Prozess gegen Silvio S.

„Ich habe gehofft, dass ich ihn lebend finde“

Im Prozess gegen Silvio S. schildert der ermittelnde Polizist den Morgen, an dem er den kleinen Mohammed fand - in einer gelben Plastikwanne.

In dieser gelben Wanne wurde der vierjährige Mohammed gefunden. Am Montag schildern Polizisten den Morgen der Verhaftung von Silvio S.

In dieser gelben Wanne wurde der vierjährige Mohammed gefunden. Am Montag schildern Polizisten den Morgen der Verhaftung von Silvio S.

Foto: Christof Bock / dpa

Die Plastikwanne ist im Verhandlungssaal des Potsdamer Schwurgerichts sofort zu sehen. Schon wegen der auffälligen gelben Farbe. Daneben sind andere Asservate angeordnet: Elektroschocker, Handschellen, Daumenfesseln, Schlaftabletten, Metall-Knebel, Chloroform – alles Dinge, die im Dacia des Angeklagten gefunden wurden. Aber am auffälligsten ist die gelbe Plastikwanne mit Katzenspreu

Auch Silvio S. starrt sofort zu dieser Wanne, als er Montag gegen 9.40 Uhr in den Verhandlungssaal geführt wird. Er schluckt, schließt kurz die Augen. In dieser Wanne, er weiß es am besten, wurde die Leiche des vierjährigen Mohamed gefunden. Der erste Zeuge an diesem Tag hatte sie am 29. Oktober 2015 Kofferraum des Dacia von Silvio S. sicher gestellt.

Der Ermittler ist auch jetzt noch aufgeregt

Polizeihauptkommissar Rolf M. wurde damals von der Leitstelle angerufen. Er solle nach Kaltenborn fahren. Von dort aus, sagte man ihm, habe eine Frau angerufen, die ihren Sohn in der Zeitung auf einem Suchfoto erkannt haben will. Es gehe um die Entführungssache Mohamed.

Rolf M. fuhr allein nach Kaltenborn. Mit dem Dienstwagen und in Uniform. Von unterwegs aus beorderte er Verstärkung heran: „Mein Bauchgefühl war nicht besonders gut“, erinnert sich der 41-Jährige. Der Beamte ist immer noch sehr aufgeregt, wenn er an diesen Tag denkt. Manchmal bricht er ab, muss erst einmal schlucken.

Silvio S. Mutter erkannte ihren Sohn in der Zeitung

Am Tor wartete Silvio S.’ Vater. „Ich spürte, ich war nicht willkommen“, sagt Rolf M. „Die Mimik, die Gestik, das sprach Bände.“ In Haus wartete Silvio S.’ Mutter. „Sie war todtraurig und sehr betroffen.“ Ihr Sohn sei nicht hier sagte sie und schilderte, was sich zuvor am Küchentisch abgespielt hatte: Gegen 6.30 Uhr saß die Familie beim Frühstück. Sie blätterte in der Zeitung, sah plötzlich das Foto mit ihrem Sohn, sagte: „Huch, das bist ja du! Was machst du in der Zeitung?“

Ihr Sohn habe nichts abgestritten, sich nicht verteidigt. Er habe leise gesagt: „Ich hab’s gemacht. Ich hole noch Beweise.“ Rolf M. befürchtete sofort, Silvio S. könne auf der Flucht sein. Aber es gab noch eine WhatsApp-Meldung. Ihr Sohne werde jetzt gleich kommen, sagte Petra S.

Silvio S. verlangte sofort nach einem Anwalt

Wenig später betrat Silvio S. ahnungslos ins Haus. „Er hat tellergroße Augen gemacht, als er mich sah“, sagt Rolf M. Zu diesem Zeitpunkt ging der Hauptkommissar immer noch von einer Entführung aus. Er stellte sich vor, berichtete vom Grund seines Kommens, fragte: Wo ist das Kind?

Silvio S. habe leise geantwortet: „Ich denke es wäre vielleicht besser, mit einem Anwalt zu reden.“ Inzwischen trafen zwei junge Kollegen ein. Rolf M. wies sie an, Silvio S. festzunehmen. „Wir haben mit ihm gesprochen“, sagt der 24-jährige Beamte Felix Mü. „Ich habe ihn gefragt, ob man nicht vielleicht doch noch was tun kann für den kleinen Mohamed.“ Da habe Silvio S. gesagt: „Schaut einfach ins Auto.“

Der erfahrene Ermittler kämpft mit den Tränen

Sie gingen zu viert hin. Silvio S., die beiden Beamten und Rolf M. Der erfahrene Polizist zögert, als er die Szene beschreiben soll. „Ich habe immer noch gehofft, dass ich ihn lebend finde“, sagt er. Es wirkt, als kämpfe er mit den Tränen.

Und dann beschreibt er, wie er die Kofferklappe öffnete, die gelbe Wanne sah, randvoll mit Katzenspreu gefüllt. „Im Nachhinein bilde ich mir ein, einen süßlichen Geruch wahr genommen zu haben.“ Er erzählt stockend, wie er zwischen dem Katzenspreu etwas sah, „einen Arm oder ein Bein“, Rolf M. weiß es nicht mehr. Er habe es „angefasst und gespürt, dass es kalt war. Anschließend habe er die Klappe geschlossen. Er wusste, dass es nichts zu retten gab.

Der Junge habe nicht lange leiden müssen

Silvio S. wurde von den beiden jungen Beamten im Funkwagen nach Luckenwalde zur Polizeiinspektion gebracht. Unterwegs erklärte er den Polizisten, dass er jetzt eigentlich seinen Dienst als Wachmann antreten müsste und einen besseren Weg nach Luckenwalde kenne.

Sie ließen ihn reden, brachten geschickt die Sprache auf Mohamed. Ob es ein Unfall war, fragte Felix Mü. Silvio S. habe erwidert: „Ich wünschte, es wäre ein Unfall gewesen, aber es war keiner“. Und nach einer kurzen Pause habe er hinzu gefügt, dass der Vierjährige „nicht lange leiden musste“.

Wie der Angeklagte auf ihn gewirkt habe, möchte Richter Theodor Horstkötter von dem Beamten wissen. „Ruhig, gefasst und ein bisschen genervt“, als stünde ein Staubsaugervertreter vor der Tür, der sich nicht abschütteln lasse, sagt Felix Mü.

Interessent für harte Porno- und Sado-Maso-Filme

Das passt zu der Zeugenaussage des Inhabers eine Videothek, in der Silvio S. Stammkunde war und sich als Interessent für harte Porno - und Sado-Maso-Filme erwies. „Er hat sich den schärfsten Scheiß ausgeliehen, den ich hatte“, sagt der Zeuge. Am 18. Oktober 2015 lief im Hintergrund auf einem TV-Gerät gerade der Fahndungsaufruf nach dem mutmaßlichen Entführer des kleinen Mohamed.

„So etwas sollte man eigentlich um die Ecke bringen“, soll Silvio in Bezug auf den Täter erklärt haben und dass es schönes Wetter sei, gerade richtig, um zum Garten zu fahren. In seinem eigenen lag zu dieser Zeitpunkt schon die Leiche seines zweiten Opfers, des sechsjährigen Elias.