Überprüfung

Das sind die Tricks der Berliner Taxibetriebe

Etwa 77 Prozent der Taxis betrügen laut Studie. Mit einer einfachen Überprüfung von Erlös und Umsatz könnten sie entlarvt werden.

Ein Taxistand am Flughafen Tegel - Steuern und Sozialabgaben zu hinterziehen ist im Berliner Taxigewerbe nicht die Ausnahme, sondern die Regel

Ein Taxistand am Flughafen Tegel - Steuern und Sozialabgaben zu hinterziehen ist im Berliner Taxigewerbe nicht die Ausnahme, sondern die Regel

Foto: dpa

Die Zahlen sind alarmierend: Laut einer Studie hinterzieht ein Großteil der Berliner Taxibetriebe systematisch Steuern und Sozialabgaben. Etwa 77 Prozent der Berliner Taxis würden „von irregulär arbeitenden Unternehmen betrieben“, heißt es in der Untersuchung des Marktforschungsinstituts Linne+Krause im Auftrag der Senatsverkehrsverwaltung. Die Verfasser sprechen von einer „Schattenwirtschaft“, in deren Zentrum rund 130 größere Unternehmen mit zusammen 2100 Fahrzeugen stünden.

Die Studie nennt auch Details, wie die Betrügereien funktionieren. Diese entdeckten die Verfasser insbesondere im Rahmen einer betriebswirtschaft­lichen Plausibilitätsprüfung, die einen erheblichen Anteil der gesamten Untersuchung bildete. Zentrale Frage bei der Prüfung war, ob die vom Taxiunternehmen eingereichten steuerlichen und betrieblichen Angaben „mit den Regeln betriebswirtschaftlicher Logik zu vereinbaren sind“. Bei etlichen Firmen sei bereits „auf den ersten Blick“ zu erkennen, dass dies nicht der Fall sei, heißt es in der Expertise. Diese Betriebe bezeichneten die Marktforscher als irregulär oder semiprofessionell.

Jahresumsatz pro Fahrzeug viel zu niedrig angesetzt

Ein sehr wichtiger Parameter für die Plausibilitätsprüfung ist der Jahreserlös pro Fahrzeug. Nutzt nur ein Fahrer das Taxi und gibt einen Jahresumsatz unter 35.000 Euro an, so deute das auf eine „semiprofessionelle Betriebsführung“ hin. Nach Vergleichsdaten des Bundesverbandes des Taxi- und Mietwagengewerbes (BZP) müsste er rund 10.000 Euro darüber liegen. Bei Betrieben mit mehreren Fahrzeugen, insbesondere bei größeren Unternehmen, müssten sogar noch höhere Werte angenommen werden. Denn ein mit angestellten Fahrern betriebenes Taxi sei selbst vor Einführung des Mindestlohns nicht mit Jahreserlösen unter 50.000 Euro zu führen. Die als semiprofessionell bezeichneten Berliner Taxifirmen mit mehreren Fahrzeugen hätten dagegen für 2014 nur Durchschnittserlöse von etwa 35.000 Euro angegeben. Zur Einordnung: Die umsatzstärksten Berliner Betriebe erreichten 2014 annähernd die Marke von 100.000 Euro.

Aussagekräftig, so die Marktforscher, seien zudem die Personalkosten, besonders die der größeren Betriebe. Seit dem 1. Januar 2015 gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro auch für das Taxigewerbe. Unter der Annahme von sechs Schichten zu je acht Stunden, also 48 Arbeitsstunden in der Woche und einem Bruttolohn von 8,50 Euro errechne sich einschließlich Arbeitgeberanteilen und vier Wochen Urlaub ein Aufwand von etwa 28.000 Euro für einen Vollzeitmitarbeiter. Allein im Zweischichtbetrieb fallen also etwa 56.000 Euro für ein Taxi an. So kommt Linne+Krause zu dem Schluss: „Größere Mehrwagenbetriebe mit nachhaltig deutlich weniger als 25.000 bis 30.000 Euro Personalkosten je Fahrzeug lassen den Verdacht der Schwarzarbeit aufkommen.“ Eine weitere wichtige Größe, um eine plausible Betriebsführung festzustellen, seien Kraftstoffkosten und Kraftstoffverbrauch. Häufig seien beide Größen nicht in Einklang zu bringen.

Die Unregelmäßigkeiten sind laut Studie keine Einzelfälle

Wenn der angebliche Erlös eines Taxis nur bei 26 Prozent des in Berlin erzielten Durchschnitts liegt, ist mehr als wahrscheinlich, dass etliche Fahrten nicht korrekt abgerechnet wurden. Gleiches gilt für jährliche Personalkosten von nur 7000 Euro pro Fahrzeug. Das würde bedeuten, dass das Taxi nur in einer Schicht pro Tag benutzt wird und der Fahrer lediglich rund ein Viertel des gesetzlichen Mindestlohns bekommt.

Die Verfasser der Studie machen deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. „Mit Blick auf die Schattenwirtschaft zeigt sich in Berlin eine bundesweit beispiellose Situation, die das Taxigewerbe der Stadt in eine extreme Schieflage gebracht hat“, schreiben sie. Die Überprüfung habe ergeben, dass etwa 80 Prozent der Berliner Taxibetriebe „offenkundig jenseits der betriebswirtschaftlichen Plausibilität arbeiten“, also Steuern und Sozialabgaben in großem Umfang hinterziehen.

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