Graffiti-Aktion

Wie aus einem Hakenkreuz eine Mücke wird

Graffiti hat nicht den besten Ruf. Bei dieser Aktion ist das anders: Berliner Künstler übermalen rechte Schmierereien.

Auf eine Mauer an einem Schöneberger Spielplatz war eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz gesprüht. Daraus entstanden Kescher und Mücke – und Ibo Omari rief eine ungewöhnliche Kunstaktion ins Leben

Auf eine Mauer an einem Schöneberger Spielplatz war eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz gesprüht. Daraus entstanden Kescher und Mücke – und Ibo Omari rief eine ungewöhnliche Kunstaktion ins Leben

Foto: Sergej Glanze

Kunst oder Vandalismus – Graffiti spaltet die Gemüter. Selbst für Ibo Omari, der in seinem Laden Legacy in Schöneberg Sprühflaschen verkauft, von Graffiti also lebt, ist das nicht immer eindeutig. In den meisten Fällen würde er zwar antworten: Kunst. Aber es gibt auch Fälle, da schüttelt er den Kopf. Er will niemanden zum illegalen Sprayen anstiften und schon gar nicht zu halsbrecherischen Aktionen. Und vor allem ist er gegen gewaltverherrlichende und rechtsradikale Motive.

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Darum hat der 35-Jährige zusammen mit einigen Künstlern im Frühjahr die Aktion „Paint Back“ gestartet. Die Gruppe übermalt in Berlin rechte Schmierereien. Ein Kunde gab dazu den Anstoß. Der Mann war zum ersten Mal in Ibo Omaris Geschäft: „Zwei Spraydosen wollte er kaufen und ich habe ihn gefragt, was er damit vorhat.“ Gleich um die Ecke, auf einem Spielplatz an der Großgörschenstraße habe jemand auf anderthalb Meter Länge eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz gesprüht, das sei furchtbar und das wolle er übersprühen, erklärte der Mann. Omari hat dem Kunden die zwei Dosen nicht verkauft. Natürlich war auch er entsetzt. Aber er dachte sich: Statt einfach nur drüberzusprühen, könnte man aus dem hässlichen Motiv doch etwas Schönes machen. Also rief er Poet an, einen Freund und Graffiti-Künstler. Und schon am nächsten Tag war aus dem Nazisymbol eine Mücke mit Kescher geworden, darüber die Aufforderung „Nazis catchen“ und die Signatur Paint Back.

Kinder haben Motive zum Übermalen entwickelt

Die Aktion sprach sich schnell herum. Kurz danach stand ein Mitarbeiter der Parkleitung Gleisdreieck bei Omari im Laden: Im Park gebe es zwei Hakenkreuze. Auch die wurden übermalt. Zusammen mit Kindern haben Graffiti-Künstler um Ibo Omari dafür Motive entwickelt, die leicht nachzumalen waren. Sie wollten nicht nur die Nazisymbole zu freundlichen Motiven umgestalten, sondern auch andere Menschen dazu anstiften, ihrem Beispiel zu folgen. Die Kinder fanden viele Motive: einen Hasen, eine Eule, einen Zauberwürfel, ein Fenster, in dem eine Katze saß. Alle leicht von Laien reproduzierbar, sagt Omari.

Dann haben die Künstler in ganz Berlin nach Hakenkreuzen gesucht und bis heute fast 20 gefunden, „Im Osten waren es doppelt so viele wie im Westen“. Die Übermalaktionen wurden dokumentiert. Entstanden ist daraus ein Ein-Minuten-Film, der allein auf Facebook millionenfach geklickt wurde. Und inzwischen gibt es tatsächlich schon viele Nachahmer. In Bremen, Kiel und Hamburg hätten bereits ähnliche Aktionen gestartet, weiß Omari.

Die Reaktionen der Anwohner auf die Aktion fiel unterschiedlich aus

Wichtig, das betont er immer wieder, sei aber, erst mal vom Eigentümer der entsprechenden Wand eine Genehmigung zum Übermalen zu bekommen, bevor man loslegt. Auch Ibo Omari hat das vor jeder Übermalaktion gemacht. „Manchmal ging es schnell, da hieß es: Macht bloß weg“, erinnert er sich, manchmal dauerte es länger, aber bekommen haben sie die Erlaubnis immer. Vor Ort seien die Reaktionen unterschiedlich gewesen. Die meisten Menschen hätten sich gefreut, dass die Schmierereien wegkämen, aber es gab auch skeptische Anwohner, die in der Aktion keine Verschönerung, sondern eine weitere Schmiererei sehen wollten. Aber das sei die Ausnahme gewesen, betont er.

„Paint Back“ ist nicht die erste Graffiti-Aktion von Ibo Omari. Vor drei Jahren war er Mitgründer des Vereins „Die kulturellen Erben“, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Hip-Hop-Kultur im Kiez zu bewahren oder wiederzubeleben. Dabei lehnen die „Erben“ vieles am heutigen Hip-Hop ab, die Kommerzialisierung, die gewaltverherrlichenden Texte in vielen Raps, sie berufen sich vielmehr auf die Ursprünge und die Grundideen. „Früher ging es noch um soziale Gerechtigkeit, um eine Gemeinschaft stiftende Kultur“, sagt Omari, davon sei heute nicht mehr viel übrig. Hier wollen die „Erben“ nachhelfen. Sie bieten Workshops zu Graffiti, Rap, DJing und Breakdance an, den vier Säulen des Hip Hop. Die Angebote, für die der Verein jetzt sogar eine Förderung durchs Quartiersmanagement bekommen hat, sind für die Jugendlichen kostenfrei.

Wer sich an der Hall of Fame verewigen will, braucht einen Malpass

Der Verein hat sich auch dafür eingesetzt, dass im Park am Gleisdreieck legal gesprayt werden darf. Etwa ein Jahr musste Omari dafür verhandeln, konnten die Parkleitung aber schließlich überzeugen, „auch weil es letztlich billiger ist, als wenn jedes Mal ein Reinigungsauftrag ausgelöst wird“, erklärt er. Und verhindern lasse sich das Sprayen am Gleisdreieck doch ohnehin nicht, einem Ort, der immer zugänglich ist und an dem Graffiti eine jahrzehntelange Tradition hat.

Wer an der „Hall of Fame“, die nun unter der Obhut der „kulturellen Erben“ steht, Graffitis hinterlassen will, braucht allerdings einen Malpass, den Omari in seinem Geschäft ausstellt. Er ist kostenlos, aber die Nutzer verpflichten sich, bestimmte Regeln einzuhalten: keine Gewalt verherrlichenden Motive, Graffiti nur an den vorgegebenen Stellen, kein Müll hinterlassen. Zweimal am Tag schauen die „Erben“ vorbei, ob alles in Ordnung ist. Fast 1000 Pässe hat Omari bereits ausgestellt, die Nutzer kommen aus ganz Berlin und auch viele Graffiti-Touristen sind dabei.

Ibo Omari wurde als Kind beim illegalen Sprayen erwischt

In erster Linie richten sich die Aktionen des Vereins aber an Jugendliche im Kiez, im Nordosten Schönebergs. Die Bevölkerung ist hier bunt gemischt, viele Familien haben einen Migrationshintergrund, Auch Ibo Omari selbst war Flüchtlingskind. Hochschwanger verließ die Mutter während des libanesischen Bürgerkriegs Beirut. Sie wollte nach Deutschland, landete aber zunächst in Warschau, Ibo Omari kam im Flughafenkrankenhaus zur Welt. Wenige Tage später erreichte die Familie dann Berlin. Wenn man Ibo Omari fragt, wo er zu Hause ist, sagt er: „Ich bin Schöneberger.“

Omari selbst hat als Kind angefangen zu sprayen, „zu taggen“, wie es im Graffiti-Jargon heißt, also sein Pseudonym irgendwohin zu sprayen, gleichsam um sein Revier zu markieren. Sein Künstlername war Leon. Eines Tages erwischte ihn aber der Hausmeister seiner Schule, weil er den Tag nicht nur an der Wand der Schule, sondern auch in Ibos Kunstmappe entdeckt hatte. Er bekam eine Anzeige. „Ab da war erst mal Schluss“, sagt Omari, er ist nicht einer, der auf Krawall gebürstet ist. Erst Jahre später fing er wieder an mit Graffiti, ganz legal durfte er da – welch Zufall – die Rückwand seiner Schule bemalen.

Die „kulturellen Erben“ setzen sich für mehr legale Flächen für Graffiti ein

Dass Graffiti mal zu seinem beruflichen Inhalt werden sollte, wusste er da noch nicht. Nach dem Abitur hat er erst einmal Mathe und BWL studiert, danach Multitouch-Bildschirme gebaut. Als dann vor drei Jahren ein Freund, der um die Ecke den legendären Graffiti- Laden Downstairs aufgeben wollte, schüttelte Ibo Omari den Kopf und trat kurzentschlossen das Erbe des Downstairs an. Ein paar Häuser weiter gibt es seit 2014 nun sein Geschäft Legacy, was übersetzt Erbe heißt.

Von Farbdosen allein kann er aber kaum leben, die Margen sind gering. Er verkauft deshalb auch alles, was sonst noch in der Graffitiszene dazugehört: Schuhe, Taschen, Shirts, Basecaps. Im Laden steht eine Textildruckmaschine und im Nebenraum hat er neuerdings auch eine riesige Näh- und Stickmaschine. Damit er sie bedienen und demnächst auch Caps besticken kann, macht er gerade einen Nähkurs. Die beiden Damen, die mit im Kurs sitzen, hätten etwas erstaunt geschaut, als er zum ersten Mal kam. Aber seit er ihnen von seiner Nähmaschine erzählt hat, seien sie einfach nur beeindruckt.

Auch mit seinem Verein engagiert er sich weiter, damit Graffiti in Zukunft mehr als Kunst und weniger als Schmiererei betrachtet wird. Schließlich soll es ja auch ab 2017 in Berlin ein eigenes Museum für Streetart geben. Die Aktion Paint Back ist dabei ein erster Schritt. Wichtig sei aber auch, dass es mehr legale Flächen für Graffiti gibt. Allein Tausende Graffiti-Touristen würden geschätzt jedes Jahr in die Stadt kommen. Die könne man ja nicht alle an die Hall of Fame am Gleisdreieck schicken.