Fachkräfteprognose

In Berlin fehlen zum neuen Kitajahr mehr als 1300 Erzieher

Jetzt räumt auch die Senatsbildungsverwaltung ein, dass das Personal in den Kitas knapp ist. Eine Kampagne soll weiterhelfen.

In Berlin sollen 10.000 neue Kita-Plätze geschaffen werden. Doch das nötige Personal fehlt

In Berlin sollen 10.000 neue Kita-Plätze geschaffen werden. Doch das nötige Personal fehlt

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Zum neuen Kita- und Schuljahr fehlen in Berlin mehr als 1300 Erzieher. Das geht aus der Fachkräfteprognose der Senatsverwaltung für Bildung hervor. Allein für die beschlossene Qualitätsverbesserung in den Krippen werden ab September 700 zusätzliche Erzieher benötigt, zudem sollen bis 2017 etwa 10.000 neue Kita-Plätze geschaffen werden. Doch die Rechnung wurde offenbar ohne das nötige Personal gemacht.

Während das Verhältnis zwischen Fachkräftebedarf und Angebot in diesem Kitajahr laut Bildungsverwaltung noch ausgeglichen ist, klafft ab September eine große Lücke: Insgesamt werden 33.225 Erzieher an Kitas und Schulen gebraucht, vorhanden sind inklusive der Absolventen aber nur 31.894. Zwar hat Berlin die Ausbildungskapazitäten aufgestockt, doch Wirkung zeigt das erst in den darauffolgenden Jahren. Laut Prognose wird sich das Defizit dann langsam abbauen. Im Jahr 2017/18 würden noch knapp 500 Erzieher an Schulen und Kitas fehlen, bis 2020 soll dann das Verhältnis wieder stimmen.

Doch für die Kinder, die jetzt in der Kita sind oder ab September zum Beginn des neuen Kitajahrs neu eingewöhnt werden, ist das ein schwacher Trost. „Im Laufe des neuen Kitajahrs wird die Situation eine besondere Herausforderung“, räumte Ilja Koschembar, Sprecher der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), gegenüber der Berliner Morgenpost ein. Die Senatsbildungsverwaltung hofft dennoch, die Lücke schließen zu können, und setzt dabei vor allem auf Quereinsteiger. Viele Kita-Träger würden die mögliche Quote von 25 Prozent Seiteneinsteigern noch nicht ausnutzen, sagte Koschembar.

Erzieher aus anderen Bundesländern abwerben

Zudem hofft die Verwaltung noch auf Bewerber aus anderen Bundesländern. „Wir wollen möglichst schnell eine Kampagne in Bundesländern starten, in denen die Kinderzahlen anders als in Berlin zurückgehen“, sagte Koschembar. Während die Jobperspektiven dort eher schlecht seien, hätten die Erzieher in Berlin praktisch eine Beschäftigungsgarantie.

Die Kita-Träger sind da skeptisch. „Schon jetzt gibt es wenige Bewerber aus anderen Bundesländern, denn in Berlin verdienen Erzieher etwa 350 Euro pro Monat weniger“, sagte Torsten Wischnewski-Ruschin, Kita-Referent im Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem Dachverband der freien Träger. Viele Stellen seien deshalb unbesetzt. Die Lage werde sich ab September dramatisch zuspitzen. „Wir erwarten, dass die Senatsverwaltung für Bildung in den kommenden Tagen eine Strategie vorlegt, wie dieses Defizit auszugleichen ist“, sagte Wischnewski-Ruschin. Auch die Verwaltung müsse schnell andere Strukturen schaffen, um bei Bewerbern aus anderen Berufen zügiger als bisher festzustellen, ob sie die Bedingungen als Quereinsteiger erfüllten.

„Es ist gut, dass die Senatsverwaltung jetzt die deutlichen Defizite zugibt, ich gehe aber davon aus, dass der Bedarf, der nicht gedeckt werden kann, noch größer sein wird“, sagte Falko Liecke (CDU), Jugendstadtrat von Neukölln, der Berliner Morgenpost. Laut Senatspapier gebe es zwar aktuell keinen Mangel an Fachkräften, doch allein der Kita-Eigenbetrieb Süd-Ost könne derzeit 70 offene Stellen nicht besetzen. Mit Quereinsteigern sei das wachsende Problem im bevorstehenden Kitajahr nicht in den Griff zu bekommen, denn in diesen Dimensionen gebe es gar keine Interessenten. Der Finanzsenator müsse vielmehr ermöglichen, die Erzieher ähnlich wie schon die Lehrer von Beginn an in eine höhere Gehaltsstufe einzugruppieren, forderte der Stadtrat. Die kurz vor der Wahl beschlossenen Verbesserungen bei der Erzieher-Kind-Relation könnten in der Realität gar nicht eingelöst werden.

Experten warnen vor Absenkung des Standards

Auch die Schulen werden es schwer haben, zum neuen Schuljahr genügend Erzieher zu finden. Von den 1300 Stellen, die nicht durch das Fachkräfteangebot gedeckt werden können, entfallen 25 Prozent auf die Grundschulen. Wenn die Bildungsverwaltung wie geplant nun die ehemaligen DDR-Unterstufenlehrer, die derzeit als Erzieher arbeiten, zu Grundschullehrern macht, müssten die Schulen noch zusätzlich 400 Fachkräfte für die Horte finden.

Experten warnen vor einer Standardabsenkung. In vielen Bundesländern wird an den Kitas im Vergleich zu Berlin deutlich mehr Personal eingesetzt, das nur eine Ausbildung zum Sozialassistenten oder in der Kinderpflege habe. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betonte, dass es in Berlin eine solche Absenkung der Qualifikation nicht geben soll.