Repräsentative Umfrage

Jeder zweite Berliner würde gerne in einem Neubau wohnen

75 Prozent der Berliner stehen Neubauten offen gegenüber. Jeder Zweite würde sogar gerne dort einziehen.

Mehrere Neubauten. Viele Berliner würden gerne hier einziehen

Mehrere Neubauten. Viele Berliner würden gerne hier einziehen

Foto: dpa Picture-Alliance / Klaus-Dietmar Gabbert / picture alliance / dpa Themendie

Farbbeutelwürfe gegen Neubaufassaden, Bürgerproteste gegen nahezu jedes Wohnungsbauvorhaben sowie Volks-und Bürgerentscheide, die sich gegen die Entwicklung von großen Wohnquartieren aussprechen: In Berlin, so hat es den Anschein, steht die große Mehrheit der Bevölkerung dem Bau neuer Wohnungen skeptisch bis offen feindlich gegenüber.

Doch der Schein trügt, wie eine repräsentative Umfrage zeigt, die die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft „Stadt und Land“ am Mittwoch veröffentlicht hat. Demnach ist es nur eine – zwar deutlich vernehmbare – Minderheit, die Bauvorhaben rundheraus ablehnt. Zwei Drittel der Befragten hat dagegen kein Problem damit, wenn in der unmittelbaren Nachbarschaft neuer Wohnraum entsteht. Jeder zweite Berliner kann sich zudem vorstellen, selbst aus seiner derzeit genutzten Mietwohnung in eine Neubauwohnung umzuziehen.

Jüngere sind offener

„Das Klima für Neubau in der Stadt ist positiv. Die große Mehrheit der Berliner hat erkannt, dass es ohne zusätzlichen Wohnraum nicht geht“, schließt Stadt und Land-Geschäftsführer Ingo Malter aus den Ergebnissen der Umfrage. Das Wohnungsunternehmen hatte für die repräsentative Umfrage das Berliner Markt- und Meinungsforschungsinstitut INFO GmbH im Juni 2016 insgesamt 1.220 Berliner telefonisch befragen lassen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten ist den Neubautätigkeiten in der Stadt gegenüber demnach positiv eingestellt (74 Prozent).

Diese generelle Zustimmung fällt nur unwesentlich geringer aus, wenn die Frage lautet: „Wäre es in Ordnung, wenn in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft in Neubau entstehen würde?“ Immerhin noch 67 Prozent der Befragten beantworten diese Frage mit Ja, wobei die jüngeren von 18-29 Jahren (73 Prozent) und mittleren Jahrgänge (30 bis 49 Jahre; 74 Prozent) dem Neubau von Wohnungen in der Nachbarschaft deutlich positiver gegenüberstehen als ältere Menschen (50 Jahre und älter: 59 Prozent).

Die Akzeptanz von Neubauvorhaben im eigenen Wohnumfeld ist auch je nach Bezirk sehr unterschiedlich ausgeprägt: besonders gering fällt die Zustimmung in Spandau (52 Prozent) und Marzahn-Hellersdorf (54 Prozent) aus. Besonders hoch ist er dagegen in den Bezirken, in denen aktuell die meisten Neubauvorhaben sowohl von privaten als auch von städtischen Bauträgern und Wohnungsbaugesellschaften realisiert werden: In Lichtenberg (77 Prozent) und Mitte (76 Prozent). Auch in Treptow-Köpenick und Pankow (70 bzw. 71 Prozent) ist die Zustimmung zu Neubauvorhaben überdurchschnittlich hoch.

Neun Prozent wollen schnell umziehen

Die Umfrage, auch das angesichts der Gentrifizierungsdebatte und zahlreicher Mieter-Demonstrationen eher überraschend, zeigt auch, dass der Großteil der Hauptstädter durchaus zufrieden mit der aktuellen Wohnsituation ist (86 Prozent). Lediglich neun Prozent wollen dagegen möglichst schnell umziehen, weitere 22 Prozent planen einen Umzug in absehbarer Zeit. Besonders hoch ist der Wunsch nach einer besser zu den eigenen Bedürfnissen passenden Wohnung bei den jüngeren Berlinern: Bei den 18-29-Jährigen will fast jeder Zweite (45 Prozent) in eine andere Wohnung ziehen.

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In Mitte (40 Prozent), Reinickendorf (39 Prozent) und Spandau (36 Prozent) ist der Wunsch umzuziehen tendenziell besonders groß. In Pankow, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf sind die Umzugsabsichten am geringsten ausgeprägt.

Jeder zweite Berliner kann sich zudem vorstellen, selbst aus seiner derzeit genutzten Mietwohnung in eine Neubauwohnung umzuziehen. Unter den Befragten, die eine konkrete Umzugsabsicht äußern, sind es sogar 74 Prozent. Entscheidend bei der Wahl für eine Neubauwohnung ist in erster Linie der Preis (82 Prozent). Lage (79 Prozent) und Erreichbarkeit (72 Prozent ) folgen auf den Plätzen zwei und drei. Stadt und Land -Geschäftsführerin Anne Keilholz: „Die Berliner wollen, dass neue Mietwohnungen gebaut werden, wenn der Preis stimmt.“ Als kommunale Wohnungsbaugesellschaft sei die Stadt und Land ein Garant für bezahlbare Neubauwohnungen.

2,3 Milliarden Euro investieren

Ausweislich der Bilanz für das Geschäftsjahr 2015, die die beiden Geschäftsführer am Mittwoch vorlegten, betrug die Nettokaltmiete im vergangenen Jahr 5,49 Euro je Quadratmeter und Monat, nach 5,32 Euro im Vorjahr 2014. Damit liegt die Durchschnittsmiete noch deutlich unter dem Berliner Mietspiegel (5,84 Euro/m2). „Wir werden bis 2026 rund 2,3 Milliarden Euro in den Neubau und Ankauf von Wohnungen investieren“, sagte Geschäftsführerin Keilholz. Im Geschäftsjahr 2015 habe das Unternehmen 1.700 Wohnungen erworben.In den kommenden neun Jahren wolle man von derzeit rund 42.500 auf 55.000 Wohnungen wachsen.

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„Wir haben in den vergangenen vier Jahren bereits rund 3.700 Wohnungen erworben und über 1.100 Wohnungen im Neubau begonnen beziehungsweise fertiggestellt. Für das laufende Jahr planen wir den Erwerb und den Neubau von rund 1.500 Wohnungen“, rechnet Geschäftsführer Ingo Malter vor. Aktuelle Bauprojekte sind u.a. in Treptow-Köpenick am Bruno-Bürgel-Weg, wo 284 Wohnungen entstehen, oder an der Ortlofstraße, wo bis 2019 mehr als 400 Wohnungen gebaut werden. In der Tannhäuser Straße in Lichtenberg sind 147 Wohnungen im Bau, auf dem historischen Gutshof Biesdorf werden bis 2019 rund 500 Wohnungen errichtet.