Fall Silvio S.

Mohameds Mutter: „Er soll lebenslang ins Gefängnis“

Die Familie des getöteten Flüchtlingsjungen fordert vor Gericht ein Schmerzensgeld für die Leiden des Vierjährigen.

Der angeklagte Silvio S. verdeckt sein Gesicht mit einer Akte im Potsdamer Landgericht

Der angeklagte Silvio S. verdeckt sein Gesicht mit einer Akte im Potsdamer Landgericht

Aldiana J. hat sich gut auf diesen Auftritt vorbereitet. Die 29-Jährige wirkt gefasst, als sie den Schwurgerichtssaal im Potsdamer Landgericht betritt. Und die kleine, hagere, früh gealterte Frau bleibt auch ruhig und konzentriert, als sie sich auf den Zeugenstuhl setzen muss – höchstens drei Meter entfernt von dem Mann, der ihren Sohn Mohamed Anfang Oktober 2015 entführt, sexuell missbraucht und getötet haben soll.

Aldiana J. berichtet, wie sie Anfang 2014 mit ihren zwei Kindern Medina und Mohamed nach Berlin kam, als Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina. Sie sagt es auf Bosnisch, ein Dolmetscher übersetzt. In Berlin lernte sie einen Rumänen kennen. Die beiden haben inzwischen ein gemeinsames Kind: Kevin. Am 1. Oktober war sie mit den drei Kindern schon gegen 3.30 Uhr aufgestanden. Sie wollten sich die Sozialhilfe an der Ausgabestelle des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) an der Moabiter Turmstraße abholen. Aldiana J. wusste, was sie erwartet: „Da waren immer Unmengen von Menschen. Es war ein riesiges Gedränge.“ Man habe früh da sein müssen, um noch dranzukommen.

Augenklappe und ein Kinderfernglas dabei

Der vierjährige Mohamed hatte zum Spielen eine Augenklappe dabei und ein Kinderfernglas, das ihm Aldiana kurz zuvor in einem Discounter gekauft hatte. Die damals achtjährige Medina kümmerte sich um den kleinen Kevin, der noch im Wagen lag. Mohamed spielte mit einem Gleichaltrigen, war kurz weg und dann wieder da. „Das hat er immer so gemacht“, sagte Aldiana J. Zwischendurch war er nörgelig, hatte nach einem Zwist mit der Schwester geweint. Dass er fehlt, war der Mutter erst aufgefallen, als sie das Bürogebäude betrat.

Sie war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht in Sorge, ging davon aus, dass Mohamed wieder mal auf dem Gelände unterwegs war, vermutlich im Flüchtlingskindergarten. Tochter Medina wurde angewiesen, nach dem jüngeren Bruder zu suchen. Sie fand ihn nicht. Auch ein Zimmernachbar aus dem Flüchtlingsheim, der sich mit seiner Frau ebenfalls am Lageso befand, durchkämmte das Gelände nach Mohamed. Ohne Erfolg. Aldiana J. wurde zunehmend unruhiger. „Ich habe ja nicht ahnen können, das jemand auf die Idee kommt, ein Kind einfach zu entführen“, sagt sie in einer Melange aus Deutsch und Bosnisch. Und dann, nun wieder vom Dolmetscher übersetzt und direkt an den Angeklagten Silvio S. gewandt: „Ich wünsche mir, dass er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen muss. Oder er soll sich selber das Leben nehmen. Mehr Wünsche habe ich nicht mehr!“ Silvio S. tupft seine Augen mit einem Taschentuch ab und schüttelt den Kopf. Er wirkte schon zu Beginn dieses vierten Prozesstages, als habe er sich vor der Konfrontation mit Mohameds Mutter gefürchtet.

„Das ist doch nicht sein Kind“

Um 16.30 Uhr an diesem 1. Oktober meldete Aldiana J. das Verschwinden des Sohnes bei der Polizei. Da war, wie sich später herausstellte, Mohamed schon an der Hand eines Mannes gesehen worden. Der 33-jährige Mahmut D. beobachtete damals das ungleiche Paar, wie es in der Turmstraße an dem Schnellrestaurant seines Bruders vorbeilief. „Ich habe zu meinem Bruder gesagt: Guck mal, die passen doch gar nicht zusammen“, sagt Mahmut D. vor Gericht. „Das ist doch nicht sein Kind.“ Wenn S. den Jungen losgelassen hätte, wäre der sofort weggelaufen, sagt er weiter. Später, als das Foto von Silvio S. und Mohamed veröffentlicht wurde, sei ihm klar geworden, wen er da vermutlich gesehen hatte.

Aldiana J. hatte auch in den Tagen nach der Entführung noch „gehofft, dass Mohamed gefunden und lebendig zurückgebracht wird“. Aber als am 30. Oktober Polizisten mit ihr reden wollten, einen Monat nach Mohameds Verschwinden, habe sie „gewusst, was passiert war: Ich habe zu ihnen gesagt, ich weiß, warum ihr zu mir kommt. Mein Kind ist tot.“ Sie hat das nicht verwunden, hatte zwei Fehlgeburten, leidet unter Schlaflosigkeit.

Die Schwester denkt oft an den kleinen Bruder

Die zweite Zeugin, die am Montag vernommen wird, ist erst neun Jahre alt: Mohameds Schwester Medina – ein zierliches Mädchen mit einem schmalen, freundlichen Gesicht. Wie die Mutter wirkt auch sie bei ihrer Aussage sehr gefasst. Medina besucht eine Schule, könnte auf Deutsch antworten, möchte aber lieber den Dolmetscher neben sich haben. Richter Theodor Horstkötter stellt sehr einfühlsam seine Fragen. Aber es ist dann doch sehr beklemmend, als sie leise sagt, dass sie den kleinen Bruder vermisse, oft an ihn denken müsse und Angst habe, auch entführt werden.

Eine Familienbetreuerin erzählt, dass Medina seit dem Tod des Bruders nicht mehr allein schläft, sondern nur noch bei der Mutter. Und dass sie das Gefühl habe, das Mädchen habe den Verlust noch gar nicht richtig realisiert. Ob die Familie in Deutschland bleiben kann, ist noch nicht sicher. „Frau J. hat jetzt auf jeden Fall erst einmal einen Aufenthaltstitel“, sagt Nebenklagevertreter Andreas Schulz. Das sei schnell entschieden worden. „Die Mutter soll die Möglichkeit haben, am Grab ihres Kindes zu trauern.“