Radfahrer

Mehr Parkplätze für Fahrräder an Berliner Bahnhöfen

Der Senat will die Zahl der Radbügel in der Stadt von derzeit 27.000 auf 60.000 mehr als verdoppeln.

Fahrradparkplatz am Savigny-Platz: Karin W. aus Berlin möchte mehr Bögen (Parkbögen) um ihr Fahrrad anzuschließen

Fahrradparkplatz am Savigny-Platz: Karin W. aus Berlin möchte mehr Bögen (Parkbögen) um ihr Fahrrad anzuschließen

Foto: Reto Klar

Wer an der Yorckstraße in die U-Bahn einsteigen will, muss sich seinen Weg erst einmal mühsam an gut 20 Fahrrädern vorbei bahnen. Die Gefährte sind teilweise zu dritt nebeneinander am Absperrgitter zur Straße angekettet und blockieren den ohnehin nicht gerade breiten Gehweg. Kaum besser sieht es um den S-Bahnhof Savignyplatz in Charlottenburg aus. Dort stehen Dutzende Räder, zum Teil an Bäumen oder Laternenmasten angekettet. Immer mehr Berliner steigen auf das Fahrrad um, doch es gibt nicht genügend Platz, die Räder auch sicher und geordnet abzustellen.

Radfahrer-Lobby fordert 200.000 Stellplätze

Das soll sich ändern. In den kommenden Jahren will der Berliner Senat die Zahl der Abstellplätze für Fahrräder im öffentlichen Straßenraum, vor allem aber im Umfeld der Stationen von Bus und Bahn, auf 50.000 bis 60.000 erhöhen. Das kündigte jetzt Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) an. Das wäre ein deutlicher Zuwachs, denn aktuell gibt es in der Stadt erst rund 27.000 der sogenannten Bike-and-Ride-Plätze.

Allerdings liegt die Ankündigung deutlich hinter den Wünschen der Initiatoren des derzeit laufenden Volksentscheids Fahrrad. In ihrem Zehn-Punkte-Programm fordern sie, dass bis 2025 insgesamt 200.000 neue Fahrradparkplätze errichtet werden sollen. Die Hälfte davon soll im Umfeld von Bahnstationen entstehen, die andere Hälfte in Wohngebieten. Bei allen privaten und öffentlichen Neubauten sei zudem eine größere Zahl an Fahrradstellplätzen einzuplanen, heißt es weiter.

Senat lehnt Maximalforderung ab

Angesichts der wachsenden Unterstützung des Volksbegehrens sieht der Senat offenbar einen größeren Handlungsbedarf. Auch wenn Verkehrsstaatssekretär Gaebler die Forderung von 200.000 neuen Stellplätzen in den nächsten acht Jahren als „nicht zielführend“ bezeichnet. „Wir wollen nicht, dass jemand auf ein Verkehrsmittel festgelegt wird. Wir wollen vielmehr ein sinnvolles Zusammenspiel von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr“, betonte Gaebler am Montagabend bei einer Konferenz des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) .

Gerade BVG, S-Bahn oder die Regionalbahnanbieter DB Regio und Odeg haben durchaus eine kritische Sicht auf den Fahrradboom. Ganz offen wird da von einer Hassliebe zwischen den beiden so umweltfreundlichen Verkehrsmitteln gesprochen. Der einfache Grund: Immer mehr Fahrgäste mit dem Rad drängen in die ohnehin schon vollen Bahnen. Und das nicht nur bei Ausflügen mit dem Regionalexpress an die Ostsee oder die Mecklenburgische Seenplatte, sondern gern auch im morgendlichen Berufsverkehr in einem überfüllten S-Bahnzug.

Ein Rad erfordert Platz wie vier Fahrgäste

„Bei der Fahrradmitnahme stoßen wir immer häufiger an die Grenzen des Systems“, konstatierte dann auch VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel. Und Klaus Emmerich von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) machte eine ganz einfache Rechnung auf. „Jedes Fahrrad braucht so viel Platz wie vier Fahrgäste mit Stehplatz. Gleichzeitig beschert uns die Fahrradmitnahme in der U-Bahn und in der Tram nur 0,15 Prozent unserer Ticketeinnahmen. Das ist einfach nicht wirtschaftlich“, sagte der für die Angebotsplanung zuständige BVG-Bereichsleiter.

Der VBB und die Verkehrsunternehmen wollen nun mit einer Doppelstrategie auf den Fahrradboom reagieren: Zum einen soll die Mitnahme von Fahrrädern etwa bei Fahrten zu touristischen Zielen im Umland oder auch weiter entfernt vereinfacht werden. Dazu wurde im Mai das Pilotprojekt „Rad im Regio“ gestartet, das unter anderem mehr und besser gekennzeichnete Radabstellplätze in den Zügen der RE-Linien 2,3, 4 und 5 beinhaltet. Bisher mit überwiegend positiver Resonanz bei Fahrgästen wie Interessenverbänden, wie Henckel feststellte. Zum anderen sollen mehr Fahrradnutzer davon überzeugt werden, speziell bei Fahrten in die Innenstadt ihr Rad besser am Bahnhof stehen zu lassen. Dafür werden jedoch mehr Radparkplätze benötigt.

Verkehrsunternehmen und Senat geben Blockade auf

Jahrelang war der Senat der Auffassung, dies sei Aufgabe allein der Verkehrsunternehmen, denen die Bahnhöfe gehören. Die sahen wiederum die Verantwortung beim Senat und bei den Bezirken. Die gegenseitige Blockade wurde inzwischen aufgegeben. Bei der neuen Fahrradabstellanlage am S-Bahnhof Pankow hat der Senat die Baukosten von rund 115.000 Euro übernommen, die S-Bahn wiederum kümmert sich um die Planung und die laufende Wartung der Anlage.

„Unser Problem ist im Moment weder das Geld noch die Planungskapazität, uns fehlt schlicht der Platz für neue Abstellanlagen“, sagte S-Bahnchef Peter Buchner. Er forderte die Bezirke, aber auch Privatleute auf, der S-Bahn Hinweise auf geeignete Stellflächen in Bahnhofsnähe zu geben. Zumindest an zwei Stationen war die Platzsuche erfolgreich: An den S-Bahnhöfen Bellevue (64 Abstellplätze) und auch am Savingnyplatz (24 Plätze) sollen noch in diesem Jahr neue Abstellanlagen eröffnet werden. Insgesamt will die S-Bahn in diesem Jahr weitere 310 Abstellplätze schaffen.

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