Christopher Street Day

Schwule und Lesben sagen beim CSD „Danke für nix“

Die schwule, lesbische und transsexuelle Community trifft sich zum Christopher Street Day. Ihr provokanter Slogan: "Danke für nix".

CSD-Parade 2015 in Mitte: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist als Forderung bis heute aktuell

CSD-Parade 2015 in Mitte: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist als Forderung bis heute aktuell

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / ZB

Mit einem provokanten Slogan wird am Sonnabend der Berliner Christopher Street Day (CSD) gefeiert. Unter dem Motto „Danke für nix“ zieht die Kult­parade zum 38. Mal durchs Stadtzen­trum. In zwei Blöcken, einem für Fußgänger und leise Fahrzeuge und einem für Trucks mit wummernden Bässen, feiern die Demonstranten ihre Vielfalt und proklamieren Forderungen wie die nach mehr Akzeptanz und Toleranz gegenüber schwulen, lesbischen, queeren und transsexuellen Menschen.

Los geht es um 12 Uhr auf dem Kurfürstendamm Höhe Joachimsthaler Straße. Zur Eröffnungszeremonie kommt auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Eine halbe Stunde später startet der traditionelle Zug – über den Wittenberg-, Nollendorf- und Lützowplatz, an der Siegessäule vorbei zum Brandenburger Tor. Dort läuft ab 16.30 Uhr das Programm auf der Hauptbühne: Reden, Konzerte und die Verleihung von vier „Soul of Stonewall Awards“ an Menschen, die sich in herausragender Weise engagieren. Entlang der Strecke kommt es zu umfangreichen Straßensperrungen und Verkehrsbehinderungen.

Der Forderungskatalog, mit dem die LGBT-Community auf die Straße geht, ist laut CSD-Sprecherin Tatjana Meyer derselbe wie im vergangenen Jahr: gleiche Rechte bei Ehe und Familie, Teilhabe statt Stigma, diskriminierungsfreies Lernen in Bildungseinrichtungen, Vielfalt von Lebensentwürfen als Grundwert der Demokratie, Sensibilität für verschiedene Generationen der Community und besonderer Schutz für LGBT-Geflüchtete. „All das haben wir schon 2015 gefordert“, sagt Meyer, die auch im Vorstand des Berliner CSD e. V. sitzt. „Und nichts davon wurde erfüllt.“ Deshalb entschied sich das basisdemokratisch organisierte CSD-Forum im Dezember für den aktuellen Slogan „Danke für nix“. Die Akteure wollen deutlich machen, dass sie sich mit Kompromissen wie der eingetragenen Lebensgemeinschaft statt einer Ehe nicht zufriedengeben. Laut Tatjana Meyer gab es allerdings hitzige Diskussionen: Manche hätten befürchtet, mit dem frechen Motto denjenigen auf die Füße zu treten, die sich für sie einsetzen. „Aber am Ende hat die Mehrheit gesiegt.“

Schulden aus den Vorjahren sind inzwischen halbiert

Ein Fokus des CSD 2016 liegt auf der Barrierefreiheit. Schon in den Vorjahren hatte es ein Rollstuhlfahrerpodest vor der Hauptbühne gegeben, das Programm wurde simultan in Gebärdensprache gedolmetscht. Jetzt werden noch zwei weitere Rollipodeste, finanziert von der Aktion Mensch, eingerichtet. Eines steht vor der Urania, das andere am Lützowplatz, zudem wird an beiden Podesten das Geschehen für Sehbehinderte und Blinde moderiert.

Musikalischer Höhepunkt ist das Konzert der Berliner Reggae-Dancehall- und Hip-Hop-Formation Culcha Candela (20.45 Uhr, Hauptbühne). „Das wird der absolute Knaller“, sagt Meyer. Direkt im Anschluss tritt der bekannte House- und Techno-DJ Wankelmut auf. Dass es solche Acts überhaupt noch gibt, ist nicht selbstverständlich: Alle Künstler treten ohne Gage auf. In den Vorjahren hatte der CSD Verluste gemacht. 2014 betrugen die Schulden laut Tatjana Meyer rund 200.000 Euro. Durch Verzicht auf teure Künstler, Sponsoring und Spenden konnte der Verein seine Verbindlichkeiten halbieren. „Wir sind zuversichtlich, dass wir die in den nächsten Jahren abgestottert haben“, sagt Tatjana Meyer.

Eigentlich hätte der Berliner CSD-Umzug wie gewohnt Ende Juni stattfinden sollen, wurde wegen der EM-Fanmeile am Brandenburger Tor jedoch verschoben. Er ist der Höhepunkt der Pride Weeks vom 2. bis zum 24. Juli, in denen mit Festen, Regenbogenflaggen und Aktionen auf die LGBT-Community aufmerksam gemacht wird. Ein alternativer CSD in Kreuzberg wurde Ende Juni gefeiert. Er ist deutlich kleiner, Rivalitäten zwischen den Paraden gibt es laut Tatjana Meyer aber nicht mehr.

Nach dem Anschlag in Orlando mehr Sicherheit gefordert

Der große Berliner Christopher Street Day und die Kölner ColognePride sind die bedeutendsten CSDs in Deutschland. In Berlin kamen 2015 rund 750.000 Besucher, ähnlich viele werden nun wieder erwartet. Für die Berliner Polizei zählt der CSD neben dem Karneval der Kulturen zu den größten Einsätzen des Jahres. Nach dem Anschlag in Orlando werden zudem Rufe nach mehr Sicherheit laut. Wie viele Beamte am Sonnabend vor Ort sein werden, kann die Polizei noch nicht sagen. 2015 mussten die Beamten unter anderem Anzeigen wegen Beleidigungen aufnehmen. So hätten einige Zuschauer und Schaulustige die Teilnehmer der Schwulenparade offenbar aus Gründen der Homophobie angepöbelt, sagt eine Polizeisprecherin. Im Hinblick auf mögliche Terrorgefahren analysiere die Polizei anhand aktueller Ereignisse die Lage und passe die Sicherheismaßnahmen entsprechend an, heißt es. Einzelheiten dazu werden jedoch nicht genannt.

Mit dem Christopher Street Day wird auf Straßen für die Rechte der LGBT-Community demonstriert. Die Demonstration geht auf den Aufstand einer Vereinigung von Schwulen, Lesben und Transvestiten am 27. Juni 1969 in der Christopher Street in New York zurück. Die Gruppen hatten gegen staatliche Willkür und gewalttätige Übergriffe der Polizei protestiert. Im Laufe der Jahre wurden auch in anderen Städten unter den Namen Gay Pride oder Pride Parade Demoparaden gefeiert. Der Name Christopher Street Day wird nur im deutschsprachigen Raum verwendet.