EM-Überraschung

So viel Island steckt in Berlin

Island ist eine Insel mit gerade mal 330.000 Einwohnern. Gerade mischen seine Fußballer die EM auf. Wie viel Island steckt in Berlin?

Die Skandinavistik-Studenten jubeln über den Überraschungs-Erfolg von Island

Die Skandinavistik-Studenten jubeln über den Überraschungs-Erfolg von Island

Foto: Max Böhnke

Dem kleinen Island ist mit dem Einzug ins Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich durch den 2:1- Sieg über den Fußballriesen England eine Sensation gelungen. Spätestens seit diesem Erfolg ist das Island-Fieber auch in der deutschen Hauptstadt ausgebrochen. Wenn am heutigen Sonntag die Mannschaft des nur 330.000-Einwohner-Inselstaates ab 21 Uhr auf Frankreich tritt, drücken viele dem Debütanten die Daumen.

>>> Interaktiv: Ein Huh! für island! <<<

Die isländische Botschaft lädt schon vor dem Spiel in Zusammenarbeit mit dem Astra Kulturhaus und dem 11Freunde/EM Quartier um 18.30 Uhr zu einem „warming up“ ein. Mit dabei sein werden isländische Künstler wie die Musiker Mr. Silla, der Autor und Stand-up-Comedian Jón Atli, der Opernsänger Magnus Hallur Jonsson und der Saxofonist Sölvi Kolbeinsson. Wie viel Island steckt eigentlich in Berlin? Die Berliner Morgenpost hat sich auf Spurensuche begeben.

Edda Jökulsdottir, stellvertretende Botschafterin Islands in Deutschland:

„Wir sind seit 1999 in dem nordischen Botschaftskomplex an der Rauchstraße in Tiergarten untergebracht“ , sagt Edda Jökulsdottir, die stellvertretende Botschafterin. „Die Botschaft von Island ist aber nicht nur für Deutschland zuständig, sondern auch für Kroatien, Montenegro, Polen und Serbien. Ein so kleines Land kann eben nicht überall vertreten sein. Sieben Mitarbeiter hat die Vertretung unter Botschafter Gunnar Snorri Gunnarsson. Aufgabe ist es, den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Island und den Ländern zu fördern. Die Botschaft liefert aber auch Informationen über Island und gibt in konsularischen Fragen Auskunft. Edda Jökulsdottir ist selbst großer Fußballfan und begeistert über den unerwarteten Erfolg der Isländer, die erstmals an einer Fußball-Europameisterschaft teilnehmen. „Meine 14-jährige Tochter spielt auch Fußball beim FC Internationale in Schöneberg, und mein elfjähriger Sohn ist ein begeisterter Fußballfan.“

Alfheidur Erla Gudmundsdottir,
Studentin in Berlin:

Die 22-Jährige aus Reykjavik studiert Gesang an der Musikhochschule Hanns Eisler. Seit zwei Jahren wohnt sie im Bergmannkiez in Berlin. „Die Stadt und deren Einwohner sind so bunt“, schwärmt sie. „Nur frischen Fisch und „den Blick ins Weite“ vermisst sie, wie sie sagt. Unter den rund 540 Isländern, die zurzeit in Berlin leben, sind etwa 40 Studenten. Eingeschrieben sind sie auch an der Humboldt-Universität, der Freien Universität und der Technischen Universität. „Die Community ist stark miteinander verbunden“, erzählt Alfheidur Erla Gudmundsdottir. „Unsere Facebook-Gruppe ,Berlin – unsere Stadt’ hat 1600 Mitglieder.“ Darunter seien viele, die sich für ein Erasmus-Studium in Berlin interessieren. Oder die bereits hier waren. „Man fühlt sich in Berlin sehr willkommen“, sagt die Studentin. Sie und ihre Freunde haben jedes Spiel bei dieser EM geguckt. „Es ist soooo spannend“, sagt Alfheidur Erla Gudmundsdottir, „unsere Jungs, wir sind total stolz auf sie.“ „Strákarnir okkar“ heißen diese auf Isländisch.

Dóttir“ und „Tommi’s Burger Joint“, Restaurants mit isländischer Küche in Berlin:

Im Restaurant „Dottir“ (Mittelstraße 41, Mitte) verwöhnt die junge Küchenchefin Victoria Eliasdóttir die Gäste. 2008 begann sie ihr Studium am kulinarischen Institut in Reykjavík und lernte im „Seafood Cellar“. Zunächst arbeitete sie in der Studio Küche des Künstlers Ólafur Elíasson. Im „Grill Royal“ lernte sie Boris Radczun kennen. Er bot ihr an, zusammen ein Restaurant zu eröffnen. Auf der Karte findet sich vor allem Fisch und Vegetarisches. Dóttir bedeutet übrigens „Tochter“ auf isländisch – und ist die gängige Endung für die Nachnamen isländischer Frauen.

In Tommi’s Burger Joint (Invalidenstraße 160, Mitte) erwartet den Gast die nordische Variante des Burgers – mit Fleisch aus einer schottischen Farm in Bio-Qualität. Für die Kreation seines perfekten Burgers begab sich der isländische Burgerpionier Tomas Tomasson im Jahr 2004 auf eine Odyssee um die halbe Welt. „Tomma-Burger“ eröffnete 1981 dann erstmals in Island. Inzwischen gibt es sechs Tommi’s Burger Joints in Island, zwei in London, einen in Berlin und in Kopenhagen. Weitere sind geplant.

Handelsbeziehungen zwischen Berlin und Island:

Die Berliner Exporte nach Island sind überschaubar. 2015 wurden lediglich Waren im Wert von 3,4 Millionen Euro dorthin ausgeführt. Damit wurde zum ersten Mal wieder das Niveau der Zeit vor der Finanzkrise erreicht. Sie hat Island besonders hart getroffen. Der Exportrückgang Berlin-Island betrug 2011 im Vergleich zu 2007 rund 59 Prozent. Die Berliner Top-Exportgüter nach Island waren im vergangenen Jahr: Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse. Es folgen laut Statistik Maschinen sowie Nahrungs- und Futtermittel. Die Berliner Importe aus Island sind noch überschaubarer: Im vergangenen Jahr waren es Waren im Wert von 465.000 Euro, die aus Island in die Hauptstadt eingeführt wurden. Vor allem Fische und Krebstiere werden importiert. Fischfang und Fischverarbeitung sind noch immer das Rückgrat der isländischen Wirtschaft. Vor allem Kabeljau, Lodde, Hering, Rotbarsch, Schellfisch und Seelachs werden aus dem Meer gefischt. Die Energiewirtschaft und energieintensive Industrien wurden im vergangenen Jahrzehnt verstärkt ausgebaut. Island exportiert Aluminium, das verstärkt in der Solarwirtschaft benötigt wird und das den Fisch im Jahr 2008 als wichtigstes Exportgut abgelöst hat.

Islands Künstler in Berlin:
Die vielfältige Szene Berlin ist Anlaufpunkt für viele Künstler aus Island. Der Bildende Künstler Egill Sæbjörnsson lebt seit fast 20 Jahren in der deutschen Hauptstadt. Er wird Island auf der Biennale Venedig vertreten. Oder Mr. Silla. Hinter dem Namen steckt die Musikerin Sigurlaug Gísladóttir. Aus Reykjavík ist Magnus Hallur Jónsson, ein junger Opernsänger, derzeit hier. In Berlin lebt auch die isländische Schriftstellerin Auður Jónsdóttir. In der Mode mischen die Isländer ebenfalls kräftig mit, so wie Fashion-Designerin Helga Lilja. Berlin und Reykjavík kooperieren nach Angaben der Botschaft zunehmend auf kulturellen Gebieten. So haben die Berliner Philharmoniker erstmals 2012 in der isländischen Hauptstadt gespielt.

Isländische Fußballfans in Berlin:

Der 21-jährige Moritz Twente interessiert sich für isländische Sprachen und vor allem auch für die Literatur. Seit 2013 studiert der gebürtige Dortmunder Nordische Kultur an der Humboldt-Universität in Berlin. Das dortige Nordeuropa-Institut ist das größte Skandinavistik-Institut in Deutschland. Bei seinem Auslandssemester in Reykjavík gefiel dem Studenten aus Deutschland vor allem, dass es dort „beschaulicher zugeht“. Er drückt Island beim Viertelfinalspiel gegen Frankreich die Daumen – und will die Mannschaft zusammen mit seinen Mitstudenten auch an diesem Sonntag wieder beim „Public Viewing“ anfeuern. Lautstark. „Huh!“