Wassersport

Oldtimer unter Segeln

Die „Havel Klassik“ ist ein Treffen historischer Boote. Die Segler verbindet die Hingabe zur maritimen Geschichte.

Die „Havel-Klassik“ findet in diesem Jahr bereits zum 20. Mal statt

Die „Havel-Klassik“ findet in diesem Jahr bereits zum 20. Mal statt

Foto: Oliver Klempert / BM

Still ruht der See. Es weht kaum ein Lüftchen über die Scharfe Lanke in Spandau. Langsam kreuzen die Boote umeinander. Doch das macht nichts – denn die Schiffe, die hier gleich auf große Fahrt Richtung Potsdam gehen wollen, sind schon älteren Semesters. Es sind waschechte Oldtimer. Hier gilt: Sehen und gesehen werden.

Das ist kein Wunder – nirgendwo sonst wie in diesen Augenblicken kurz vor dem Start zur diesjährigen „Havel Klassik“ findet man schließlich so viele Schönheiten in Mahagoni und Teak, die so elegant durchs Wasser gleiten. Mal voll besetzt und mal nur mit einem Skipper am Steuer ist es ein wenig wie auf einem Volksfest, wo jeder jeden trifft.

Bei schönstem Wetter haben sich rund 100 Schiffe zur 20. „Havel Klassik Berlin-Brandenburg“, der größten Klassiker-Regatta auf europäischen Binnengewässern, eingefunden. Der Blick über die Scharfe Lanke zeigt einen Querschnitt durch die Regattahistorie: Segelyachten der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert sind ebenso vertreten wie Schärenkreuzer, Folkeboote, Jollenkreuzer, Rennjollen sowie Einzelbauten.

Von Spandau nach Potsdam

Plötzlich knallt es laut. Es sind die Startschüsse für verschiedene Klassen. Hektisch wird es nun auf vielen Schiffen, Segler klettern über ihre Holzschönheiten, Spinnaker werden hochgezogen – und dann, als habe es der Wettergott gehört – kommt tatsächlich ein wenig Wind auf. Die nun folgende Route der „Havel Klassik“ soll über die untere Havelwasserstraße von Spandau bis nach Potsdam führen. Bald schon zieht sich das Feld ein wenig auseinander. Es wird Stunden dauern, bis die Segler zurückkehren.

Ein Abend zuvor. Auf dem Gelände des Akademischen Segler-Vereins, der jährlich die „Havel Klassik“ ausrichtet, haben es sich manche Segler gemütlich gemacht. Aus allen Himmelsrichtungen hat es die Teilnehmer zur Klassiker-Regatta gezogen. Auf den Booten wird aber teilweise auch noch gearbeitet.

Und so unterschiedlich wie die Schiffe sind, sind auch die Motivationen der Eigner, warum sie statt eines modernen, pflegeleichten Kunststoffbootes lieber mit alten Klassikern segeln, die viel Liebe und Hingabe brauchen, in die man Zeit, Geld und Arbeit investieren muss.

Fünf Schwesterschiffe wieder in einem Klub vereint

Da ist zum Beispiel Peer Müller vom Segel-Club Frithjof-Haveleck, einem Klub, der im Tegeler See auf der Insel Valentinswerder liegt. „Freia“ heißt sein Segelboot, ein 20er Jollenkreuzer aus den 50er-Jahren, dessen Rumpf allerdings aus Stahl gefertigt ist. „Nur das Deck und die Aufbauten sind aus Holz“, sagt Müller, der das Boot seit 14 Jahren besitzt und zum dritten Mal bei der Havel Klassik dabei ist. „Das Schiff ist durchaus ein reinrassiger Klassiker, aber eben kein reinrassiges Holzschiff“, sagt er. Für ihn bedeutet das, zweigleisig zu denken: „Beim Rumpf muss ich regelmäßig Rost klopfen, einmal im Jahr aber auch das Deck neu lackieren.“

Für den Verein ist das Boot nicht das Einzige seiner Art: Es gibt noch vier Schwesterschiffe, die sich alle ähneln und die einst alle vom gleichen Bootsbauer für den Verein gebaut wurden. „Über die Jahrzehnte war ein Schiff in einem anderen Klub, mittlerweile ist es uns aber gelungen, alle Schiffe wieder bei uns zu vereinen. Das war wie eine Familienzusammenführung“, sagt Müller.

Zwei der fünf Boote sind in diesem Jahr bei der „Havel Klassik“ mit dabei. Große Chancen rechnet sich Müller jedoch nicht aus – weil sein Schiff wegen seines Stahlrumpfes gut 1,5 Tonnen wiegt und daher schwerer ist als ein reines Holzboot vergleichbarer Größe. „Dennoch ist die ,Havel Klassik’ Pflichtprogramm für uns“, so Müller.

Ein Segler der ganz klassischen Art ist auch die „Pinguin“, ein 60er Nationaler Kreuzer, der von der Zentraleinrichtung Hochschulsport der Technischen Universität betrieben wird. Gebaut im Jahr 1925, wird das Boot heute von 14 Berliner Seglern genutzt.

Regelmäßig Planken auswechseln

Martin Pichura ist 1981 zum ersten Mal mit ihm gesegelt. Der Industriedesigner kümmert sich intensiv um das Boot. „Bei Klassiker-Regatten gehört das Schiff einfach mit dazu“, sagt er. Um es fit zu halten, wechselt Pichura gemeinsam mit seinen Mitseglern regelmäßig Planken aus. „Auch Beschläge habe ich schon selber gemacht“, sagt er. Über die Sommermonate sei das Boot oft im Einsatz, wird zum Beispiel verchartert. „Entsprechend hoch ist bei uns der Arbeitseinsatz.“

Nicht zuletzt: Artur und Ernst Vlasaty – zwei Segler, die extra zur „Havel Klassik“ aus Österreich angereist sind. Im Gepäck haben sie eine 15er Rennjolle aus dem Jahr 1934. „Wildfang 3“ heißt das Schiff, kein Wunder: Die beiden Brüder haben ihr Boot in einer Scheune in Österreich gefunden. Dort hatte es 20 Jahre lang gelegen. „Wir mussten sogar Bäume fällen, um es herausholen zu können“, sagt Artur Vlasaty.

Die beiden Segler vom Yachtclub Mondsee in Oberösterreich restaurierten das Schiff komplett. Es war eine Mammutaufgabe. „Die Grundsubstanz war in Ordnung, deshalb hatten wir uns überhaupt dafür entschieden“, ergänzt Bruder Ernst. Es war eine lohnende Aufgabe: „Rund 850 Exemplare dieser 15er Rennjollen wurden einst gebaut, nur 15 Stück gibt es noch heute“, sagt Artur Vlasaty.

Ein Stück Bootshistorie vor dem Vergessen bewahrt

Mit der Restauration haben sie ein Stück Bootshistorie vor dem Vergessen bewahrt. Dass das Schiff einst von dem bekannten Berliner Konstrukteur Carl Martens gezeichnet wurde, verknüpft das Boot sowohl mit der Hauptstadt als auch mit einer großen Kon­strukteurszeit.

Auch für Artur und Ernst Vlasaty ist die „Havel Klassik“ daher ein Pflichttermin im Regattakalender. „Für uns ist das auch ein Zusammentreffen mit Gleichgesinnten. Man lernt hier an zwei Tagen mehr als in Monaten auf anderen Wegen“, sagt Artur Vlasaty.

Nicht zuletzt für die Rennjollen, von denen es mehrere Typen gab, habe die OldtimerRegatta auch eine geschichtliche Bedeutung. „So ist die 20er Rennjolle seit jeher die Rennjolle mit dem höchsten Geschwindigkeitspotenzial gewesen“, so Artur Vlasaty. Aus dem Jahr 1937 sei etwa eine Hochgeschwindigkeitsfahrt datiert, bei der der Berliner Reinhard Drewitz mit unglaublichen 27 Knoten über den Müggelsee raste.

Gemütlich vorbei an Buchten und Inseln

Von solch einem Tempo sind die Segler in diesem Jahr weit entfernt. Stattdessen geht es am nächsten Tag eher gemütlich vorbei an Buchten und Inseln im Süden Berlins, gesäumt vom Grunewaldturm, von Villengrundstücken oder historischen Bauten. Auf dem Sightseeing-Programm der Segler stehen auch die Pfaueninsel oder Klein Glienicke. Das heißt, normalerweise – denn wegen wenig Wind, wird in diesem Jahr die Regattastrecke verkürzt. So segeln die Klassiker im Jubiläumsjahr nur bis Kälberwerder und zurück.

Den „Havel Klassik“-Pokal – einen Wanderpreis für das schnellste Schiff aller Klassen nach berechneter Zeit – gewinnt am Ende die „noname“, ein 20er Jollenkreuzer von Jens Spinnrock. Und auch Artur Vlasaty wird mit seinem Schiff ausgezeichnet – mit dem Preis für die Yacht mit dem entferntesten Heimathafen. Sein Fazit: „Es war schön wie immer. Nächstes Jahr sind wir wieder mit dabei. Berlin ist immer einen Segelausflug wert.“ Alle weiteren Ergebnisse sind unter www.asv-berlin.de zu finden.