KulturMacher

Oldies unter freiem Himmel

Seit 15 Jahren organisiert Rainer Knörr Ausstellungen, Autorenlesungen und jede Menge Konzerte in der Alten Dorfschule Rudow

Seit 15 Jahren organisieren die Rudower ihr Kulturprogramm im Berliner Süden selbst. Rainer Knörr ist der erste Vorsitzende des Vereins Alte Dorfschule Rudow

Seit 15 Jahren organisieren die Rudower ihr Kulturprogramm im Berliner Süden selbst. Rainer Knörr ist der erste Vorsitzende des Vereins Alte Dorfschule Rudow

Foto: Massimo Rodari

Viele Berliner kennen Rudow nur als Endhaltestelle vom U-Bahn-Plan. Dabei hat der südlichste Ortsteil des Bezirks Neukölln weitaus mehr zu bieten, verbindet er doch urbane Nähe zur Großstadt mit der Beschaulichkeit einer Kleinstadt. Und seit 15 Jahren organisieren die Rudower ihr Kulturprogramm in der Alten Dorfschule Rudow selbst.

„Das Gebäude war für den Schulbetrieb nicht mehr zeitgemäß. Deshalb hat das Bezirksamt den Standort im Jahr 2001 aufgegeben“, sagt Rainer Knörr, der erste Vorsitzende des Vereins Alte Dorfschule Rudow. „Natürlich fingen damit sofort die Begehrlichkeiten innerhalb des Bezirks an. Es wurde überlegt, hier ein Bürgeramt zu installieren.“

Doch die Rudower waren parteiübergreifend dagegen. Sie wollten lieber Kultur in ihren Ortsteil holen – und haben sich durchgesetzt. Heute ist das Gebäude nicht nur Sitz der Volkshochschule und des Heimatmuseums, sondern auch des Vereins Alte Dorfschule Rudow. „Ziel ist es, den Leuten hier Kultur ganz nah in hoher Qualität zu bieten“, so Knörr.

Im Verein kann jeder seine Fähigkeiten einbringen

Im 2001 gegründeten Verein kann sich jeder als ehrenamtlich Kulturschaffender mit seinen Fähigkeiten einbringen. „Manche sind selbst Künstler, andere kümmern sich um die Ausstellungen und die Galerie. Manche bauen Bühnen oder kümmern sich um die Stromversorgung bei den Open-Air-Veranstaltungen“, erklärt Knörr.

Die mehr als 200 Vereinsmitglieder engagieren sich noch bei vielen weiteren Aufgaben. Einige schauen sich Gruppen oder Sänger an, die in der Alten Dorfschule auftreten könnten. Wieder andere helfen an der Kasse oder in der Cafeteria. Es gibt sogar Verwaltungsexperten, die Verhandlungen mit dem Bezirksamt Neukölln und dem Kulturnetzwerk Neukölln führen oder Anträge und Verträge schreiben.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit im Internet ist gesorgt. Vereinskreative produzieren eigene Flyer und Plakate. Professionelle Kultureinrichtungen können angesichts dieser immensen Umtriebigkeit eigentlich nur vor Neid erblassen.

Geschlossene Kaffeekränzchen sind hier fehl am Platz

Die Kulturarbeit der Alten Dorfschule beruht auf zwei Säulen: Zum einen werden Räumlichkeiten für ständige Gruppen sowie Kinderferienkurse zur Verfügung gestellt. Zum anderen finden Kulturveranstaltungen statt. „Für den Verein ist das ein großer Vorteil. Alle, die sich regelmäßig in der Alten Dorfschule treffen, haben einen Bezug zum Haus und bringen sich bei anderen Aktivitäten ein. Etwa beim Organisieren des Kreativmarkts oder beim Verkauf von Selbstgebackenem“, sagt Knörr.

Egal, ob Ateliergemeinschaft, Mal- oder Literaturgruppen: Wer in der Alten Dorfschule mit von der Partie sein und einen Raum haben möchte, muss etwas mit Kunst und Kultur zu tun haben. „Uns ist es auch wichtig, dass die Gruppen offen sind für neue Mitglieder. Fehl am Platz sind geschlossene Kaffeekränzchen, die sich selbst genug sind“, sagt Knörr.

Er selbst ist seit der Gründung des Vereins dabei. Ehrenamtlich aktiv im Süden Neuköllns ist Knörr allerdings schon seit mehr als 30 Jahren. „Vermutlich bin ich aufgrund dieser Erfahrungen vor fünf Jahren gefragt worden, ob ich den Vereinsvorsitz übernehme“, sagt er. Geboren 1968 in Neukölln, lebt er auch heute noch im Bezirk.

Knörr leitet das Büro des Bezirksbürgermeisters von Treptow-Köpenick

Nach dem Abitur startete er ein duales Studium: Am Bezirksamt Tempelhof wurde er zum Verwaltungsbeamten ausgebildet, während er zeitgleich an der Fachhochschule die Theorie erlernte zu typisch verwaltungswissenschaftlichen, also rechtlichen, organisatorischen und soziologischen Themen.

Mittlerweile leitet Knörr das Büro des Bezirksbürgermeisters von Treptow-Köpenick. Seinen zehn Kilometer langen Arbeitsweg zum Rathaus Köpenick legt er dabei vorzugsweise auf dem Fahrrad zurück. „So halte ich mich fit und bekomme den Kopf frei“, verrät er. Nicht nur sein beruflicher Background, auch seine persönlichen Neigungen machen ihn zum perfekten Vorsitzenden für den Verein. Schließlich hat sich Knörr bereits von Kindesbeinen an für Literatur und Musik interessiert. In der Jugend ging nichts mehr ohne gute Mucke aus dem Radio.

Zweimal im Jahr finden auch Open-Air-Konzerte statt

Musik spielt auch bei den Veranstaltungen in der Alten Dorfschule eine große Rolle. Denn neben einigen Lesungen sind es vor allem Konzerte unterschiedlichster Stilrichtungen, die den Saal dort bestens füllen. So erfreut sich der klavierspielende Pathologe Dr. med. Claas T. Buschmann alias „Dr. Boogie“ immer wieder ebenso großer Beliebtheit wie die nostalgische Hommage „Es geht doch nischt über Berlin“ an die Komponisten Walter und Willi Kollo. Richtig krachen lassen es die Rudower bei den zwei Mal jährlich stattfindenden Open-Air-Konzerten.

Bei Kaffee und Kuchen, Bratwurst, Bier und Schmalzstullen steht dann vorzugsweise klassischer Rock für alle Generationen auf dem Programm. Gastmusiker bei dem Feelgood-Event waren bereits unter anderem Ulli und die Grauen Zellen sowie der Berlin Beat Club. Am 26. August allerdings gibt es unter freiem Himmel ausnahmsweise ein wenig andere Töne auf die Ohren: Die Oldie-Band Velvet Cats spielen dann Hits aus sechs Jahrzehnten im musikalischen Gewand der Fifties. Der Ansturm dürfte gewohnt groß sein.

An Bewerbungen von Bands und Musikern mangelt es nicht

Besucher kommen aus der ganzen Stadt und aus dem Umland. Immerhin muss sich Rainer Knörr keine Sorgen darum machen, dass das Konzert draußen aus allen Nähten platzt. Im Saal sieht das schon ganz anders aus. „Bei 60 Zuschauern sind wir voll, bei 80 knüppelvoll“, seufzt er. Er hofft auf Abhilfe durch die neue Seniorenfreizeitstätte, die 2017 gebaut wird: „Wir hoffen, dass wir dann im großen Saal auch veranstalten können.“ Und das bei gewohnt niedrigem Eintritt zwischen vier und sechs Euro.

Logisch, dass bei diesen Ticketpreisen auch die Gagen nicht wirklich hoch sind. Dennoch mangelt es der Alten Dorfschule nicht an Bewerbungen von Bands und Musikern. „Wir bleiben bei unseren Gagen aber fair, auch, wenn wir weniger zahlen als anderswo. Die Künstler akzeptieren das“, sagt Knörr. Er kennt auch den Grund dafür: „Den Künstlern gefällt die intime, gemütliche Stimmung hier und natürlich das für alles Neue aufgeschlossenen Rudow.“

Alte Dorfschule Rudow e.V. Alt-Rudow 60, Tel. 66 06 83 10, Infos im Internet unter www.dorfschule-rudow.de