„Urban Tenting“

Die Stadt-Camper urlauben mit Blick auf Berlin

Marlen Müller und Thomas Adler zelten am liebsten mit Blick auf Berlin. Von ihren Erlebnissen erzählen sie im Blog „Urban Tenting“.

An der „Schnittstelle“ zwischen Stadt und Natur:

An der „Schnittstelle“ zwischen Stadt und Natur:

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Angefangen hat es damit, dass Marlen Müller und Thomas Adler einfach ein bisschen spät dran waren. Als sie sich vor ein paar Jahren endlich das erste Zelt kauften, war schon Oktober. Zu kalt, zu nass für ein langes Zeltwochenende in Brandenburg. Andererseits wollten sie unbedingt darin übernachten, wenigstens eine Nacht, und das am liebsten irgendwo ganz in der Nähe, aber natürlich im Grünen. So kamen sie auf das Blub-Gelände in Britz. Auf einer zugewucherten Liegewiese des ehemaligen Spaßbads schlugen sie ihr Zelt zum ersten Mal auf. Seither haben sie in Marzahn und im Grunewald gecampt, am Schlachtensee und in der Königsheide in Treptow-Köpenick.

Ein bisschen aufregend sei es damals im Blub gewesen, erinnert sich Marlen Müller, im Hinterkopf war immer die Frage: Was, wenn jetzt jemand kommt? Und gleichzeitig das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu erleben. Die Stimmung hielten die beiden in Fotos fest: Kaffeebecher auf der Picknickdecke, ein Haufen aus Schlafsäcken, Isomatten, Rucksack auf der Wiese, der Blick aus dem Zelt ins Grüne. Aufnahmen voller Campingromantik, die auch bei einer Urlaubsreise nach Skandinavien oder in die Voralpen entstanden sein könnten, wären da nicht die anderen Bilder: die des urbanen Verfalls, von zerbrochenen Fensterscheiben und Graffiti, überfluteten Terrassen, Schrott im stillgelegten Brunnen.

Seit 2005 ist das Blub-Bad geschlossen, in den Jahren danach wurde es zu einem der Orte, von denen Berlin-Touristen schwärmen: eine Ruine, weitgehend sich selbst überlassen, in der tagsüber fotografiert und nachts gefeiert wird und die Verbote, das Gelände zu betreten, einfach ignoriert werden.

Wo die Stadt aufhört und die Natur beginnt

Es sei faszinierend, sagt Thomas Adler, zu sehen, wie sich die Natur das Gelände zurückhole. Er spricht von einer „Schnittstelle, an der die Stadt aufhört und die Natur beginnt“. Das wollten sie mit ihren Bildern einfangen. Und stellten fest: Andere können sich dafür genauso begeistern wie sie selbst. Zuerst luden sie ihre Fotos auf Instagram hoch, dann wurde daraus ein Blog. Auf „Urban Tenting“ (urbantenting.tumblr.com) erzählen Marlen und Thomas vor allem in Fotos von ihren Ausflügen mit dem Zelt, in Berlin, im Umland und auf den „Road Trips“ nach Italien und Slowenien etwa.

Dabei hatten sie mit Camping früher gar nichts zu tun. „Zelten, das war so ein Festival-Ding“, sagt Marlen, viel zu umständlich erschien ihr diese Art von Urlaub. Thomas ging es ähnlich. Aber als die beiden ein Paar wurden, stellten sie fest, wie gern sie beide das Umland erkunden. Mit der S-Bahn fuhren sie an den Wochenenden an die Endhaltestellen, wanderten durch Havellandschaften und Naturschutzgebiete, wünschten sich immer häufiger, auch mal über Nacht bleiben zu können. Und kauften das erste Zelt.

Eigentlich hatten sie vor, damit dann auch mal weiter weg zu fahren, nach Thüringen zum Beispiel oder ins Vogtland, die Gegenden, in denen sie aufgewachsen sind. Aber vor allem erkundeten sie Berlin: „Am liebsten suchen wir auf Satellitenbildern Orte, die spannend aussehen“, sagt Marlen, dahin schlagen sie sich dann durch, notfalls mit dem Kompass. Den Ort im Grunewald zum Beispiel, an dem sie auf Sand lagerten und fast keinem Menschen begegneten, hätten sie anders nie entdeckt.

Die Camper träumen von einem Stadt-Campingplatz in Berlin

Oder den kleinen See in Wuhletal mit Blick auf die Plattenbauten Marzahns. Ein Koch auf dem Rückweg von der Arbeit kam an ihren Campingstühlen vorbei, setzte sich dazu und erzählte ihnen von seinem Leben: „Das ist ja das Schöne“, findet Marlen, „wir lernen so viele Menschen kennen, die uns einfach ansprechen.“ Um Stille und Einsamkeit geht es ihnen beim Urban Tenting eher nicht. Die suchen sie zwischendurch, auf abgelegenen Schäreninseln in Schweden zum Beispiel.

Ihre Begeisterung für das Zelten in der Stadt hat sich herumgesprochen. Fremde, die den Blog entdeckt haben, fragen nach Tipps zum Stadtcamping. „Inzwischen laden uns Freunde ein, bei ihnen im Garten zu campen“, erzählt Marlen. In Hamburg übernachteten sie kürzlich auf einem Flachdach, „mit Blick auf die Elbphilharmonie, das war einfach unglaublich.“ Sie träumen von einem Stadt-Campingplatz in Berlin, einer, auf dem eher Zelte als die Wohnwagen der Dauercamper stehen und abends alle gemeinsam am Lagerfeuer sitzen.

Für längere Reisen haben sie sich ein Dachzelt gekauft

In Verona hätten sie auf einem Platz in der Stadt in einer Burgruine gezeltet, in Venedig wachten sie morgens mit Blick auf die Lagune auf: „Es wäre doch toll, wenn es so etwas in Berlin auch gäbe“, findet Thomas. Für die längeren Reisen haben sie sich nicht nur ein Auto gekauft, sondern dazu noch ein Dachzelt. Die seien in den USA und Kanada weit verbreitet, in Europa hingegen würden sie auf jedem Campingplatz fotografiert, erzählt Marlen.

Mit Jeep und Zelt waren sie in diesem Sommer zwei Wochen in Schweden und Norwegen, zwei Länder, die für ihre Art zu reisen einen ganz entscheidenden Vorteil bieten: Das sogenannte Jedermannsrecht erlaubt es eben jedermann, in der freien Natur sein Zelt aufzuschlagen: „Mit dem Dachzelt können wir dort wirklich überall stehen“ – an einsamen Stränden ebenso wie am Rand von Großstädten. In Deutschland hingegen müssen sie lange suchen, wenn sie nicht auf einem Campingplatz übernachten wollen.

Marlen Müller (28) ist Fotografin, der sechs Jahre ältere Thomas Adler Grafikdesigner, „wir können fast von überall aus arbeiten“, sagt Marlen. Zur Familie gehört noch Hund Cat, der zum Glück ähnlich reisefreudig ist. Gemeinsam könnten sie jederzeit losfahren, alles was sie brauchen, steht immer fertig gepackt in ihrer Werkstatt in Adlershof. Beim nächsten Mal soll es vielleicht nach Frankreich, Spanien, bis nach Nordafrika gehen, vielleicht auf die britischen Inseln. Oder auch erst einmal nur an den Stadtrand. In jedem Fall aber mit dem Zelt.