Kostenloses Wlan

Wie die Kirche Anschluss an die Zukunft sucht

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Katrin Starke
Die Kirche von Pfarrer Werner Rohrer in Bergfelde/Schönfließ bietet freies Wlan

Die Kirche von Pfarrer Werner Rohrer in Bergfelde/Schönfließ bietet freies Wlan

Foto: Katrin Starke

3000 evangelische Kirchen in Berlin und Brandenburg bieten künftig kostenloses Wlan an. Doch manches Gemeindemitglied ist auch besorgt.

Von Gegenwind lässt sich Werner Rohrer nicht irritieren. Als Pfarrer der Evangeliumskirchengemeinde in Reinickendorf-Ost stieß er vor 16 Jahren die Werbeaktion „Willkommen in der Kirche“ an. Die Plakate zeigten Fußballfans, zwei blonde, leicht bekleidete Schwedinnen oder einen nackten Mann im Schrank samt der Begrüßungsformel „Willkommen in der Kirche“ und sollten auf Angebote wie Gottesdienste, Eheberatung oder Kulturreisen aufmerksam machen. Die ungewöhnliche Kampagne sorgte für bundesweiten Wirbel, Seelsorger wie Gläubige debattierten über das Pro und Contra des Auftritts. Noch heute schmunzelt der 62-Jährige bei der Erinnerung an den Aufruhr. „Ich wollte nicht provozieren“, betont er, „nur das Image der Kirche aufpolieren“.

Kostenlos ins Netz

Das ist ihm noch immer wichtig. Rohrer, seit 2007 Pfarrer der zwei fusionierten evangelischen Gemeinden Bergfelde/Schönfließ (Oberhavel), setzt auf moderne Kirchenarbeit. Nicht verwunderlich also, dass das Gotteshaus seiner Gemeinde zu den ersten zählt, die den sogenannten „Godspot“ anbieten. Rund 3000 Kirchen und Kirchengebäude sollen nach dem Willen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) mit Hotspots für einen kabellosen Internetzugang ausgestattet werden. Innerhalb und außerhalb der Gebäude können Besucher und Passanten dann kostenlos ins Netz – ohne Registrierung oder Passwort.

Freies Wlan auch am Breitscheidplatz

220 Kirchen – darunter die Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin oder die Evangelische Kirche in Meyenburg in der Prignitz – werden zunächst mit dem freien Wlan versorgt. Bis zum Evangelischen Kirchentag 2017 sollen weitere Gottes- und Pfarrhäuser folgen. 100.000 Euro will die Kirchenleitung der EKBO dafür zunächst in die Hand nehmen. Was Rohrer zusätzlich animiert hat, seinen Gemeindekirchenrat von der Teilnahme am Projekt zu überzeugen. „So spendabel zeigt sich die Kirchenspitze üblicherweise heute nicht mehr“, verweist er auf Rationalisierungsmaßnahmen, die er als Pfarrer täglich deutlich zu spüren bekomme. Überzeugungsarbeit musste er für den „Godspot“ nicht leisten. Der Kirchenrat steht hinter seinem innovativen Pfarrer, gab sofort grünes Licht. Und wirbt offensiv.

Nur in der Kirche

„Godspot“ ist auf der lila Plane, die am Kirchenzaun hängt, zu lesen. Längst ist das entsprechende technische Zubehör für den Zugang installiert. Rohrer deutet auf einen unscheinbaren schwarzen Kasten, der auf dem Fensterbrett im Büro klemmt. Der soll nun den freien Zugang rund um die Bergfelder Kirche gewähren. „Soll“, sagt Rohrer mit Unmut in der Stimme. „Aber das Signal ist viel zu schwach. Noch kommen Passanten vor der Kirchentür nicht ins Netz.“ Rohrer hat Druck beim Leiter des IT-Referats der EKBO, Fabian Kraetschmer, gemacht. Der hat für die kommenden Tage eine Lösung versprochen. „Gemeindemitglieder haben bereits nachgefragt“, drängt Rohrer weiter.

Die Nachfrage in der Gemeinde bestätigt das Vorhaben

Die Nachfrage bestätigt ihn in seinem Unterfangen. Allein schon mit Blick auf die Kirchengeschichte. Der Pfarrer beruft sich auf keinen Geringeren als Reformator Martin Luther. „Der hätte seine Sache nicht durchgebracht, hätte er nicht auf den Buchdruck setzen können.“ Wichtig sei ihm, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Mit einer Werteverschiebung habe der neue Service nichts zu tun. „Der Godspot symbolisiert, dass sich die Kirche nicht der Zeit verschließt, nicht als Verweigerer auftritt.“ Das ist ihm wichtig, das will er vor allem Kindern und Jugendlichen vermitteln. „Konfirmanden, die eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn in der Kirche eintreffen, können noch einmal rasch im Netz surfen und damit das tun, was in ihrem Alltag mittlerweile Normalität ist.“ Die Menschen sollen spüren, dass „Kirche uns hilft, in die Welt zu kommen.“

Rohrer erzählt vom Seniorenstift in der Umgebung. Das hat keinen Internetzugang. Er schüttelt den Kopf. „Die Stiftsleitung wird sich noch umtun“, ist er überzeugt. Alter heiße heute nicht mehr, die Digitalisierung abzulehnen. Die Teilnehmer des Seniorenkreises, mit denen sich Rohrer regelmäßig trifft, möchten längst Spiele, Unterhaltungsangebote und Informationen aus dem Netz nutzen. „In unserer Kirche werden sie jetzt fündig“, sagt Rohrer.

Um Bedenken seiner Kirchgänger auszuräumen, die nun einen Handy-Hype während des Gottesdienstes befürchten, will er den Wlan-Zugang in dieser Zeit herunterfahren. Aber: „Mein Anspruch als Pfarrer ist es, mit meiner Predigt meine Zuhörer zu packen. Wenn mir das nicht gelingt, hat das nichts mit dem Godspot zu tun.“ Das meint auch Hellmuth Tromm. Der 47-Jährige ist Mitglied im Kirchenrat der Evangelischen Gemeinde in Berlin-Frohnau und kümmert sich als Journalist schon von Berufs wegen um die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Noch ist der Godspot in Frohnau eine Vision. Eine, für die sich Tromm stark machen will.
Was der Familienvater bereits vor Augen hat: Jugendliche, Touristen oder Einheimische, die sich spontan auf die Stufen der Johanneskirche am Zeltinger Platz hocken, um kurz mal im World-Wide-Web zu surfen. Angebote, mit denen bislang nur Fastfood-Ketten oder Cafés in der Stadt locken. „Und wer dann vor dem Kirchengebäude vom Handy aufschaut, entdeckt vielleicht das eine oder andere, was er sonst beim Vorbeihasten gar nicht wahrnimmt. Der sieht die Mitglieder des Chores oder des Orchesters, die nach der Probe aus der Kirche treten, die Ehrenamtler, die den Trödelmarkt vorbereiten, oder die Schüler der Evangelischen Schule, die ihren Jahresabschluss feiern.“ Das zumindest wünscht sich Tromm.

Was die „Godspots“ zudem leisten sollen: Interesse für die Kirche zu wecken. „Das kann gelingen“, ist Tromm zuversichtlich, „Nutzer sollen nach dem Einloggen beim Godspot zunächst auf eine Startseite geleitet werden, die Fakten zum Gebäude und zur Gemeinde, zu Themen wie Glaube und Leben enthält.“ Das sei eine sinnvolle Ergänzung zum Kirchencafé, zum Facebook-Auftritt oder dem Schaukasten vor dem Gebäude. Vielfalt – die zählt für Tromm.