Urlaub für Tiere

Fünf-Sterne-Hotel für Katzen mit Niveau

Wenn die Ferienzeit kommt, ist Martina Tragerts Tierunterkunft so gefragt wie nie. Doch der Job hat sie verändert

 Hausherrin in der Tierpension: Schlimm wird es für Martina Tragert, wenn die Katzen nicht fressen wollen

Hausherrin in der Tierpension: Schlimm wird es für Martina Tragert, wenn die Katzen nicht fressen wollen

Foto: Krauthoefer

Manchmal braucht man das: Abspannen, Rückzug von den Menschen, alle Viere von sich strecken, gesund essen und einfach mal verwöhnen lassen. In Rudow, dessen Reize als Urlaubsparadies unter Zweibeinern wenig bekannt sind, können Katzen Wellnessurlaub machen. Martina Tragert nimmt sie bei sich auf, wenn ihre Besitzer verreisen oder krank werden. Einigen Tieren geht es am Ende der Ferien wie den Menschen: Sie möchten nie wieder nach Hause.

Denn für sie ist es eine Auszeit von der Großstadt. Im Viertel riecht man den benachbarten Bauernhof, aus allen Richtungen ist Vogelgezwitscher zu hören und abends sitzen die Leute aus dem Kiez auf Gartenstühlen „Bei Ina & Helmuth“, einem Bungalow mit Ausschank und Imbiss. „Katzen, die öfter bei uns waren, werden im Auto schon ganz aufgeregt, wenn sie merken, dass sie näher kommen“, sagt Martina Tragert. Die 54-Jährige, ihr Mann und die drei Kinder im Alter zwischen 14 und 23 Jahren teilen sich ein Zuhause mit pelzigen Pensionsgästen. 120 Quadratmeter für die Menschen. 140 Quadratmeter für die Tiere.

Schnell verstecken, wenn es an der Tür klingelt

Der Keller etwa gehört den Katzen. Auf steiler Treppe geht es hinab. Der Boden ist gefliest, die Decke niedrig. Höhlengefühl. In unübersichtlich vielen Räumen, Nischen und Kammern sind die Wände auf Kopfhöhe von gepolsterten Planken und Brettern gesäumt. Wer unachtsam ist, hat schnell eine herabhängende Pfote im Haar. Oft erst beim zweiten Hinschauen erkennt man dort ruhende Katzen, die die Menschen lautlos aber wachsam beobachten. Sie liegen dahingegossen wie die Panther und Löwen im Zoo. Katzen sind Tiere mit Stolz und Persönlichkeit. Auch wenn sie gerade mal groß genug sind, um höchstens einer Maus etwas zuleide zu tun.

Es gibt Kurzhaarkatzen, Siamkatzen, eine dreifarbige Glückskatze und Nepomuk, die Waldkatze mit breiten Tatzen und braun-schwarzem Fell. Bei Bubi indes sollte der Besucher besser still halten, wenn der Kater dessen Kopf schnuppert, „Er kann einem schnell mal eine wischen“, sagt Martina Tragert, die auf Absatzschuhen, in sommerlichem Top und hoch gekrempelten Jeans durch das Katzenreich führt wie durch ein Elite-Internat.

Gewöhnen an Gepflogenheiten und Gerüche

Sie hält große Stücke auf ihre Gäste, darauf, dass sie konfliktfrei beisammen wohnen und den Lebensraum des anderen respektieren. Dabei gibt es auch Sonderfälle. „Die Besitzer erzählen mir im Vorgespräch von den Eigenheiten ihres Tiers“, sagt Martina Tragert. „Zum Beispiel, dass es sich versteckt, wenn jemand an der Tür klingelt.“ Bei unsicheren Tieren muss Tragert behutsam vorgehen. Manches wird anfangs vom Rest getrennt. In einem mit Gitter abgegrenzten Raum kann es sich akklimatisieren und Gepflogenheiten und Gerüche kennen lernen. „Sonst besteht die Gefahr, dass es nicht frisst. Dann habe ich ein Problem“, sagt Tragert.

Sorgen ums Geschäft muss sie sich nicht machen. Sie hat Stammkunden und kann auf Werbung verzichten. Denn die Tiere kämen gern. „Ein großer Auslauf mit frischer Luft, Licht und Bewegungsfreiheit: Das ist artgerechte Haltung“, lautet ihre Erklärung. Manche Besitzer weinen, wenn sie ihre Katze verabschieden. Holen sie sie nach mehreren Wochen ab, kann es zudem vorkommen, dass sie erstmal fortläuft. „Da ist die Enttäuschung groß“, so Tragert.

Die Gründe, warum Katzen bei ihr abgegeben werden, sind vielfältig. Beispielsweise spendieren ihnen Besitzer für zehn Euro pro Tag den all-inclusive Urlaub am Stadtrand, damit sie sich zum Jahresende im Zentrum nicht vor Silvesterböllern fürchten müssen. Eine andere Katze ist derzeit zu Gast, weil ihr Artgenosse und Spielkamerad aus dem Fenster gefallen war und nun zur Erholung die Wohnung für sich allein braucht.

Ein Beruf, in dem man auch Schicksalsmomente erlebt

Seitdem Tragert das Haus 2003 samt Pension übernahm, gab es auch Schicksalsmomente. „Eine Frau mit Allergie gab ihre Katze ab, stellte fest, dass ihr Leiden am Tier gelegen hatte und wollte es nun nicht mehr zurücknehmen.“ Ein Fall für den Anwalt? „Nein, ich habe die Katze behalten. Einer Frau, die so mit ihrem Tier umgeht, würde ich es niemals überlassen.“

In einem anderen Fall bat ein Kunde, dass seine Katze zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeliefert wird. „Als mein Mann eintraf, machte niemand auf.“ Die Polizei öffnete die Tür und entdeckte den Besitzer. Er hatte sich erschossen. „Ich glaube, der Mann traf die Verabredung mit uns, damit er gefunden wird“, sagt Tragert. Emotionale Katastrophen sind ihr nicht fremd: In den 90er-Jahren führte sie eine Detektei. Das ging ihr bald ans Herz. „Wenn wieder eine Frau kam, die ihren untreuen Mann überwachen lassen wollte, sagte ich irgendwann: Kaufen Sie sich von dem vielen Geld lieber ein Kleid. Wenn der Mann nicht gut zu Ihnen ist, trennen Sie sich eben.“

Der Alltag in der Tierpension hat Martina Tragerts Blick auf die Menschen geschärft. „Jede Katze ist anders. Wie wir Menschen. Sie sind aber dankbar, treu und fordern nichts für ihre Liebe.“ Wie man ihr Vertrauen gewinnt? „Man muss ihnen mit Respekt begegnen, Raum lassen, sich einfach mal hinstellen und ein wenig mit ihnen plaudern“, sagt Martina Tragert. Sie meint vermutlich die Katzen. Aber, wer weiß?