vergangenen Jahr drei Berliner und Brandenburger beim S-Bahnsurfen. Ein Jahr zuvor hat der Fall eines weiteren Todesopfers große Aufmerksamkeit erzeugt. Der 19 Jahre alte Valerian Verny war mit fünf gleichaltrigen Freunden in Höhe des Bahnhofs Yorckstraße (Großgörschenstraße) auf das Dach einer S-Bahn geklettert.

Nach etwa einem Kilometer Fahrt – und dem Halt an der Station Julius-Leber-Brücke – wurde der 19-Jährige in Schöneberg bei der Einfahrt in einen kurzen Tunnel vom Dach gerissen. In Gedenken an ihn hat die Familie des Todesopfers eine Stiftung gegründet, die Kinder und Jugendliche für Literatur begeistern sollen. Der 19-jährige Verny wollte Autor werden und studierte an der Humboldt Universität Literatur.

Die Berliner S-Bahn erfasst die Schäden durch Farbschmierereien nicht im Einzelnen. Insgesamt gibt die Bahntochter pro Jahr etwa sieben Millionen Euro für die Beseitigung von Vandalismus- und Graffitischäden aus, hinzu kommen erhebliche Aufwendungen für zusätzliches Sicherheitspersonal. Bahnsurfen, auch „Train-Riding“ genannt, war nach den Erkenntnissen der Bundespolizei vor allem in den 90er-Jahren ein Problem. Zuletzt seien die Taten jedoch rückläufig gewesen.