"Citizen Science"

Wie Bürger in Berlin Wissenschaftlern beim Forschen helfen

Interessierte Bürger helfen Wissenschaftlern bei der Arbeit: Auch die Projekte von Berliner Instituten werden immer beliebter.

Wasser aus der Spree: Philipp Gläser vom Andreas-Gymnasium in Friedrichshain nimmt am „Ocean Dampling Day“ eine Wasserprobe aus der Spree

Wasser aus der Spree: Philipp Gläser vom Andreas-Gymnasium in Friedrichshain nimmt am „Ocean Dampling Day“ eine Wasserprobe aus der Spree

Foto: BMBF/Wissenschaftsjahr 2016*17 / BM

Die Schüler des Biologie-Leistungskurses am Andreas-Gymnasium in Friedrichshain wollten es nicht bei Bücherwissen und Referaten belassen. Die Jugendlichen aus der 11. Klassenstufe forschen selbst. Am 21. Juni, schöpften sie an der Stralauer Allee nahe der Oberbaumbrücke Wasserproben aus der Spree, führten Analysen durch und sandten die Ergebnisse sowie eine Wasserprobe an Forscher der Jacobs Universität Bremen.

Tausende machen beim „Ocean Sampling Day“ mit

Diese bestimmen, was an Mikroorganismen in der Spree lebt. Die Berliner Jugendlichen sind damit eingebunden in eine globale Forschungsgemeinschaft. Im Jahr 2014 wurde das internationale Projekt „Ocean Sampling Day“ (OSD, „Tag der Probennahme im Meer“) begründet. Ursprünglich gedacht als weltumspannendes Langzeitprogramm zur Wasseranalyse nur an Küsten und Mündungsflüssen wie etwa die Elbe, wurde es ergänzt um weitere Flüsse – eben auch die Spree.

Seit einigen Jahren nehmen Tausende Menschen an jedem 21. Juni Wasserproben. Deren Untersuchung liefert eine weltweite Momentaufnahme vom Ökosystem Meer und seinen Zuflüssen. Es ist ein Langzeitprojekt, denn über die Jahre hinweg ist eine Entwicklung zu beobachten. Die Ozeane sind nicht nur ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere und eine Grundlage der Welternährung – ihre Mikro-Lebewelt spielt auch eine Rolle im Klimageschehen.

„Citizen Science“ ist international im Trend

Die Aktivitäten der Berliner Jugendlichen sind Teil eines Trends: Bürger, junge wie ältere, helfen beim Forschen. Das nennt sich Bürgerwissenschaften oder „Citizen Science“ (CZ). Wer Interesse an Wissenschaften, am Mitdenken und Mitarbeiten hat, kann sich einbringen und Forscher bei Projekten unterstützen, die diese selbst nicht alleine schaffen könnten. Weil sie personell nicht in der Lage wären oder – etwa bei der Analyse großer Datenmengen – ihre Computerkapazitäten nicht ausreichen würden.

In Europa sind Wissenschaftler und ihre Laien-Kollegen in der ECSA vernetzt, der European Citizen Science Association, die Mitglieder in 17 EU-Ländern, Israel und den USA hat. Kürzlich wurde Professor Johannes Vogel, der Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde, als Vorsitzender der ECSA bestätigt. Seine Stellvertreterin ist Katrin Vohland, die ebenfalls am Naturkundemuseum arbeitet.

Es sind die unterschiedlichsten Personengruppen, die sich an Citizen Science beteiligen, sagt Katrin Vohland, es sind oft Menschen, die bereits Spezialwissen mitbringen: „Es sind viele Naturliebhaber darunter, die beispielsweise Spezialkenntnisse zu einzelnen Tiergruppen haben und sich in traditionsreichen Vereinen wie ‚Orion‘ über Insekten austauschen, oder die sich am Monitoring von Vögeln oder Schmetterlingen als relevante Arten zur Beurteilung der Qualität von Ökosystemen beteiligen.“

Bürger erweitern Datenbasis und entwickeln Projekte mit

So können Bürger die vorhandene Datenbasis erweitern, sagt Vohland, die am Museum den Bereich Wissenschaftskommunikation und Wissensforschung leitet. Und: „Manchmal bringen sie auch eigene Perspektiven und Interpretationen ein, und insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung werden sie auch in die Entwicklung von Projekten einbezogen.“ Bürger treiben also die Forschung voran.

Das Spektrum der Aktivitäten ist groß und auch Menschen ohne Vorkenntnisse können sich beteiligen. Im Projekt „Spioniert Pinguine aus“ beispielsweise zählen Amateurforscher auf Fotos von Webcams in der Antarktis Pinguine und deren Nachwuchs. Im „Old Wheather“-Projekt erfassen sie alte, von Hand niedergeschriebene Wetterdokumente. Andere beschreiben Kunstwerke, zählen Vögel, Pflanzen oder Naturobjekte, sammeln Mücken, fotografieren für die Familiengeschichtsforschung alte Grabsteine und erfassen deren Inschriften.

Wieder andere analysieren die Flüge von atomaren Teilchen, die im Schweizer Kernforschungszentrum Cern generiert wurden, oder beobachten das Erblühen von Pflanzen und helfen so bei der Dokumentation der Jahreszeiten („Phänologie“). Und bei „Foldit“ werden Molekularbiologen dabei unterstützt, die komplizierte Faltung von Proteinen zu verstehen. Das ist nur ein Ausschnitt der Aktivitäten. So ist „Citizen Science“ von einer Randerscheinung einzelner „Nerds“ zu einer globalen Bewegung geworden.

„Stunde der Gartenvögel“ ist ein Klassiker

Ein Klassiker der Citizen Science ist die „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbundes (Nabu). Jedes Jahr am zweiten Maiwochenende werden Naturfreunde gebeten, sich eine Stunde lang in den Garten, einen Park oder auf die Terrasse zu setzen, Vögel zu beobachten und zu dokumentieren, welche Arten in welcher Zahl gesehen wurden. Zwar sind die Ergebnisse nicht wirklich repräsentativ – und nicht immer richtig –, aber über längere Zeiträume ergibt sich doch ein Bild davon, wie sich die Verbreitung der Arten entwickelt.

Einen Überblick über Mitmach-Projekte in Deutschland gibt es auf der Internetseite www.buergerschaffenwissen.de/projekte-finden der Organisation Wissenschaft im Dialog und des Berliner Naturkundemuseums. Dort kann man in einer Datenbank gezielt die Bereiche aussuchen, die einen besonders interessieren und die Art von Arbeit angeben, die man leisten möchte. Dort lässt sich auch einsehen, wer angesprochen wird – Erwachsene, Familien, Jugendliche.

Für viele Citizen-Science-Projekte kann man an jedem beliebigen Ort mitarbeiten, andere haben einen regionalen Bezug. In der Region Berlin-Brandenburg gibt es etwa Vorhaben zur Zählung von Wildtieren in der Stadt. In Kooperation mit dem RBB leitet das Berliner In­stitut für Zoo- und Wildtierforschung in drei Projekten zur Suche nach Igeln, Füchsen und Wildschweinen in der Stadt an. Sichtungen von Tieren und ihren Bauten sollen dazu beitragen, dass Forscher besser verstehen, wie sich die Wildtiere an den Lebensraum Stadt anpassen.

Praxisorientierter Zugang zu Naturwissenschaften

Bei „iSPEX“ des Vereins „MINT Impuls Berlin“ – dieser Verein fördert das Interesse an Naturwissenschaften bei Schülern – geht es darum, mit einem kostenlosen optischen Aufsatz auf dem iPhone Feinstaub in der Atmosphäre zu erfassen und zugleich zu erfahren, wie der eigene Wohnort dabei abschneidet.

Beim Vorhaben „Verlust der Nacht“ des Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei am Müggelsee messen Hobbyforscher die „Lichtverschmutzung“ am Nachthimmel und indirekt auch, wie viele Sterne am Himmel erkennbar sind. Die Lichtverschmutzung in dicht besiedelten Regionen hat Auswirkungen auf das Wachstum von Pflanzen, die Navigation von Zugvögeln und die Orientierung von Insekten.

Citizen Science boomt. Aber nicht jeder Forscher ist darüber glücklich, weiß Katrin Vohland. Grundsätzlich eigne sich nicht jede Forschungsfrage. „Man darf die Zeit nicht unterschätzen, die es bedarf, sich tief in eine Materie einzuarbeiten. Hier setzen Kritiker an, die sagen, dass Massendaten nicht immer ausreichende Qualität aufweisen.“

Es gibt auch Kritiker der Bürgerwissenschaften

Wer Bürgerwissenschaftler einbeziehen wolle, müsse sich vorher also gut überlegen, welche technischen Hürden vom Laien zu bewältigen seien, beispielsweise bei der Einstellung der oft genutzten Smartphones. Damit sich die erfassten Daten hinterher auch wirklich nutzen lassen.

Andere Forscher warnen, dass die Laien Beobachtungen verzerren und Daten bewusst oder unbewusst verfälschen könnten. Sie müssten deshalb zu einer Art von Qualitätskontrolle angeleitet werden. Manche Projekte sind so angelegt, dass Fehlbeobachtungen und Daten-Ausreißer sich zumindest langfristig wieder „herausmitteln“. Oder die Profis haben Plausibilitätsprüfungen eingebaut, mit denen sie Fehler erkennen und die betreffenden Datensätze aussondern können.

Und, ja, sicher sind nicht alle Projekte von großem wissenschaftlichen Nutzen. Aber sie fördern das Verständnis für Natur und Forschung. Wenn sie dann auch noch Spaß machen, erfüllen sie einen durchweg guten Zweck.