Wuhlheide

Luft anhalten und einfach mal abtauchen

Beim Freitauchen lernen Anfänger, sich ganz ohne Geräte unter Wasser zu bewegen – mit erstaunlichen Erfolgen.

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Ein langer, tiefer Atemzug und Michael Blüthner sinkt im großen Schwimmbecken im FEZ in der Wuhlheide ins blaue Wasser. Langsam gleitet er durch das Becken, seine Arme arbeiten wenig, nur die riesigen Flossen schlagen langsam und gleichmäßig. Er geht auf zwei Meter Tiefe, schwimmt bedächtig die 50-Meter-Bahn, schlägt kurz an den Kacheln an und taucht mit gleichmäßigen Bewegungen den gleichen Weg zurück. Als er nach 100 Metern wieder auftaucht, atmet er nur kräftig ein und strahlt über beide Ohren. „100 Meter sind nicht mein Rekord, ich habe schon 150 Meter geschafft und konnte länger als sieben Minuten die Luft unter Wasser anhalten“, sagt er.

Doch Streckenrekorde und extreme Zeiten sind ohnehin nicht sein Ziel. Es geht ihm um seinen Sport – das Freitauchen: „Diese Art des Tauchens ist wunderbar, die Schwerelosigkeit einfach einmalig.“ Freitauchen verzichtet auf technische Geräte, im Gegensatz zum Tauchen mit Luftflaschen, Tarierwesten, Schläuchen, Tauchcomputern, Atemreglern und vielem mehr. Michael Blüthner hingegen benötigt nur ein wenig Blei, Flossen, einen dünnen Neopren-Anzug und eine Maske. Im Sommer geht es in den Flughafensee oder in den Glienicker See und manchmal auch in den Straussee oder den Helenesee. Hier kommt er den Fischen viel näher als mit einer Druckluftflasche, die blubbernde Luftblasen erzeugt, vor denen die Fische fliehen. So ist Freitaucher Michael Blüthner schon häufig auf einen halben Meter an einen Hecht herangekommen – als Gerätetaucher undenkbar.

Entspannung ist das A und O des Freitauchens

Heute aber leitet Michael Blüthner einen Anfängerkursus im FEZ. Gabi und Andreas legen sich auf die Badeliegen und versuchen mit Meditation, ihre Herzfrequenz zu senken Die Konzentration auf die Luft in der Lunge und die Atmung über das Zwerchfell geht einher mit Yoga-Techniken. Entspannung ist das A und O. Dann geht es ins Nichtschwimmerbecken. Wie lange gelingt es, die Luft anzuhalten? Erst 45 Sekunden, danach erneut zwei Minuten tiefes Atmen, dann 60 Sekunden Luftanhalten. Schon ein Anfänger kann nach einer halben Stunde entspanntem Training zwei Minuten die Luft anhalten. Die beiden Schüler schaffen heute mehr als 90 Sekunden.

Nun aber ins tiefe Becken zum Streckentauchen. Das ist ungleich schwieriger. Bei den Schwimmbewegungen kommt schon nach 45 Sekunden der heftige Drang auf, wieder tief einzuatmen. In Wahrheit hat der Körper aber genug Sauerstoff für einige Minuten. Nach einer Stunde Training gelingt es den Anfängern, 25 Meter weit zu tauchen. „Das hätte ich nie gedacht“, sagt Andreas und strahlt.

Blüthner hat das Freitauchen bei Umberto Pelizzari gelernt. Der Italiener hat zahlreiche Weltrekorde aufgestellt und ist eine lebende Legende seines Fachs. Mittlerweile ist Blüthner selbst ein Trainer und bietet in Berlin zahlreiche Kurse an. „Die meisten meiner Schüler wollen sich nur eine Auszeit vom Alltagsstress holen. Doch ich gebe auch Training für ambitionierte Taucher, die mit einem Atemzug 30 Meter tief gehen wollen und über fünf Minuten unten bleiben wollen.“

Das Freitauchen ist die älteste Form des Tauchens. Schon seit Jahrhunderten bewegen sich Perlentaucher so unter Wasser. Fische wurden mit Speeren gejagt oder Muscheln und Schwämme aus der Tiefe geborgen. Man spricht auch vom Apnoe-Tauchen, abgeleitet vom griechischen „apnoia“ („ohne zu atmen“). Von den Erfahrungen der Perlentaucher haben die Freitaucher weltweit profitiert. Mittlerweile gibt es fundierte internationale Standards für Kurse und Ausbildungen. Dabei wird auch intensiv auf mögliche Gefahren beim Freitauchen wie Tiefenrausch oder Hyperventilation eingegangen. Sicherheit steht bei jeder Ausbildung ganz oben. Auch Michael Blüthner kennt die Grenzen des Apnoe-Tauchens. Natürlich ist körperliche Fitness die Grundvoraussetzung und Rauchen nicht gerade förderlich. Wer nach einem Schnupperkursus weitermachen möchte, der kann verschiedene Zertifizierungen ablegen.

Weltrekord im Zeittauchen liegt bei 11:54 Minuten

Wer will, kann seine persönliche Rekorde ausreizen, doch Weltrekorde sind nur für Profis erreichbar. So hält der Serbe Branko Petrović den Rekord im Zeittauchen mit 11:54 Minuten. Davor hatte er gewöhnliche Luft eingeatmet. Der Spanier Aleix Segura hingegen atmete im Februar dieses Jahres reinen Sauerstoff ein und lag danach 24 Minuten unter Wasser. Der Weltrekord im Streckentauchen liegt bei 281 Metern; den Rekord im Tieftauchen mit variablen Gewichten hält der Österreicher Herbert Nitsch mit 214 Metern.

Doch solcherlei Extremrekorde hat Michael Blüthner nicht im Sinn. Wenn er ruhig im FEZ seine Bahnen zieht, erhält er keinen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“, sondern etwas, das ihn viel mehr befriedigt: Ruhe und innere Gelassenheit.

Eine Auswahl von Kursen findet man unter www.tiefenrausch.eu oder bei Michael Blüthner: www.freediving4u.de