Übler Gestank

Wieso in Berlins Flüssen und Seen jetzt tote Fische treiben

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Paul Hertzberg
Erstickt bei zu viel Regen: Tote Fische

Erstickt bei zu viel Regen: Tote Fische

Foto: Sabina Albrechtskirchinger / BM

Bei zu viel Regen ersticken die Fische. Berlin investiert deshalb in einen erweiterten Überlaufspeicher der Kanalisation.

Kleinmachnow/Berlin.  Sabina Albrechtskirchinger sah die toten Fische als sie, wie jeden Morgen, entlang des Teltowkanals laufen ging. „Ich war mit einem Kollegen unterwegs, als uns der Gestank auffiel“, sagt sie. Seit vier Wochen wohnt Albrechtskirchinger wegen einer Schulung in einem Hotel am Machnower See. Vier Wochen, in denen sie jeden Morgen ihre Runde drehte, entlang des Wassers, ohne einen einzigen toten Fisch zu sehen. Am Sonntagmorgen waren es davon dann gleich Hunderte.

„Die ganze Oberfläche war voll von ihnen“, sagt Albrechtskirchinger. Das fiel nicht nur ihr auf. „Überall“, sagt sie, „standen Passanten am Machnower See und haben sich darüber empört.“ Auch in Berlin kam es zum Fischsterben. So trieben nach dem Unwetter am vergangenen Mittwoch unzählige Fischleichen auch auf der Spree und dem Landwehrkanal. Zu dem Fischsterben kommt es in Berlin und Brandenburg jeden Sommer nach starken Regenfällen. Grund dafür ist die Sauerstoffarmut in den Gewässern. So widersprüchlich das klingt: Bei zu viel Regen ersticken die Fische. Dabei spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle.

„Ungeachtet der Sintflut des vergangenen Mittwochs“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, „hatten wir in letzter Zeit relativ wenig Regen in der Region.“ Daher führe die Spree noch weniger Wasser als sonst. Die Berliner Schifffahrtskanäle, so Natz, „fließen so langsam, dass wir fast von stehenden Gewässern sprechen können.“ Dazu komme die Wärme, die Sonneneinstrahlung, all das sei ein Paradies für Kleinstlebewesen, für Algen und Organismen, die viel Sauerstoff verbrauchen. „Kommt dazu noch ein besonders starker Regen“, erklärt Natz, „spült dieser zusätzliche Biomasse in die Gewässer.“ Blütenstaub, Schmutz, Blätter und kleine Zweige werden im Wasser zersetzt. Dieser Prozess bindet noch mehr Sauerstoff, der den Fischen zum Atmen fehlt.

Die Gewässer können kippen und die Fische sterben

In Berlin läuft Regenwasser im Normalfall über die Abwasserkanäle in die Klärwerke. Ist deren Kapazität allerdings überschritten, gelangt das Wasser über eine Überlaufschwelle in Stauraumkanäle. Bei extrem starken Niederschlägen ist allerdings auch deren Volumen zu gering. Dann läuft das Abwasser in die Flüsse. Die Gewässer können kippen und die Fische sterben.

Dieses Problem, also die überlasteten Abwasserkanäle, gäbe es am Machnower See nicht, erklärt Stephan Natz. „Die Mischwasserkanalisation gibt es nur innerhalb des S-Bahnrings in Berlin.“ Außerhalb davon, wie am Machnower See, reiche die Mischung aus sehr hohen Temperaturen, vom Regen über die Böschung gespülter Biomasse und Schiffen, die die Sedimente aufwirbeln, die im Sommer ebenfalls zu einem Fischsterben führen.

„Viele Bürgerinnen und Bürger“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, „sind natürlich besorgt, wenn sie im Sommer all die Fische mit dem Bauch nach oben treiben sehen.“ Das sei, gerade wegen der damit einhergehenden Geruchsentwicklung, absolut verständlich. Trotzdem müsse man sich klarmachen, dass der Tod der Fische ein alljährlich auftretendes Phänomen und keine Katastrophe sei. „Die Fischpopulationen leiden darunter jedenfalls nicht extrem“, so Rohland. Für die Entfernung der toten Fische, erklärt sie, seien die Fischereiämter zuständig, die bei hoher Belastung allerdings nicht immer gleich zur Stelle sein könnten.

Ein Belüftungsschiff fährt rund um die Uhr

Außerdem werden in Berlin und Brandenburg Maßnahmen ergriffen, die das Problem der Sauerstoffarmut eindämmen sollen. „Im Moment fährt auf Berliner Kanälen rund um die Uhr ein Belüftungsschiff“, so Rohland. Dieses Schiff pumpe den ganzen Tag über Sauerstoff ins Wasser. Gemeinsam mit den Berliner Wasserbetrieben investiert das Land Berlin außerdem seit mehr als zehn Jahren 300 Millionen Euro in die Erweiterung des Überlaufspeichers der Kanalisation. Mehr als 300.000 zusätzliche Kubikmeter Speichervolumen will man bis 2020 schaffen. 235.000 sind bereits gebaut.

„Bei Regengüssen wie dem des vergangenen Mittwochs“, macht Stephan Natz aber klar, „wird auch das nicht reichen.“ Letzte Woche habe man in einigen Teilen Berlins innerhalb kurzer Zeit eine Wassermenge gemessen, wie sie statistisch nur alle einhundert Jahre zusammenkomme. Dagegen könne man sich nicht wappnen. „So ein Regen wird jedes System immer überlasten.“