Berlin

Der Zille der Nachkriegszeit

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Thomas Schubert

Gottfried Schenks Fotos zeigen das Leben am Klausenerplatz um das Jahr 1980

Milljöh bleibt doch Milljöh. Das dachte sich ein junger Mann, als er in Heinrich Zilles Arbeiterkiez erstmals einen Fuß auf den Boden setzte. Sein Name: Gottfried Schenk. Seine Mission: fotografisch festhalten, was hier geschieht. Das war 1976. Und im Stadtviertel um den Klausenerplatz umfing den Zuzügler aus Tirol eine urbane Welt im Umbruch. „Es herrschte Untergangsstimmung“, beschreibt der damalige Neuling die Lage. Mieter wehrten sich gegen die Modernisierung, Punks besetzten Häuser, türkische Familien in verrottenden Höfen ließen sich davon nicht stören. Schenk griff zur Kamera und hielt drauf.

40 Jahre später steht dieser Mann vor seinen gerahmten Schnappschüssen in der Villa Oppenheim. Aus seiner Armbeuge lugt der frisch gedruckte Fotoband „Charlottenburgs rote Insel“. Und der Protagonist der neuen Sonderschau „Auf den Spuren von Heinrich Zille – Kiezfotografien 1976–1984“ muss erzählen, was ihn damals bewog, aus dem österreichischen Alpbach in ein Krisenviertel West-Berlins zu ziehen.

„Mir ging es darum, die Momente der Vergänglichkeit zu entreißen“, erzählt der Autodidakt. „Und ich geriet dabei in einen Wettlauf mit der Zeit.“ Denn sogar am eigenen Leib konnte Schenk erfahren, was damals so viele Menschen im „kleinen Wedding“ am Charlottenburger Schloss bewegte. Der Berliner Senat ließ sanieren, was das Zeug hielt. Die Bewohner rebellierten, gründeten Protestinitiativen.

Persönliche Sorgen hielten Schenk nicht davon ab, der Bewohnerschaft – dem Milljöh des früheren Kiezbewohners Heinrich Zille noch verblüffend ähnlich – nachzuspüren. Tatsächlich ernannte der Neu-Berliner den verstorbenen Maler und Fotografen Zille aus der Sophie-Charlotte-Straße 88 zum Idol. „Er lieferte eine Blaupause für meine Ambitionen“, bestätigt Schenk.

Museumsleiterin Sabine Witt holte die Fotosammlung in die repräsentativen Räume. Sie sieht in den Bildern Heinrich Zilles „gewichtiges Erbe“ modern interpretiert. Immerhin war die „behutsame Modernisierung“ im Klausenerplatz-Kiez eine Art Generalprobe für die Sanierung anderer Altbauviertel Berlins und ist daher von historischem Interesse. Mit Kahlschlagaktionen, also dem Abriss und Neubau der Gründerzeitsubstanz, war es von da an vorbei. Die Ausstellung „Auf den Spuren von Heinrich Zille – Kiezfotografien 1976–1984 von Gottfried Schenk“ zeigt das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf.

Villa Oppenheim, Schloßstraße 55, Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Sonnabend, Sonntag und Feiertage 11 bis 17 Uhr. Eintritt frei. Schenks Fotobuch „Charlottenburgs rote Insel“ ist zum Preis von 20 Euro erhältlich.