Schule

Wie Berliner Eltern in Pankow selbst eine Schule gründen

Weil es schwierig ist, Plätze für die Kinder an den gewünschten pädagogischen Einrichtungen zu bekommen, helfen sich Eltern selbst.

Suchen nach Räumen: Sigrid Meran (hinten Mitte), Fried-Günter Hansen (r.), Vorstandsmitglied der Naturschule Blankenfelde, und Alexander Baasner (l.u.)

Suchen nach Räumen: Sigrid Meran (hinten Mitte), Fried-Günter Hansen (r.), Vorstandsmitglied der Naturschule Blankenfelde, und Alexander Baasner (l.u.)

Foto: David Heerde

Die sechsjährige Sarah geht in den Waldkindergarten – und bis vor Kurzem war für sie klar, dass sie im September an der Naturschule Blankenfelde eingeschult wird. Doch mit diesem Ansturm hatte niemand gerechnet: Für die kleine Naturschule auf dem Stadtgut gab es 50 Bewerbungen, dabei konnten nur drei freie Plätze vergeben werden, da die restlichen Schulplätze schon den Geschwisterkindern vorbehalten sind.

In Pankow wächst die Schülerzahl besonders rasant. An den öffentlichen Schulen müssen zum kommenden Schuljahr 15 zusätzliche Klassen eingerichtet werden, um überhaupt allen Erstklässlern in ihrem Einzugsgebiet einen Schulplatz bieten zu können. Für den Wechsel an eine Wunschschule mit einem besonderen pädagogischen Profil bleibt da kaum Spielraum. Wer die staatliche Schule nebenan für sein Kind nicht möchte, der kann sich alternativ bei einer Privatschule bewerben.

Doch auch da sieht es in diesem Jahr nicht gut aus. "Wir haben uns gleich nach der Absage an drei anderen freien Schulen beworben, doch überall waren die Plätze längst vergeben, meistens an Geschwisterkinder", sagt Sigrid Meran. Mit der öffentlichen Schule im Wohngebiet hat die Mutter schlechte Erfahrungen gemacht. Ihr großer Sohn Jonas habe dort schon nach kurzer Zeit die Lust am Lernen verloren, weil die Lehrer nicht in der Lage gewesen seien, auf seine Begabungen einzugehen. "Das Einzige, was ihm an der Schule gefallen hat, war die Hofpause", sagt Sigrid Meran. Erst mit dem Wechsel ans Gymnasium nach der vierten Klasse habe der heute 13-Jährige wieder Spaß am Lernen gefunden.

Der Träger ist gefunden, der Ort noch nicht

Ihrer Tochter will sie diese Erfahrung ersparen. Sigrid Meran hat sich nun mit anderen Eltern zusammengeschlossen, um selbst eine freie Schule in Pankow zu eröffnen. Das Projekt ist ehrgeizig. Wenn es gelingt, wollen sie schon zum kommenden Schuljahr mit zwei altersgemischten Gruppen starten. Auch einen erfahrenen Träger gibt es schon mit dem Verein Freie Waldschule Pankow, der seit neun Jahren die Naturschule in Blankenfelde betreibt.

"Naturschule bedeutet nicht, dass die Kinder den ganzen Tag im Wald spielen", sagt Fried-Günter Hansen, Vorstandsmitglied der Naturschule Blankenfelde. Vielmehr gehe es darum, eine emotionale Verbindung zur Natur aufzubauen. Dadurch würden viele Fähigkeiten aktiviert. "Über das Lesen von Spuren zum Beispiel erhalten die Schüler einen leichteren Zugang zur Schrift", sagt Hansen. Die Lehrer und Erzieher würden sich als Lernbegleiter betrachten, die die Kinder in ihrem selbstbestimmten Lernprozess unterstützen.

Für Alexander Baasner ist das Verhältnis auf Augenhöhe zwischen Schülern und Lehrern der Hauptgrund, warum er für seine beiden Kinder eine freie Schule gründen möchte. Er sei da vor allem von seinen eigenen Erinnerungen geprägt, in denen Schule ein Ort gewesen sei, wo Lehrer gern ihre Macht gegenüber Schülern demonstriert hätten. An der Naturschule können die Kinder Lernmodule nach ihren eigenen Interessen wählen. Die einen entscheiden sich für den Imkerkurs, andere für die Fahrradwerkstatt oder das Videoprojekt. "Am Ende erlernen sie dabei die gleichen Kompetenzen wie an einer öffentlichen Grundschule. Nur der Weg ist anders", sagt Hansen.

Leer stehende Villa in Niederschönhausen als Option

Die größte Hürde für die Schulgründer ist es, ein passendes Gebäude in Pankow zu finden, das auch noch über eine ausreichend große Freifläche verfügt. Damit die Schule bis zur sechsten Klasse nach oben wachsen kann, brauchen die Initiatoren zunächst Räume auf einer Fläche von 500 Quadratmetern. Viele Privatschulinitiativen sind in der Vergangenheit daran gescheitert, dass bezahlbare Räumlichkeiten fehlten. Denn die Zuschüsse des Landes erlauben nur eine Warmmiete zwischen acht und zehn Euro.

Die Initiatoren sind trotzdem optimistisch. "Wir prüfen derzeit Erfolg versprechende Optionen in Niederschönhausen, trotzdem sind wir noch dankbar für jeden Hinweis", sagt Sigrid Meran. Dort gebe es leer stehende Villen. Sobald der Mietvertrag steht, können die Pädagogen eingestellt werden. Auch das ist bei dem aktuellen Fachkräftemangel nicht gerade einfach. "Wir brauchen zwei Lehrer und zwei Erzieher, die sich der Naturpädagogik verbunden fühlen", sagt Sigrid Meran. Über die Nachfrage von Schülern jedenfalls müssen sich die Schulgründer keine Sorgen machen. Schon jetzt gibt es genügend Interessenten.

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