Hygiene in Berlin

Hohe Nachfrage nach öffentlichen Toiletten in den Bezirken

Der Vertrag für öffentliche Toiletten wird neu ausgeschrieben. Die Bezirke ermitteln, wo die Häuschen am meisten genutzt werden.

Eine moderne öffentliche Toilette der Wall AG auf dem Kurfürstendamm in Berlin

Eine moderne öffentliche Toilette der Wall AG auf dem Kurfürstendamm in Berlin

Foto: Markus C. Hurek / picture alliance / Markus C. Hur

Die City-Toiletten der Firma Wall stehen auf dem Prüfstand. Derzeit untersuchen die Bezirksämter und der Senat, wie die Anlagen in der Stadt verteilt sind, und wie intensiv die kleinen Örtlichkeiten genutzt werden. Der Senat hat den Vertrag mit der Firma Wall, der seit 1993 gilt, zu Ende 2018 gekündigt. Die neue Ausschreibung zum Januar 2019 wird vorbereitet.

Die Wall AG betreibt 172 City-Toiletten in Berlin. Sie sind vollautomatisch, barrierefrei und stehen täglich rund um die Uhr zur Verfügung. Für 50 Cent kann man 20 Minuten in sicherer Abgeschiedenheit sein Geschäft verrichten. Danach folgt automatisch die Reinigung und Desinfektion. Nach Auskunft des Unternehmens suchen pro Jahr rund 1,5 Millionen Nutzer die Häuschen auf. Pro Standort berechnet, sind es durchschnittlich knapp 24 Nutzer am Tag. Oder einer pro Stunde. Doch eine Umfrage der Berliner Morgenpost zeigt, dass es große Unterschiede in den Bezirken gibt.

„Ich verstehe nicht, dass die City-Toiletten bei uns so wenig Anklang finden“, sagt Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne). 21 Standorte gibt es in seinem Bezirk, nur einer habe hohe Nutzerzahlen. Die übrigen 20 werden weniger als ein Mal pro Stunde aufgesucht. Laut Kirchner kostet eine Anlage zwischen 80.000 und 120.000 Euro. Etwa 40.000 Euro kostet der Betrieb pro Jahr. Angesichts der hohen Kosten sei davon auszugehen, dass eine Toilette, die weniger als einen Nutzer pro Stunde hat, die Kosten nicht rechtfertigt.

Toiletten in Wohngebieten sind weniger ausgelastet

Ähnlich wie in Pankow sieht es in Tempelhof-Schöneberg aus. Nach Auskunft von Baustadtrat Daniel Krüger (CDU) wird nur eine von 18 Anlagen effektiv genutzt. In Steglitz-Zehlendorf seien alle zehn City-Toiletten nur mäßig besucht, sagt Umweltstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne).

In Neukölln gibt es 14 City-Toiletten, die die Wall AG betreibt. „Wir haben uns dafür ausgesprochen, sechs Standorte zu erhalten“, sagt Baustadtrat Thomas Blesing (SPD). Für acht Orte gebe es keine Notwendigkeit mehr. Darunter ein WC im Frauenviertel in Rudow, am Liselotte-Berger-Platz. „Da geht keiner aufs Klo“, so der Stadtrat. „Wer da wohnt, kann das zu Hause tun.“

In Mitte gibt es 24 City-Toiletten und zwei WC-Center, die von der Firma Wall betrieben werden. 13 Standorte seien sehr gut angenommen und stark frequentiert, teilt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) mit. Sie sollten erhalten bleiben. Bei den anderen liege die durchschnittliche Nutzerzahl bei weniger als 23 pro Tag.

Hohe Nachfrage herrscht dagegen in Spandau. Besonders die barrierefreie Kellertoilette am Marktplatz sei wichtig, sagt Stadtrat Carsten Röding (CDU). Daneben gebe es sechs City-Toiletten, die häufig aufgesucht würden. Lediglich eine Anlage am Kladower Damm habe eine geringe Auslastung. „Auf die könnten wir verzichten.“ Auch die 15 City-Toiletten in Friedrichshain-Kreuzberg werden nach Auskunft von Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) gut genutzt.

WCs auch an weniger frequentierten Standorten halten

Die Bezirksämter setzen sich dafür ein, dass auch die weniger frequentierten Örtlichkeiten weiter existieren. In Pankow will Stadtrat Kirchner zehn dieser Standorte erhalten, „aus Vorsorgegründen, und mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung.“ In einem aktuellen BVV-Antrag fordert die Pankower CDU sogar, dass alle WCs erhalten werden. Das will auch Stadtrat Krüger für Tempelhof-Schöneberg. „Das hat mit der Sauberkeit des öffentlichen Raumes zu tun“, so der Politiker. Auch Steglitz-Zehlendorfs Stadträtin Markl-Vieto meint, es gebe keine Anhaltspunkte, auf Standorte zu verzichten.

Die Effektivität sei zweitrangig, sagt auch Marc Schulte (SPD), Baustadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. In seinem Bezirk gibt es 22 Citytoiletten. „Zum Teil werden Anlagen, die wichtig sind, nur temporär genutzt, wie im Olympiastadion.“ Sie wären rein rechnerisch nicht effektiv, gehörten aber zur Grundversorgung. „Auch die, die weniger genutzt werden, sollten in Betrieb bleiben“, fordert Schulte.

„Mit einer Toilette kann man keinen Gewinn machen“, sagt Neuköllns Stadtrat Blesing. „Ein WC gehört zur ortsüblichen mitteleuropäischen Hygiene.“ Er befürworte auch, dass Supermärkte künftig mit Toilette gebaut werden müssten. Spandaus Stadtrat Röding plädiert für mehr öffentliche WCs und verweist auf die steigende Zahl der Touristen. Röding wünscht sich zusätzliche Toilettenanlagen, etwa an Gewässern wie dem Groß Glienicker See und am Lindenufer. In Neukölln sei Bedarf am S-Bahnhof Hermannstraße und am U-Bahnhof Parchimer Allee, so Stadtrat Blesing.

Auch in der Wall AG sieht man die geänderte Situation. „Natürlich muss man heute, über 20 Jahre später, den einen oder anderen Standort hinterfragen“, sagt Sprecherin Frauke Bank. „Berlin hat sich ja weiterentwickelt und die Anforderungen haben sich verändert. Es wäre also aus unserer Sicht auch absolut normal, dass gegebenenfalls die eine oder andere Anlage versetzt werden muss.“ Unbestritten sei jedoch, dass es aus den Bezirken eine hohe Nachfrage nach den Toiletten gebe.