Puppentheater

Berlin lässt die Puppen tanzen

Die Schaubude lädt am Sonnabend zur ersten Langen Nacht des Puppenspiels. Dabei ist die Künstlerin Pauline Drünert und ihr Bauchladen.

Puppenspielerin  Pauline Drünert mit ihrem Bauchladen

Puppenspielerin Pauline Drünert mit ihrem Bauchladen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Es ist Nacht. In einer Bar sitzen Lotte, ein Mann mit Hut, ein Barkeeper und eine Tänzerin. Der Schnaps hat sie hergeführt, aber eigentlich suchen sie Nähe und Liebe. Die zwei Zentiliter Hochprozentiges sollen aber bei der Flucht vor der Einsamkeit helfen. Lotte hat schon bessere Tage gesehen und wird wohl deshalb Schabracke genannt, der Mann mit Hut ist „der Dicke“ und kann seinen Kopf öffnen, um zum Beispiel eine Rose herauszuholen, die Tänzerin hat fünf Beine, ist mehr Spinne als Frau. Nein, mit rechten Dingen geht das hier nicht zu, aber die vier sind auch nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Kunststoff, Stoff, Draht und Holz. Und die Bar ist der Bauchladen von Pauline Drünert.

Die 34-Jährige ist Puppenspielerin und tritt mit ihrem Bauchladenstück „Weiße Nacht“ an diesem Sonnabend in der Schaubude in Prenzlauer Berg auf. Dort findet die erste lange Nacht des Puppenspiels statt. Zwölf Stunden lang werden insgesamt 17 Inszenierungen an verschiedenen Spielorten im Haus gezeigt, manche Stücke, wie auch das von Pauline Drünert, gleich mehrfach. Zu sehen sind klassische Puppen, aber auch das Spiel mit anderen Objekten und mediale Installationen. Am Mittag und Nachmittag stehen Stücke für Kinder auf dem Programm, am Abend und in der Nacht richten sich die Vorstellungen eher an Erwachsene. Am Schluss der Zwölf-Stunden-Veranstaltung wird der Preis des Publikums vergeben.

Das Studium Puppenspiel gibt es nur an zwei Hochschulen

Es ist kein Zufall, dass die Nacht des Puppenspiels ausgerechnet in Berlin stattfindet, denn hier leben besonders viele Puppenspieler. Auch das ist kein Zufall, gibt es doch nur in Berlin und in Stuttgart Puppenspiel und Figurentheater als eigenes Studium. Markus Joss leitet seit 2013 den Studiengang an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, seit 2007 lehrt er hier bereits. Das Studium ist breit aufgestellt: Es geht um Animation und Schauspiel, um Masken und Marionetten, Koordination, Pantomime und natürlich Bühnenpräsenz. Puppenspiel ist eben weit mehr als die Kunst eine menschenähnliche Puppe zu bewegen. Jedes Jahr werden zehn Studierende aufgenommen, im Gegensatz zu den Aufnahmeprüfungen bei Schauspielschulen,, die regelmäßig überrannt werden, sei „die Bewerberzahl noch steigerungsfähig“, sagt Joss.

Wer sich für den Studiengang entscheidet, hat sich meist vorher schon in anderer Weise mit Theater beschäftigt, manche haben vorher Theaterwissenschaft studiert, es gibt aber auch viele Quereinsteiger – so wie Pauline Drünert. Nach der Schule hat sie zunächst eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolviert und angefangen, Theatertherapie zu studieren. Aber es war nicht das, was sie wirklich wollte.

Eingeflochten in ein Exoskelett werden die Darsteller selbst zu Puppen

Von Puppenspiel war sie schon als Teenager begeistert, damals hatte sie einen Puppenspieler kennengelernt und ihn bei Proben begleitet. Danach probierte sie es selbst und fing an, eigene Figuren zu bauen. Zunächst blieb dies aber ein Hobby. Erst als sie vom Studiengang Puppenspiel hörte, hat sie sich beworben und zog bald darauf aus ihrer Heimatstadt Lübeck nach Stuttgart. Und nach dem Studium dann nach Berlin, „weil die Stadt so viele Inspirationsquellen bietet und die Theaterszene so breit aufgestellt ist.“ Sie wohnt in Neukölln und hat ihr Atelier in Rüdersdorf.

Andere Studenten, die sich für das Fach Puppenspiel entscheiden, kommen vom Schauspiel. So wie Katharina Halus, die im dritten Jahr an der Schauspielschule Ernst Busch studiert. Sie hat für die Lange Nacht in der Schaubude zusammen mit zwei Kommilitonen und einer Choreografie-Studentin ein Stück entwickelt, in dem sie sich in ein Exoskelett hineinflechten und das Leben eines alten Ehepaares darstellen. „Einschränkung“ heißt die Vorstellung, in dem die Darsteller selbst zur einer Art Puppe werden und zugleich Schauspieler sind.

Junge Regisseure wollen ihr Repertoire erweitern

Katharina Halus ist für den Studiengang nach Berlin gezogen, vorher hat die 30-jährige Österreicherin eine Ausbildung zur Schauspielerin absolviert. „Eine Leidenschaft fürs Theater war bei mir schon immer da“, sagt sie, mit dem Puppenspiel-Studium will sie sich nun breiter aufstellen: „Es gibt noch so viel mehr Möglichkeiten, abgesehen davon, dass ich mein eigenes Material bin“.

Nach dem Studium will sie vor allem eigene Projekte entwickeln,. Sie hofft aber auch auf Engagements an Schauspielhäusern. Zunehmend würden hier auch Puppenspieler engagiert. Ein Trend, den Markus Joss seit einigen Jahren beobachtet. „Es entwickelt sich auf der Bühne die Lust am Crossover, die Lust vor allem junger Regisseure, ihr Vokabular zu erweitern.“ Dabei können Puppen ein wichtiges Ausdrucksmittel sein. Zum Beispiel werden die Thronfolger in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Richard III. an der Schaubühne als Puppen dargestellt.

Das Figurentheater hat eine lange Tradition

Tatsächlich haben Figuren aller Art in der Theatergeschichte eine lange Tradition, heute kommen sie aber oft nur in Kinderstücken zum Einsatz. Engagements wie an der Schaubude sind noch eher die Ausnahme und nur sehr selten gehören Puppenspieler bislang zu den Ensembles großer Schauspielhäuser.

Markus Joss weiß, dass es nicht einfach ist, von der Puppenspielerei zu leben: „Es ist schon eine knallharte Sache als freischaffender Künstler zu arbeiten“, sagt Markus Joss, aber das betreffe ja Theaterleute überhaupt. Auch Pauline Drünert muss sich knapp zwei Jahre nach ihrem Abschluss noch immer durchkämpfen. Besonders in Berlin sei dieser Kampf groß, „weil es ein Überangebot an Künstlern gibt, die zum großen Teil für viel zu wenig Geld arbeiten.“ Wenn sie sich nur auf Berlin konzentrieren würde, könnte sie wohl nicht von ihrer Kunst leben, glaubt sie. Daher tritt sie im ganzen deutschsprachigen Raum und darüber hinaus auf. Gerade ist sie von einer Tournee durch die Schweiz und Frankreich zurückgekommen.

Die Hochschule Ernst Busch kooperiert mit Theatern und Festivals

Damit es den Studenten nach dem Abschluss gelingt, sich in der Theaterszene zu etablieren, können sie schon während des Studiums in Berlin auftreten und eigene Projekte entwickeln. Die Hochschule Ernst Busch kooperiert auch mit Theatern und Festivals. Kooperationspartner sind zum Beispiel das Theater in Augsburg, das Mozarteum in Salzburg oder die Ars Electronica.

Auch Pauline Drünert hat seit Ende ihres Studiums vor knapp zwei Jahren inzwischen viele Kontakte geknüpft und kann zumindest von ihrer Kunst (über-)leben. Und sie freut sich, dass sie demnächst auch in Berlin wieder bei einer Produktion dabei ist: Sie wurde als Figurenspielerin für die Kinderoper „Odysseus“ engagiert, einer Produktion der Taschenoper Lübeck und des Radialsystems, die Anfang November in Berlin Premiere feiert.

17 Inszenierungen auf fünf Bühnen

Programm Insgesamt 17 Inszenierungen auf fünf Bühnen werden bei der zwölfstündigen langen Nacht des Puppenspiels gezeigt. Bedingung für die Mitwirkenden war: Kein Stück darf länger als 45 Minuten dauern. Das ganze Programm gibt es unter schaubude-berlin.de. Fußballfans können zwischen den Vorstellungen ab 21 Uhr im Foyer-Café das Viertelfinale verfolgen.

Karten Der Eintritt für eine Vorstellung kostet fünf Euro, für die ganze Veranstaltung 20 Euro. Karten: ticket@schaubude.de, telefonisch: 423 43 14. Die Kasse ist ab 12 Uhr geöffnet: Greifswalder Straße 81, Ecke Storkower Straße.