Firma Rausch

Wie sich ein Schokoladenhersteller neu erfindet

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Jürgen Stüber
Robert Rausch in der Produktion des Schokoladenherstellers

Robert Rausch in der Produktion des Schokoladenherstellers

Foto: David Heerde

Die Berliner Firma Rausch erfindet sich neu. In den Supermärkten gibt es ihre Produkte nicht mehr. Kein Rückzug, sondern Aufbruch.

Berlin.  Vor vier Wochen war er auf den Karibikinseln Trinidad und Grenada und im mittelamerikanischen Costa Rica, vor zwei Wochen auf Bali. Robert Rausch kommt viel rum bei der Suche nach den besten Kakaobohnen dieser Welt. „Vom Baum zur Haustür“, ist das Motto des Berliner Schokoladen- und Pralinenherstellers.

Bei Rausch liegt die ganze Wertschöpfungskette in einer Hand. „Hauptgrund ist die Qualität“, sagt der Chef des vor fast hundert Jahren gegründeten Unternehmens, das sich schon einige Male neu erfunden hat. Seit Robert Rausch (29) die Firma von Vater Jürgen (69) übernommen hat, ist die wohl am tiefsten greifende Neuerfindung des mittelständischen Unternehmens im Gange.

Neun Monate ist es jetzt her, dass der letzte Lkw voller süßer Fracht das Firmengelände neben der Ufa-Fabrik in Richtung eines Supermarkts verlassen hat. Vater und Sohn hatten sich dazu durchgerungen, die Produkte aus den Regalen deutscher Supermärkte, Warenhäuser und dem Facheinzelhandel zu verbannen.

Die Schokoladen und Pralinen sollte es künftig nur noch im Stammhaus des Unternehmens am Gendarmenmarkt geben sowie im neu eröffneten Onlineshop. Die Fachwelt stand Kopf und sah das nahe Ende des traditionsreichen Familienunternehmens bevorstehen. Kunden protestierten, weil sie in München ihre Lieblingsschokolade nicht mehr bekamen. Die Rausch zogen das trotzdem durch.

Das Supermarktregel ist nicht der Ort für Premiumprodukte

„Wir haben gesehen, dass der Handel in den Supermärkten nicht mehr unser Feld sein wird“, sagt Robert Rausch. Denn das Supermarktregal ist kein Ort für komplexe Botschaften eines Premiumprodukts, das zwischen acht Herkunftsdestinationen und Kakaoanteilen zwischen 35 und 80 Prozent unterscheidet. Kaufentscheidungen fallen in Sekunden. Die lila Kuh kann sich der Kunde besser merken. „Bei allen von uns belieferten Berliner Einzelhandelsfilialisten zusammen haben wir weniger Umsatz gemacht als in unserem Schokoladenhaus“, sagt der Firmeninhaber.

„Man muss die Dinge in die richtige Welt packen, dann funktioniert das“, sagt Rausch. Das hat auch mit Wertschätzung zu tun. Wenn Qualitätsware im Regal unten in der Ecke liegt, die Sticks zerbrochen sind, die Schokolade angeschmolzen ist oder neben Seife steht, so dass die Gerüche übergreifen, passt das nicht. Inszenierte Produktwelten gibt es in Supermärkten allenfalls für Wein, nicht aber für Süßwaren.

Deshalb entschlossen sich die Rauschs, den Vertrieb selbst in die Hand zu nehmen – bis hin zum eigenen Callcenter. Rausch hatten das Glück, unabhängig von Banken und Anteilseignern zu sein. „Wir haben die Entscheidung getroffen, um etwas Neues aufzubauen. Diese Freiheit wollen wir uns immer erhalten“, sagt der Firmenchef.

Dies war nicht die erste Kehrtwende des Unternehmens, das einst als eine kleine Privat-Confiserie begonnen hatte. Der wichtigste Absatzkanal war der Fachhandel mit 5000 Läden in Deutschland. Vater Jürgen Rausch erkannte den bevorstehenden Exitus des Facheinzelhandels und setzte 1998 auf das Konzept Plantagenschokolade mit Herkunftsbezeichnung, die nun auch in Supermärkten verkauft wurde.

1999 folgte die nächste Branchenüberraschung mit der Eröffnung eines Ladens am Gendarmenmarkt. „Alle haben uns davon abgeraten“, erinnert sich Robert Rausch. Der Laden war groß, die Miete hoch. Am Gendarmenmarkt war damals noch nichts los. Heute ist dort eines der Zentren des Berlin-Tourismus. „Wir haben jedes Jahr fast eine Million Besucher.“ Viele Mitbewerber – darunter auch damalige Skeptiker – haben inzwischen mit eigenen Läden in der City Ost nachgezogen: Ritter, Neuhaus, Lindt, Leonidas.

Was anfangs wie ein Rückzug ausgesehen hatte, ist für Robert Rausch erst der Anfang. „Wir wollen damit die Grundlage für die nächsten 15 Jahre setzen“, sagt er. „Das, was heute gut ist, wollen wir besser machen. Es geht nicht darum, uns neu zu erfinden.“

Im Restaurant entsteht eine interaktive Erlebniswelt

Nachdem der – inzwischen mit dem deutschen Digital-Award ausgezeichnete – Webshop installiert ist, wird der Laden am Gendarmenmarkt umgebaut und bekommt eine weitere Etage. Dort entsteht ein Edelrestaurant mit nur zehn Tischen sowie eine Erlebniswelt – kein Schokoladenmuseum, sondern eine Show für alle Sinne. Die Besucher laufen durch eine Plantage mit Kakaobäumen, Bananenstauden und Papaya­Pflanzen. Sie spüren die feuchte Wärme und gelangen zu einem Defender-Geländewagen. Auf dessen Ladefläche sitzend können sie eine Internetbrille aufsetzen und eine virtuelle Tour durch die Kakaoplantage unternehmen.

Der Umbau beginnt kommendes Jahr im Mai und soll im Herbst 2017 fertig sein. Das geplante Restaurant ist inspiriert von den Reisen des Firmenchefs, vor allem nach Südamerika, wo das Kochen mit Kakao und das Verarbeiten von Schokolade verbreitet sind. „Man kann einen Zander in Kakaobutter braten oder ein Rinderfilet mit einer Trinidad-Schokolade mit 75 Prozent Kakao-Anteil und Kakaobruchstücken anrichten“, schwärmt Gourmet Rausch.

Geräuschloser Generationenwechsel

Zum 100jährigen Bestehen im Jahr 2018 will er die Internationalisierung beginnen. „Bis 2021 wollen wir in zehn Ländern stationär und digital präsent sein. Module aus dem Schokoladenhaus werden in den internationalen Locations übernommen.“ Rausch will seine Schokolade inszenieren und global erlebbar machen. Es entsteht ein Geschäft, das bis 2021 etwa 80 Millionen Euro Umsatz realisieren soll.

Der Generationswechsel ging bei Rausch geräuschlos über die Bühne. Erst vor wenigen Tagen hat sich der Vater aus dem operativen Geschäft der Rausch GmbH in den Aufsichtsrat zurückgezogen. „Wir haben das Glück, dass wir die gleichen Werte und Ziele verfolgen“, sagt Robert Rausch. Weiter beschreibt er den Vater so: „Er ist ein Visionär und hat mir sehr früh freie Hand gelassen. Es ist ein konstruktives, gemeinsames Arbeiten.“

„Was wir machen, ist also kein Rückzug aus dem Handel, sondern ein Aufbruch“, fasst Rausch die Branchenkritik an seiner Strategie zusammen. Auch die Manufaktur in Tempelhof wird erweitert. „Wir haben gerade eine Immobilie dazugekauft und bauen zudem aktuell bereits 500 zusätzliche Quadratmeter aus.“ Dort experimentieren die Konditoren und Patissiers an immer neuen Süßwaren-Erlebnissen.

„Die Praline ist so angestaubt, und wir versuchen sie neu zu interpretieren“, sagt Rausch und reicht eine mit Granatapfelcreme und etwas Rum gefüllte Halbkugel aus weißer Schokolade. „Wir setzen Geschmack und Optik neu auf.“ Schokolade sei ein hochemotionales Produkt, sagt er. „Vielleicht sogar das beliebteste Produkt der Welt, das in jeder Kultur und in jeder Altersklasse konsumiert wird.“