Berlin

Kein Flüchtling gefressen

Schauspieler sagen ihre spektakuläre Aktion vor dem Maxim-Gorki-Theater ab

Die Kunstaktion des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) endete wie sie begann: Mit dem Klagelied der syrischen Schauspielerin May Skaf. Wie vor einer Woche trat sie vor ihr Publikum. Dieses mal nicht auf der Bühne, sondern am Eingang zum Maxim-Gorki-Theater. Wieder zittert ihre Stimme. „Es gibt nichts Schlimmeres für eine Schauspielerin, als die Erwartungen des Publikums zu entäuschen.“ Sie holt tief Luft: „Ich befinde mich in dieser Situation, ich werde sie entäuschen. Doch was wäre mein Schrei gegen die ungehörten Hilferufe nachts auf dem Meer?“, fragt sie die Zuschauer.

Hunderte Menschen versammelten sich am Dienstagabend vor dem Tigergehege am Gorki-Theater. Mit Spannung erwarteten sie das groß angekündigte Finale der Aktion „Flüchtlinge fressen“. Um 18:45 Uhr wollte sich Skaf den Tigern zum Fraß vorwerfen lassen. Sie tat es nicht. Aber eins muss man dem Künstlerkollektiv ZPS lassen: Mit ihrer bisher größten Inszenierung haben die Organisatoren es geschafft, die Aufmerksamkeit auf sich und auf das Sterben der Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa zu ziehen.

Am Dienstag sollte die gecharterte Sondermaschine „Joachim 1“ aus dem türkischen Izmir in Tegel landen. An Bord, so der Plan der Aktivisten, 115 syrische Kriegsflüchtlinge ohne Visa, die von ihren Familien bereits erwartet wurden. Dafür habe man über eine Crowdfunding-Internetseite mehr als 78.000 Euro gesammelt. Am Montagabend, einen Tag vor der geplanten Aktion, dann die Nachricht: Der Sonderflug fällt aus. Die Fluggesellschaft Air Berlin habe den Vertrag zur Beförderung der Flüchtlinge aus „außerordentlich wichtigem Grund“ gekündigt, heißt es in der ZPS-Mail.

Fluggesellschaft beklagt Täuschung durch den Verein

Air Berlin begründete die Kündigung des Flugs aus der Türkei damit, dass erst nach Vertragsabschluss mit dem Verein „Kunstwerk Menschheit“ wesentliche Aspekte der Beförderung bekannt geworden seien. Für einen großen Teil der Passagiere liege keine Einreiseberechtigung vor. Darüber habe der Verein die Airline im Unklaren gelassen. „Damit ist das Vertrauensverhältnis zum Vertragspartner nachhaltig erschüttert“, erklärte das Unternehmen. Auch das Innenministerium bezog Stellung. Ein Sprecher erklärte bei der Bundespressekonferenz, die Bundespolizei habe Air Berlin auf die rechtlichen Einreisevoraussetzungen hingewiesen und erklärt, dass die Aktion diese nicht außer Kraft setzen werde.

Die Aktion „Flüchtlinge fressen“, dramaturgisch der Höhepunkt der Inszenierung, sollte zeitgleich mit der Ankunft der Flüchtlinge im Stadtzentrum stattfinden. Seit Mitte Juni steht vor dem Gorki-Theater das schwarze Gehege mit „vier libyschen Tigern“ – laut Künstlergruppe ein Geschenk des „großmütigen türkischen Sultans, Erdogan“. Zwölf Flüchtlinge hatten sich nach Angaben des Kollektivs gemeldet, um sich von den Tigern „zerfleischen zu lassen“, sollte das Flugzeug nicht wie geplant in Tegel landen.

Mit der umstrittenen Aktion wollte die Künstlergruppe eine Änderung des Aufenthaltsgesetzes erreichen, das die Beförderung von Ausländern ohne Papiere verbietet. Konkret geht es den Künstlern um die Abschaffung des Paragrafen 63 des Aufenthaltsgesetzes. Dieser besagt, dass Beförderungsgesellschaften mit hohen Geldstrafen belegt werden, wenn sie Menschen ohne Einreiseerlaubnis mitfliegen oder -fahren lassen, so dass Geflüchteten oft nur der lebensgefährliche Weg über das Meer bleibt. Der Bundestag aber hat vergangenen Freitag für die EU-Richtlinie und somit für das Beförderungsverbot gestimmt. Damit hat das Künstlerkollektiv sein Ziel nicht erreicht.

Dass es nicht zum Flüchtlinge Fressen kommen würde, war eigentlich vorher klar: „Jeder weiß, dass niemand gefressen wird“, sagte der Journalist Jakob Augstein am Dienstag gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). „Aber jeder weiß auch, dass andauernd Menschen sterben. Wir könnten es verhindern und tun es nicht“, so Augstein. Als Vorstand der Rudolf-Augstein-Stiftung gehört er zu den wichtigsten Fördermitgliedern des Zentrums für politische Schönheit.

Aktionen dieser Art stoßen immer auch auf Kritik. Auch Tierschützer meldeten sich. Auf den Tierschutz werde geachtet, widersprachen die Aktivisten. Die Tiger kämen aus privatem Besitz und hätten im Gehege mehr Platz als die Flüchtlinge, die im Tempelhofer Flughafen untergebracht seien, so das ZPS. „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“, entgegnete der Präsident des Tierschutzvereins für Berlin, Wolfgang Apel. „Wieder einmal werden freiheitsliebende Wildtiere in Gehege gesperrt, vorgeführt und für ihrer Natur widersprechende Zwecke missbraucht.“

Kritik kam auch vom Bundesinnenministerium. Dort hieß es, die Aktion sei „zynisch“. Ein Sprecher sagte: „Es handelt sich um eine geschmacklose Inszenierung, die auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen werden soll.“ Die Künstler vom ZPS wollen auf jeden Fall weitermachen. „Wir nutzen das durch Spenden gesammelte Geld, um eine Klage gegen die Bundesregierung einzureichen“, kündigte Philipp Ruch an. So wollen die Organisatoren doch noch eine Einreiseerlaubnis für die 115 Geflüchteten aus Izmir nach Deutschland erwirken. „Wenn es sein muss, dann ziehen wir mit den Angehörigen der Geflüchteten bis vor das Bundesverfassungsgericht“, betonte Ruch.

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