Prozess

Handyvideos zeigen, wie Silvio S. Mohamed missbraucht

Am achten Prozesstag im Mordprozess werden Missbrauchsvideos gezeigt. Dennoch schweigt der Angeklagte Silvio S.

Sivio S. hält im Gerichtssaal sein Gesicht bedeckt

Sivio S. hält im Gerichtssaal sein Gesicht bedeckt

Foto: John Macdougall / dpa

Silvio S. hatte es in der Hand. Er hätte verhindern können, dass sein anrüchiges Leben im Saal 8 des Potsdamer Landgerichts bis ins letzte Detail beleuchtet wird. Der 33-Jährige hätte nur ein Geständnis ablegen und berichten müssen, wie er den sechsjährigen Elias und den vierjährigen Mohamed tötete. Am achten Prozesstag wird erneut deutlich, dass dieses konsequente Schweigen keinen Sinn macht. Denn allein durch die gefundenen Spuren kann Silvio S. bewiesen werden, dass er die Kinder tötete.

Gehört werden am Montag Beamte der Spurensicherung. Der erste Zeuge, ein 35-jähriger Polizist, hat die Daten im Handy von Silvio S. gesichert. Es sind Kinderfotos dabei; eines zeigt den Angeklagten mit einem noch nicht identifizierten Kind auf dem Arm. Silvio S. hinterließ auch Spuren auf einer von Pädophilen genutzten Chat-Plattform und auf Webseiten, so der Beamte, „die darauf schließen lassen, dass Herr S. großes Interesse an kinderspezifischen Themen hatte“.Die beklemmendsten Beweisstücke auf dem Smartphone sind Videosequenzen, die Silvio S. offenkundig selber drehte. Sie zeigen, wie er den kleinen Mohamed sexuell missbraucht.

Es ist zu hören, wie Silvio S. mit Mohamed spricht

Die Prozessbeteiligten stehen mit den Gesichtern in Richtung der Zuschauerbänke, als der Beamte die Sequenzen auf seinem Laptop zeigt und genau erklärt, welche Handlung der Beschuldigte in der jeweiligen Phase an dem Vierjährigen vornimmt. Die Gesichter sind angespannt. Richter Theodor Horstkötter presst die Lippen zusammen. Ein Nebenklagevertreter setzt sich schwer atmend auf seinen Platz. „Ich konnte das alles nicht mehr sehen“, wird er später sagen.

Beim Abspielen dieser Aufnahmen ist im Verhandlungssaal zum ersten Mal auch die Stimme des Silvio S. zu hören. Wie er auf Mohamed einredet, langsam, leise, mit dunkler Stimme, und es sind nur Satzfetzen herauszuhören. Einer ist etwas länger und wird von Richter Horstkötter noch einmal wiederholt: „So, da haben wir den Kleinen. Lias nenne ich ihn mal.“

Ob der schon Wochen zuvor getötete Elias damit gemeint war? Ob er mit Mohamed nachspielen wollte, was mit Elias vielleicht nicht gelungen ist? Nur Silvio S. weiß es. Er senkt den Kopf und hält sich die Ohren zu, als er plötzlich seine eigene Stimme hört. Und er wird minutenlang den Blick nicht mehr heben.

Leere Flaschen, Speisereste, aufblasbare Puppen

Ein zweiter Polizist war dabei, als die Spuren in Silvio S.’ Wohnräumen im brandenburgischen Kaltenborn gesichert wurden. Auch diese detaillierte Aussage hätte sich der Angeklagte ersparen können; ebenso die mit einer 360-Grad-Kamera gefilmten und im Verhandlungssaal gezeigten Aufnahmen von seiner verwahrlosten Behausung: Leere Flaschen, Speisereste und Unmengen von gebrauchten Taschentüchern sind zu sehen; mit Exkrementen gefüllte Eimer; verknotete Kondome, die Silvio S. wie Trophäen ablegte; aufblasbare Puppen, Handfesseln. An vielen Gegenständen, auch an Kondomen, fanden sich DNA-Spuren von Mohamed, dessen Leiche unter Katzenstreu wochenlang in einer Kammer neben dem Wohnzimmer lag.

Aber auch DNA von Elias wurde nachgewiesen – an einem Kabelbinder, mit dem er vermutlich gefesselt wurde, an der Innenseite einer Latex-Gesichtsmaske, die der Sechsjährige sicher nicht freiwillig aufgesetzt hatte, und an einem Knebelring, mit dem sich der Mund gewaltsam aufsprießen lässt. Wie Elias gestorben ist, ob er vielleicht an dem Ring erstickte, wurde noch nicht geklärt. Silvio S. könnte das sagen. Aber er schweigt.