Günstig Wohnen

Warum ein Neuköllner Bäcker Mitarbeitern Wohnungen anbietet

Das Modell Werkswohnung erlebt in Berlin ein Comeback. Eine Neuköllner Bio-Bäckerei ist dabei eine Vorreiterin.

Bäcker Joachim Weckmann bietet seinen Angestellten günstige Wohnungen an

Bäcker Joachim Weckmann bietet seinen Angestellten günstige Wohnungen an

Foto: Amin Akhtar

Die Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt verschärft sich: Die Mieten steigen kontinuierlich, an bezahlbaren Wohnungen mangelt es in fast allen Bezirken. Gleichzeitig fehlt der freien Wirtschaft qualifiziertes Personal, unter anderem das Bäckereigewerbe benötigt mehr Fachkräfte. Die Neuköllner Bäckerei Märkisches Landbrot hat deshalb eine alte Idee wieder belebt. Sie stellt Werkswohnungen, also betriebliche Mitarbeiterwohnungen. Was früher schon einmal ein effektives Modell für bezahlbares und gesichertes Wohnen war, erlebt eine Renaissance.

Die Neuköllner Bäckerei, die Brot in Bioqualität herstellt, bietet so ihren Mitarbeitern nicht nur einen Job, sondern auch eine Wohnung. Bereits 2008 erwarb Geschäftsführer und Eigentümer Joachim Weckmann ein Mietshaus in Neukölln, von dem inzwischen ein Anteil von 19 Prozent an die Bäckerei geht. Auf 340 Quadratmeter Fläche wohnen dort acht der etwa 55 Mitarbeiter des Unternehmens. Unter ihnen Bäcker, Techniker und ehemalige Bäckerei-Fachkräfte. „Sobald eine neue Wohnung frei wird, vermieten wir sie an einen unserer Mitarbeiter“, sagt Christoph Deinert, der seit 2008 neben Joachim Weckmann Geschäftsführer der Bäckerei ist.

Bundesweit wurden Arbeitgeber befragt

Das „Comeback der alten Werkswohnungen“ nennt es Arnt von Bodelschwingh, Leiter des Berliner Forschungsinstituts RegioKontext. In ihrer aktuellen Studie „Wirtschaft macht Wohnen“ hat das Institut die betrieblich gestellten Wohnungen untersucht. Dazu wurden bundesweit 20 Arbeitgeber von kleinen Firmen bis hin zu großen Konzernen befragt. Laut Bericht geht die angespannte Wohnsituation mit einer Knappheit an Fachkräften einher. Das sei besonders in wirtschaftsstarken Ballungszentren wie Berlin immer häufiger der Fall.

Gerade hier seien Mitarbeiterwohnungen aufgrund des Mietpreisbooms wieder im Kommen. „Wir erleben hier städtebauliche Maßnahmen als Reaktion auf die angespannte Wohnsituation“, sagt Arnt von Bodelschwingh. Er sieht die Betriebswohnungen als Pluspunkt für Unternehmen im Wettbewerb mit Konkurrenten. Sie seien ein großer Attraktivitätsfaktor, da insbesondere das Thema Wohnen bei der Job-Wahl wieder mehr im Vordergrund stehe, so die Studie. Firmen können qualifiziertes Personal so besser an sich zu binden.

„Unsere Bäcker arbeiten bis vier Uhr morgens und gehen dann nach Hause“, sagt Bäckerei-Geschäftsführer Christoph Deinert. „Gerade in Berlin ist es schwer, eine bezahlbare Wohnung in der Nähe zu finden.“ Mit einer Kaltmiete von sechs Euro bis 6,50 Euro pro Quadratmeter sind die Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen der Bäckerei preiswert.

Und das, obwohl der Bezirk Neukölln im Vergleich mit anderen Städten bundesweit Spitzenreiter bei den Mieterhöhungen ist. Um 54,5 Prozent sind die Preise von 2010 bis 2014 laut einer Studie von ImmobilienScout24 gestiegen. Inzwischen müssen Mieter in Neukölln laut Mietspiegel des Immobilienportals Wohnungsbörse im Schnitt 10,37 Euro pro Quadratmeter zahlen. Die Mitarbeiter der Bäckerei zahlen noch die Mietpreise von 2008. „Für 6,50 Euro pro Quadratmeter bekommt man hier heute keine Wohnung mehr“, sagt Christoph Deinert.

Der Wohnungsmarkt kann ein bisschen entlastet werden

Das Modell der betrieblich gestellten Wohnungen ist nicht neu. Die ersten Werkswohnungen wurden in den 1880er-Jahren in Deutschland erbaut. Zu Beginn wurden insbesondere Führungskräfte und Angestellte in den neu gebauten Wohnungen untergebracht, später auch andere Beschäftigte. Die Deutsche Bahn und die Deutsche Post gehörten zu den Unternehmen, die so Wohnraum für ihre Mitarbeiter schufen. In Berlin war vor allem die Firma Siemens für den Bau von Werkswohnungen verantwortlich. Ende der 70er-Jahre gab es bundesweit rund 450.000 Werkswohnungen. Später galt das Modell als veraltet und verlor in Deutschland an Bedeutung. Heute hat sich die Wirtschaft fast vollständig aus dem Wohnungsbau zurückgezogen.

Die Mitarbeiterwohnungen sieht Arnt von Bodelschwingh nun als Chance, den Wohnungsmarkt effektiv zu entlasten. Trotzdem sei nicht zu erwarten, dass Großunternehmen und Industrie in Zukunft auf den Bau betriebseigener Wohnungen setzen. Die Mitarbeiterwohnungen treten „nicht als flächenhaftes Phänomen, sondern unter vielfältigen und oft sehr unterschiedlichen Konstellationen und Rahmenbedingungen“ auf, so das Fazit der RegioKontext-Studie.