Restaurant in Berlin

Wie aus weggeworfenen Lebensmitteln ein Menü wird

Im Neuköllner Restaurant „Restlos Glücklich“ wird mit Lebensmitteln gekocht, die sonst auf dem Müll landen.

Restaurant-Gründerin Leoni Beckmann bringt gespendete Lebensmittel

Restaurant-Gründerin Leoni Beckmann bringt gespendete Lebensmittel

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Großer Presseandrang in der kleinen Küche. „Hierher gucken“, rufen die Fotografen. Immer wieder muss Koch Daniel Roick den Teller hochhalten und lächeln. Ein Restaurant in dem Lebensmittel verarbeitet werden, die normalerweise weggeworfen werden würden, weckt nicht nur lokales Medieninteresse. Als der junge Koch den Teller endlich abstellt, wird gekostet. Frittierte Sesam-Linsen-Bällchen mit Karottencreme, Radieschen-Birnen-Ragout und gebackener Kartoffelstampf. Fazit: Sieht gut aus, schmeckt ausgezeichnet.

„Toll, dass es endlich klappt und wir nun kontinuierlich aufmachen können“, freut sich Leoni Beckmann. Sie ist erste Vorsitzende des Vereins, der das Lokal in der Neuköllner Kienitzer Straße betreibt. Es liegt ziemlich genau zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße. Im April hatte eine dreimonatige Testphase als Pop-up-Restaurant begonnen. An ausgewählten Terminen wurde für Gäste gekocht, die Tage wurden im Internet bekannt gegeben. „Wir mussten unsere Abläufe optimieren, denn wir sind bis auf den Koch eher gastronomische Laien“, erklärt Leonie Beckmann. Rund sechzig ehrenamtliche Vereinsmitglieder hat das Projekt „Restlos Glücklich“ mittlerweile. Die meisten arbeiten ein bis zwei Schichten pro Monat ohne Bezahlung, als Kellner oder Küchenhelfer.

Ein typisches Neo-Neuköllner Lokal

Als sich die Möglichkeit bot, das Lokal, in dem vorher italienische und asiatische Küche angeboten wurde, längerfristig zu mieten, begannen die Renovierungsarbeiten. Herausgekommen ist ein typisches Neo-Neuköllner Lokal: unverputzte Backsteinwände, teilweise sichtbare Technik, Vintage-Möblierung.

Umweltwissenschaftlerin Anette Keuchel hatte vor zwei Jahren von einem Restaurant in Kopenhagen erfahren, dass „nicht verkaufsfähige Lebensmittel“ verarbeitete. „Das fand ich so spannend, dass ich gleich mit meiner Familie hingefahren bin, um mir das anzusehen“, erzählt die 39-jährige Mutter von zwei Kindern. Zusammen mit ihrer Freundin Leoni Beckmann entwickelte sie die Idee, ein solches Restaurant in Berlin aufzumachen.

Die Lebensmittel stammen größtenteils vom Biosupermarkt „denn’s“ und einem Biogemüsegroßhändler, der nicht öffentlich in Erscheinung treten möchte. Zweimal die Woche holt der Verein im Biosupermarkt Lebensmittel ab, die dort nicht mehr verkauft werden können: Brot- und Backwaren, Obst und Gemüse, aber auch Milchprodukte. „Selbstverständlich ist das keine schlechte Ware. Aber sie sieht vielleicht nicht mehr gut aus, die Etiketten sind verrutscht oder das Mindesthaltbarkeitsdatum nähert sich dem Ende“, erklärt Jenny Rook, Marketingleiterin der Biosupermarktkette. Großen Wert legt sie auf die Feststellung, dass hier nicht Bedürftige wie die Berliner Tafel außen vor blieben. „Wir haben mittlerweile 32 Filialen in der Stadt, die können gar nicht alle von der Berliner Tafel angefahren werden.“

„Letztlich geht es uns darum, auf die Möglichkeiten aufmerksam zu machen, Lebensmittel nicht zu verschwenden oder gar wegzuwerfen, sondern sie nachhaltig zu verwenden“, erklärt Anette Keuchel. Deshalb werden die Erlöse des Restaurants auch für Bildungsprojekte zum Thema Nahrungsmittel verwendet.

Ein fortlaufendes Experiment

Natürlich sei es eine Herausforderung, unter diesen Bedingungen zu kochen, sagt Koch Daniel Roick. „Aber das ist ein ganz anderer Stress als in der normalen Gastronomie.“ Die kennt der 27-Jährige seit Jahren. Er betrachtet das „Restlos Glücklich“ als fortlaufendes Experiment: „Ich kann ja keine feste Karte schreiben, sondern muss sehen, was kommt.“

Mittwoch und Donnerstag kocht Daniel Roick künftig „Einfach Glücklich“-Gerichte. Die Gäste wählen aus zwei Vorspeisen und zwei Hauptgerichten aus, die Preise liegen bei vier und acht Euro. Freitag und Sonnabend gibt es ein Drei-Gang-Menü für maximal 20 Euro. Größtenteils sind die Gerichte vegetarisch, manchmal verarbeite er Fleisch von einem Caterer, mit dem man sich Küche und Lagerräume teile. Ob es nicht vorkomme, dass Zutaten, die nicht verwendet würden, weggeworfen werden? „Die bekommen dann unsere freiwilligen Helfer mit. Bei uns kommt nichts weg“, versichert Leoni Beckmann.

Restaurant „Restlos Glücklich“, Kienitzer Straße 22, Neukölln, Mi–Sbd 18–22.30 Uhr, Reservierungen über www.restlos-gluecklich.berlin