Studieren in Berlin

Sechs Studenten berichten über ihr Studienjahr

Seit einem Jahr begleitet die Morgenpost sechs Studenten. Alle sind um viele Erkenntnisse reicher – nicht nur in ihrem Fach.

Pia Melissa Schreiber studiert Jura an der Humboldt Universität (HU)

Pia Melissa Schreiber studiert Jura an der Humboldt Universität (HU)

Foto: Jakob Hoff

Das Sommersemester neigt sich seinem Ende zu und mit ihm auch das erste Studienjahr von knapp 26.000 Uni-Frischlingen, die zum Wintersemester 2015/2016 ihr Studium in Berlin aufnahmen. Sechs von ihnen begleiten wir seit Herbst vergangenen Jahres durch diese aufregende Zeit und erleben mit ihnen die Hochs und Tiefs des Studentenlebens. Pia, Anna, Olivia, Carlos, André und Irfan sind sehr verschieden, aber sie haben doch vieles gemeinsam. Anfangs versuchen sie, sich im Uni-Dschungel zurechtzufinden, freuen sich über Erfolge, lernen aus Niederlagen, jonglieren mit Uni-Pensum und Nebenjobs. Sie sind Urberliner oder Zugezogene, studieren an der Humboldt-, der Technischen oder der Freien Universität.

„Wir alle müssen mehr Zeit investieren“

HU-Studentin Pia Melissa Schreiber

Pia Melissa Schreiber aus Hamburg, 19 Jahre alt, studiert Jura an der Humboldt Universität (HU):

„Juli ist der dunkle Monat der Jurastudenten, jetzt gehen die Klausuren wieder los. Und die werden heftiger als die ersten, es geht um die Hauptfächer. Öffentliches Recht, Zivilrecht, Strafrecht. Nur eines davon zu studieren würde auch reichen! Im letzten Semester ging es eher um Grundlagen, das lag mir mehr. Aber jetzt fühle ich mich auch ganz gut aufgestellt, ich halte meinen Lehrplan ein. Es interessiert mich, und das macht es leichter. Eine Hausarbeit steht mir noch bevor in den Ferien. Wenn alles vorbei ist, fahre ich mit meinem Freund nach Rom, das sind doch gute Aussichten.

Für ein Stipendium habe ich mich beworben und bin nun in der letzten Runde, man darf gespannt sein. Das Geld könnte ich gut gebrauchen, denn meine Weddinger Wohnung ist zwar wunderbar, aber auch gefühlt teurer als gedacht. Ich habe jetzt aber einen Job gefunden, der auch noch eine gute Vorbereitung für mein späteres Berufsziel Journalismus ist. Darüber bin ich trotz der Doppelbelastung sehr glücklich.

Jura und soziales Leben, das ist so eine Sache. Ich habe jetzt bestimmte Tage für bestimmte Freunde reserviert, sonst sieht man sich nicht. Und meine Kommilitonen, das sind keine Jura-Klischee-Egomanen, sondern entspannte Menschen. Momentan sind alle etwas unter Stress. Wir alle müssen mehr Zeit als früher in der Schule investieren, um gute Leistungen zu erzielen. Daran muss man sich gewöhnen.“

„Jetzt weiß ich, warum ich Jura gewählt habe“

Carlos Aguilar

Carlos Aguilar, 20 Jahre, aus El Salvador, studiert Jura an der Freien Universität (FU):

„Jetzt verstehe ich, warum viele Leute Angst vor Jura haben. Das letzte Semester empfand ich ja als so entspannt, aber das lag daran, dass ich es mir entspannt gemacht hab. Und wie ich das hinbekommen habe, weiß ich immer noch nicht, die Prüfungen liefen schließlich ganz gut. Aber dieses Semester will ich es besser machen, mich hat der Ehrgeiz gepackt. Das hat allerdings seine Schattenseiten. Denn so merke ich, wieviel Wissen ich wissen könnte und habe Angst, nicht genug zu wissen. Also ja, ich bin grad im Stress!

Im Frühjahr war ich zwei Monate in El Salvador, und es war wirklich schön, ich konnte alles mit anderen Augen sehen. Die zwei Monate mit meiner Familie habe ich diesmal so intensiv und aufmerksam genossen, dass mir ein wenig davor Bange wurde, ohne ihren Schutz herzukommen. Aber ich hab mich dann schnell wieder eingewöhnt und eines Tages in der Bibliothek wurde mir auch schlagartig klar, warum ich Jura gewählt habe: Ich hatte so viel Glück im Leben und andere haben das trotz ihres Potenzials nicht. Da habe ich doch die Verantwortung, ihnen zu helfen!“

„Ich will was Praxisorientierteres machen“

FU-Studentin Olivia Türk

Olivia Türk, 20 Jahre, aus Charlottenburg, studiert Germanistik und Italienisch an der FU:

„Sagte ich beim letzten Gespräch, dass zwischendurch bei Mutti unterzukommen für alle Beteiligten Plan Z wäre? Nehme ich zurück. Nachdem meine Mitbewohnerin und ich unsere Wohnung in Siemensstadt gekündigt hatten, habe ich vier Monate bei meiner Mutter in Lankwitz gewohnt. Aber wir verstehen uns ja gut, also war es kein Problem. Jetzt lebe ich seit Kurzem in Moabit, in einer Vierer-WG mit drei Jungs zusammen. Das ist großartig, so lustig und entspannt. Ich wäre nie in eine Mädchen-WG gezogen, viel zu anstrengend.

Das Studium läuft gut, überraschenderweise auch Germanistik. Davon war ich anfangs ja nicht angetan, aber jetzt ist es überwiegend spannend. Aber mein Nebenfach werde ich wechseln. Nicht, weil meine Liebe zur italienischen Sprache erloschen wäre, nein, aber diese romanistische Sprachwissenschaft! Da deckt der Germanistik-Teil meinen Theoriebedarf bereits übermäßig. Ich werde mich jetzt erkundigen, welche Kombinationen noch möglich sind. Publizistik und Medienwissenschaft würde mich interessieren, in jedem Falle etwas Praxisorientierteres.“

„Ich suche mir gezielter aus, was ich brauche“

TU-Student Irfan Yilmaz

Irfan Yilmaz, 20, aus Kreuzberg, studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der TU:

„Das Wichtigste zuerst: Ich hab einen Nebenjob gefunden, der ist wirklich super. Ich bin so glücklich darüber. Ich arbeite als studentischer Mitarbeiter beim Ableger einer bekannten kalifornischen Universität in Berlin und erledige Papierkram für die Studenten, die herkommen. Mietverträge, Bürgeramt und so etwas. Acht Stunden die Woche, das verträgt sich bestens mit meinem Studium. Das läuft jetzt übrigens auch besser. Ich hatte im letzten Semester aus gesundheitlichen und privaten Gründen anders als geplant doch keine Klausuren abgelegt, aber das werde ich in den kommenden Wochen nachholen. Meine Einstellung hat sich auch ganz schön geändert. Zufriedenheit kommt erst, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, das ist mir nun klar geworden.

Für mein Studium heißt das konkret: Es muss nicht immer eine 1,0 sein, ich muss nicht immer das aktuell nächstliegende Ziel verfolgen, sondern suche mir gezielter aus, was ich für meinen späteren Job wirklich brauche. Ich lerne jetzt auch besser, hab mich etwas umstrukturiert und fühle mich besser vorbereitet als im letzten Semester.“

„Das schlimmste erste Studienjahr ist überstanden“

TU-Studentin Anna Friederitz

Anna Friederitz, 20 Jahre, aus Hamburg, studiert nachhaltiges Management an der TU:

„Also, die erste Runde Klausuren im Frühjahr lief mittelmäßig. Drei waren sehr gut, zwei nicht ganz so. Aber ich habe alle bestanden, das ist, was zählt. Ich habe dadurch gelernt, wie man sich besser vorbereitet. Anfangs habe ich mir alle Vorlesungsprotokolle ausgedruckt, alles angestrichen. Jetzt siebe ich mehr aus, und fasse die Vorlesungen so bald es geht nach der Veranstaltung zusammen, so habe ich zum Lernen komprimiertes Wissen parat. Im ersten Semester habe ich so viel Zeit ins Studium investiert, das mache ich jetzt anders. An den Wochenenden fahre ich öfter mit Freunden weg, zum Beispiel war ich in Paris, oder bekomme Besuch, anstatt nur zu arbeiten.

Ich belege dieses Semester auch schon ein Wahlpflichtfach, das geht Richtung Umwelt und macht Spaß, ein guter Ausgleich zur Theorie. Wenn die Klausuren vorbei sind, ist das schlimmste, das mathelastige erste Studienjahr nämlich, überstanden. Und die Freunde vom ersten Tag habe ich auch noch, nur eine hat leider aufgehört. Aber Hamburg gefällt mir trotzdem besser, das wird sich auch nie ändern!“

„Einige sind bereits wieder verschwunden“

HU-Student André- Alexander Zepernick

André-Alexander Zepernick aus Spandau, 20 Jahre alt, studiert Volkswirtschaftslehre an der HU:

„Es macht Spaß, nach wie vor, bisher haben sie mich noch nicht vergrault. Klar, an manchen Tagen denkt man sich, das könnte ich mir jetzt sparen. Den ganzen Tag Vorlesungen und draußen Sonne und 30 Grad, blauer Himmel. Die Klausuren im Frühjahr liefen zufriedenstellend, aber ich hätte eher mit dem Lernen beginnen sollen. Ich dachte, man liest sich einfach alles durch, aber es kam dann auf die Details an. Dabei lautet der Lieblingssatz der Profs ja: Relevant ist alles! Und ihr zweiter Lieblingssatz: Lernen Sie nicht auswendig, sondern verstehen Sie alles!

Aber die Umstellung von Schule auf Uni ist schon ein kleiner Schock, das geht vielen bei uns so. Einige sind bereits wieder verschwunden, ein knappes Viertel vielleicht. Aber meine Freunde sind noch da. Im ersten Semester gab es manchmal die Ambition, in ein lebendigeres Viertel als Falkensee zu ziehen. Aber das reizt mich jetzt nicht mehr. Außerdem brauchen viele meiner Kommilitonen, die zentraler wohnen, länger zur Uni als ich. Jetzt in den Ferien fliege ich erstmal nach Texas, meine Gastfamilie aus dem Austauschjahr besuchen“