Leserforum

Solidarität mit Flüchtlingen in Berlin ungebrochen

Spannende Debatten beim Leserforum der Morgenpost: Experten berichteten, wie Flüchtlingen geholfen wird, um sich zu integrieren.

Experten auf dem Podium in der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof im Gespräch über Flüchtlinge

Experten auf dem Podium in der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof im Gespräch über Flüchtlinge

Foto: Krauthoefer

Fußball oder Flüchtlinge? Nicht alle saßen am Montagabend vor dem Fernseher. Die Europameisterschaft, bei der an diesem Abend der Viertelfinalgegner Deutschlands ermittelt wurde, konnte viele Berliner nicht davon abhalten, beim Leserforum der Berliner Morgenpost mitzudiskutieren. Knapp 100 Leser waren in den Gemeindesaal der Kirchengemeinde Alt-Tempelhof an der Kaiserin-Augusta-Straße gekommen. Sie wollten über die Situation der Flüchtlinge in Berlin mehr erfahren und wie deren Integration gelingen kann. Und sie brachten Anregungen mit, was sich noch verbessern muss. Es war eine spannende Debatte.

„Man hat wirklich viel Neues erfahren“, freute sich beispielsweise Beatrix Watzl, selbstständige Physiotherapeutin, die auf der Stelle acht Arbeitsplätze mit Flüchtlingen besetzen könnte, aber ratlos ist, wie sie die Hürden dabei nehmen kann. „Wer zahlt beispielsweise die Ausbildungskosten in Höhe von 20.000 Euro? Gibt es Möglichkeiten, dass der Syrer Hassan Alawwad, 28 Jahre alt und ausgebildeter Sportlehrer, der in meiner Praxis ein Praktikum macht, den Beruf erlernt und ich ihn dann einstelle?“, wollte sie wissen. Für diese Fragen habe die Arbeitsagentur einen Arbeitgeberservice zentral für Berlin eingerichtet, an den sie sich wenden könnte, wurde ihr empfohlen. Arbeitsagentur oder Jobcenter würden auch weiterhelfen.

„Die Bereitschaft, Spenden zu bringen, ist ungebrochen“

Als erstes wollte Moderator Hajo Schumacher von den Experten auf dem Podium wissen, wie sich die sehr angespannte Lage mit den Flüchtlingen in Berlin heute darstellt, nach der Schließung der Balkanroute, nach dem heiklen Abkommen mit der Türkei und dem Ausstieg der Briten aus der EU.

„Es kommen nicht mehr so viele, und das Chaos hat sich etwas gelichtet“, bilanzierte Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin. Aber was sich erfreulicherweise nicht verändert habe, sei die Solidarität. „Das ist wirklich klasse. Von der Muslima angefangen über die Katholikin bis hin zu denen, die an nichts glauben. Wir haben die unterschiedlichsten Menschen, die sich nach wie vor für das Thema engagieren“, sagte sie.

Die Bereitschaft, Spenden zu bringen, sei ungebrochen, bestätigte Richard Lemmer. Der Diplom-Ingenieur hatte sich ein halbes Jahr von seiner Arbeit bei VW beurlauben lassen und sich vier Monate davon der Flüchtlingshilfe gewidmet. Als Vorsitzender des Vereins „THF welcome“ hilft er auch heute noch in Berlins größter Flüchtlingsunterkunft auf dem früheren Flughafenareal. Die Bereitschaft jedoch, auch Zeit zu spenden, habe stark nachgelassen, weiß er aus seiner Arbeit dort: „Wir kämpfen jeden Tag darum, die Kleiderkammer öffnen zu können.“ Dabei seien in den Hangars noch immer 1300 Flüchtlinge untergebracht.

Das Lageso bearbeitet zurzeit mehr als 1000 Fälle täglich

Es kommen inzwischen zwar weniger Flüchtlinge, aber die Zahl der Fälle, um die sich das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) kümmert, ist nicht gesunken. Im Gegenteil. Mehr als 1000 Fälle statt wie noch Anfang dieses Jahres einige Hundert werden inzwischen dort jeden Tag nach Auskunft von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) bearbeitet, inzwischen mit fünfmal so viel Mitarbeitern wie im Winter des vergangenen Jahres. Um so viel Personal zu rekrutieren, habe man auch auf Pensionäre und Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma zurückgegriffen, berichtete Czaja.

Zu verbesserten Abläufen am Lageso habe auch die elektronische Gesundheitskarte beigetragen. „Dadurch muss nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit vorgesprochen werden“, so Czaja weiter. Dennoch laufe noch nicht alles rund, gab er zu. Der Kritik einer Teilnehmerin, Flüchtlinge würden im Lageso schlecht behandelt, hielt Czaja aber entgegen, dass der überwiegende Teil der Mitarbeiter sehr engagiert arbeite, um bei der großen Aufgabe zu helfen. Die Flüchtlingshelferin hatte von einer Familie berichtet, die zwölf Stunden lang mit sechs Kindern auf die Auszahlung des Geldes gewartet habe. Czaja gab den Rat, dass nicht die ganze Familie am Lageso erscheinen müsse. Es reiche, wenn der Haushaltsvorstand erscheine. Praktisch sei auch, sich das Geld überweisen zu lassen. Die Sparkasse eröffne etwa 1000 Konten pro Monat für Flüchtlinge, es gebe über 8000 insgesamt.

In diesem Jahr sind bislang 12.000 Flüchtlinge gekommen

Caritas-Chefin Kostka sieht die Flüchtlingsarbeit der Ämter jedoch noch längst nicht so, wie sie sein sollte: „Es bereitet uns nach wie vor große Sorgen, dass die Stabilität im System fehlt. Es sind Fortschritte im Lageso erreicht worden, aber es ist noch längst nicht aus der Krise entlassen“, warnte sie. Sorgen machten ihr auch die Turnhallen, sagte sie: „Ein Bett ist keine Wohnung.“

47 der 57 von Flüchtlingen genutzten Turnhallen sollen bis September aufgegeben und Wohnungen für Flüchtlinge gefunden werden. Aber Auszüge aus den Hallen seien oft nicht einfach, wenn beispielsweise die Kinder wegen der Schule in der Gegend bleiben sollen. Berlin müsse beim Kampf gegen die Wohnungslosigkeit stärker werden, sagte Czaja. Mehr als 40.000 offene Asylverfahren seien beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anhängig. Im vergangenen Jahr habe Berlin 55.000 Flüchtlinge aufgenommen, so Czaja weiter. Dieses Jahr seien bislang 12.000 Flüchtlinge gekommen.

Sofortige Vermittlung in einen Job, das sind Einzelfälle

Die Befürchtungen, wie viele Menschen noch kämen, hätten sich gelegt, sagte Morgenpost-Redakteur Andreas Abel. Auch die Arbeit am Lageso habe sich verbessert. Für Shirin Yasmin Khabiri-Bohr, Geschäftsführerin bei der Bundesagentur für Arbeit, hat es auch Verbesserungen gegeben, weil sich Gesetze und Reglungen verändert haben, wie sie berichtete. Das führe dazu, dass Fälle schneller bearbeitet werden könnten. Konkret bedeute das, dass Menschen nun schneller Beratungs- und Vermittlungsleistungen erhalten, die im Asylverfahren sind. „Menschen, die gut qualifiziert sind, können wir direkt in Arbeit vermitteln“, sagte sie. Auch Menschen, die in der Warteschleife sind, sollen arbeiten dürfen. Diese Veränderung werde durch eine Gesetzesänderung ab dem 1. August erwartet. „Wir haben auch einen Ingenieur sofort vermittelt, aber das sind Einzelfälle“, bilanzierte die Expertin. Bei denen, die keine Grundbildung hätten, dauere es länger.

Aber der Arbeitsagentur fehlten Erfahrungswerte mit diesen Menschen. Etwa zehn Prozent der Flüchtlinge seien Akademiker, weitere zehn Prozent hätten überhaupt keine Grundbildung, also keine Schule absolviert. Der größte Teil der Flüchtlinge habe aber im Herkunftsland gearbeitet. Mehr als 4000 Flüchtlinge seien in Berlin in gemeinnütziger Arbeit tätig, sie würden Essen ausgeben oder die Kinder betreuen. „Es gibt einen kleineren Teil, der rumsitzt und sich langweilt, aber der größere Teil hat den Tag über etwas zu tun“, so Czaja.

„Die meisten Flüchtlinge wollen arbeiten“

Nach Einschätzung des Senators „will der übergroße Teil der Flüchtlinge lieber heute als morgen arbeiten“. Und die meisten würden auch keine Volkswirtschaft kennen, die Menschen dauerhaft alimentiert. Caritas-Chefin Ulrike Kostka kritisiert umso mehr, dass Prozesse wie die Patenvermittlung für unbegleitete junge Flüchtlinge immer noch zu lange dauerten. Toll sei aber der Wissensdurst der Helfer. Und auch die jungen Flüchtlinge seien oft so ehrgeizig, dass sie sich ein Projekt wünscht, bei dem Berliner Jugendliche, die für sich keine Chancen sehen, und Flüchtlinge gemeinsam lernen sollen. „Sie ziehen sich gegenseitig hoch“, so Kostka. Sie plädiert dafür, dass auch Menschen, die keine Bleibeperspektive in Berlin haben, ihren Tag sinnvoll gestalten können sollten: „Sie sollten weiterqualifiziert werden, das hilft ihnen auch in den Heimatländern.“

Bärbel Drechsler, die ehrenamtlich Deutschkurse für Afghanen in der Flüchtlingsunterkunft an der Rusche­straße in Lichtenberg veranstaltet – dort leben 1200 Flüchtlinge – kritisierte, dass Afghanen schlecht behandelt würden. „Warum dürften sie nicht an den Integrationskursen teilnehmen“, wollte sie wissen. Für Flüchtlinge mit geringer Bleibeperspektive gebe es diese Kurse nicht. Das sei eine politische Entscheidung im Bund gewesen, um die Anreize nicht zu verstärken, sagte Czaja. Jeder zweite Afghane werde abgewiesen. Der Sozialsenator und auch Ulrike Kostka würden diesen Menschen wenigstens durch eine Qualifizierung in der Zeit, in der sie hier in Berlin sind, helfen wollen.