Zu wenig Büroflächen

Start-ups verdrängen in Berlin Künstler und Gewerbe

Der Kampf um Büros und Ateliers in Berlin wird immer härter. Doch jetzt könnte ein Modellprojekt alles besser machen.

Zukunftssorgen: die PostOst-Künstler Katrin Plavcak, Veronika Schumacher und Alexander Callsen (v.l.)

Zukunftssorgen: die PostOst-Künstler Katrin Plavcak, Veronika Schumacher und Alexander Callsen (v.l.)

Foto: Amin Akhtar

Pläne für neue Start-up-Zentren gefährden die Existenz von Künstlern und Gewerbetreibenden in Berlin. Das Post­gebäude an der Palisadenstraße 89 in Friedrichshain und ein Bauwerk der ehemaligen Agfa-Fabrik an der Lohmühlenstraße 65 in Treptow sollen Teil eines stadtumfassenden Gründercampus werden, der mit der Factory an der Mauergedenkstätte in Mitte und ihrer Zweigstelle am Landwehrkanal in Kreuzberg seinen Anfang nahm. Folgt der Gentrifizierung einstiger Arbeiterbezirke durch Besserverdiener und Touristen nun die Gentrifizierung der Künstler und Gewerbetreibenden durch Gründer, die mit internationalem Wagniskapital finanziert werden und deshalb höhere Mieten zahlen können?

In dem ehemaligen Postamt an der Palisadenstraße 89 arbeiten seit mehr als zehn Jahren 40 bis 50 freischaffende Künstler: Maler, Designer, Fotografen und Musiker. Die Ateliermieten in dem „PostOst“ genannten Zentrum sind niedrig, die Lage ist zentral. Nachdem die Immobilie an eine Gesellschaft im Umfeld des Factory-Gründers Udo Schloemer verkauft wurde, stand fest, dass die Künstler raus müssen. Mitte Juli feierten sie ihr Abschiedsfest.

Land Berlin geht beim „PostOst“ in Vorleistung

Das Aus kam nicht überraschend. Die Pläne des Investors sind seit Monaten bekannt. Künstler, Atelierbeauftragte, Politik und der Bauherr sind seit Monaten im Gespräch. Bei einem Panel auf der Netzkonferenz re:publica im April in Berlin waren sie sich darin einig, eine gemeinsame Lösung finden zu wollen. Da war von einem „Vorbildprojekt gegen Gentrifizierung“ die Rede.

„Wir haben hier die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen“, sagte Kulturstaatssekretär Tim Renner beim Abschiedsfest der Künstler am 16. Juli an der Palisadenstraße. „Es gilt ein Zeichen zu setzen, dass Start-ups nicht das verdrängen, was Start-ups erst möglich gemacht hat – die Kultur. Diese Chance haben alle Beteiligten zusammen“, sagte der Politiker in einem Video, das im sozialen Netzwerk Facebook verbreitet wurde.

So sehen das auch die Künstler aus dem PostOst. „Die Kunst macht Berlin erst interessant“, sagt die Malerin Katrin Plavčak, die weniger als 400 Euro für ihr Atelier in dem Postgebäude bezahlt und sich Zukunftssorgen macht. Eine höhere Miete kann sie sich nicht leisten. Sie hat noch kein Ausweichquartier, denn Ateliers sind knapp und teuer. Ihre großformatigen Bilder lagert sie bei Freunden ein. Ihrer Ateliernachbarin Veronika Schumacher geht es ähnlich. Sie fürchtet, dass Berlin demnächst nicht mehr „arm, aber sexy“, sondern „arm und unsexy“ ist , sollte in der Stadt kein Platz mehr für Künstler sein.

Das Land Berlin, das bei ähnlichen Vorgängen in der Vergangenheit meistens nur den Schaden begrenzen und die Scherben zusammenfegen konnte, ist beim „PostOst“ in Vorleistung gegangen. Denn innovative Lösungen, die den Herausforderungen der wachsenden Stadt gerecht werden, sollen Schule machen. „Jetzt wird in Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Raumlabor eine Machbarkeitsstudie für eine Aufstockung des Postgebäudes an der Palisadenstraße 89 erarbeitet. In den zusätzlichen Ateliers und Probenräumen auf dem Dach des PostOst könnten dann Künstler arbeiten“, sagt Florian Schmidt, der Atelierbeauftragte für Berlin. Einen entsprechenden Projektantrag hat die Kulturverwaltung am 15. Juli genehmigt. Denkbar sei eine Architektur, die aus Modulen zusammengesetzt ist. Schmidt sieht in dem Aufbau ein Modellprojekt für eine neue Koexistenz von Gründern und Künstlern.

"Berlin verdankt Image den Künstlerinnen und Künstlern"

Beim „PostOst“ geht es um mehr als ein paar Tausend Quadratmeter Bürofläche für junge Technologieunternehmen. „Denn Berlin verdankt Image und Ausstrahlung wesentlich den Künstlerinnen und Künstlern der Stadt“, lässt sich Tim Renner in einer Mitteilung zitieren. „Als Pioniere haben sie auf Freiflächen Stadtentwicklung gelebt und Berlin als internationales Zen­trum der Kunstproduktion geprägt.“ Auf Facebook scheibt der Kulturpolitiker: „Wir versuchen beides möglich zu machen. Künstler und Start-ups.“

Auch Christophe Maire, einer der ersten Gründer und Investoren in Berlin, ist überzeugt, dass diese neue Art der Koexistenz funktionieren könnte. „Start-ups sind Kunst, die Suchen des Neuen und Bedeutungsvollen, fragil, unvorhersehbar. Sie erfordern zunächst Unterstützung und können mit der Zeit wertvoll werden (oder auch nicht). Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Unternehmertum (kollektive) Kunst ist“, antwortet er sinngemäß auf Renners Facebook-Nachricht.

Factory-Marketingchef Lukas Kampfmann bestätigte Pläne, den Gründercampus in der ehemaligen Post zu erweitern. „Sie sind aber noch in einem frühen Stadium.“ Die Factory sei nur Mieter. Eigentümer des Gebäudes sei eine Projektgesellschaft. „Es wäre eine große Chance, wenn hier Künstler und Start-ups unter einem Dach arbeiten könnten.“ Es sei nicht die Absicht der Factory, Künstler zu vertreiben. Das Unternehmen will nun das Ergebnis der Machbarkeitsstudie abwarten.

Gerüchte über neuen Campus unweit des Landwehrkanals

Unklarer als in Friedrichshain ist die Situation im Drei-Bezirke-Eck zwischen Treptow, Kreuzberg und Neukölln. Ein Unternehmen aus dem Umfeld der Factory soll ein Gebäude der historischen Agfa-Fabrik an der Lohmühlenstraße 65 unweit des Landwehrkanals gekauft haben, um auch dort einen Start-up-Campus einzurichten. „Die Gerüchteküche brodelt, sagt der Köpenicker Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD). Er bestätigt den Erhalt einer Bauvoranfrage der neuen Eigentümer.

Er würde gerne mit den neuen Eigentümern über die Pläne sprechen. Doch offenbar hat das Bezirksamt Schwierigkeiten, diese zu erreichen. „Ich habe nichts gegen Start-ups – im Gegenteil“, sagt Hölmer. „Doch mir gefällt hier nicht, dass eine Verdrängung von alteingesessenem Gewerbe durch Start-ups stattfindet.“

Büroflächen sind ein seltenes Gut in Berlin

Büroflächen sind in Berlin ein knappes Gut geworden. Das Angebot steigt zwar deutlich. Es kann die ebenfalls gestiegene Nachfrage aber nicht befriedigen. „Einer der Treiber am Berliner Büroimmobilienmarkt sind Start-ups. Keine andere Stadt in Deutschland zieht aktuell so viele Unternehmensgründer an wie Berlin“, sagt Niclas Karoff, Vorstand der TLG Immobilien AG, der kürzlich eine Marktstudie präsentierte. Der Umsatz an Flächen ist um 24 Prozent auf 848.000 Quadratmeter gestiegen – das entspricht der Fläche von mehr als 100 Fußballfeldern. Die Mietpreise ziehen durch die steigende Nachfrage an und erreichen am Ende des ersten Halbjahres 2016 im Durchschnitt 15,60 Euro/Quadratmeter, ein Plus von 5,4 Prozent gegenüber Ende 2015.

Büroimmobilien erreichen auf dem Berliner Markt die höchste Zuwachsrate. Ihr Anteil am Gesamtimmobilienmarkt betrug im vergangenen Jahr 54 Prozent. Das entspricht einem Anstieg von 14 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Die Leerstandsquote bei den Büroimmobilien ist im Jahresvergleich um 1,2 Prozentpunkte auf 3,8 Prozent gesunken.