Bahnverkehr

Ab September rollen Güterzüge über den Südring

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Thomas Fülling

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Die Bahn reaktiviert den seit 2001 brachliegenden Schienenweg zwischen Halensee und Tempelhof. Die Anwohner müssen sich auf mehr Lärm einstellen.

Der Bundesplatz ist schon heute nicht unbedingt eine Oase der Ruhe in der Stadt. Lastwagen und Reisebusse brausen mehrspurig über Stadtautobahn und Bundesallee, parallel zur Autobahn fahren im Minutenabstand die Züge der Berliner S-Bahn. Nun kommt in Kürze ein weiterer Lärmverursacher hinzu. Die Deutsche Bahn hat ihre Arbeiten zur Reaktivierung des sogenannten südlichen Innenrings abgeschlossen. „Vorzeitig“, wie ein Bahn-Vertreter betonte. Bereits ab September und nicht, wie zuletzt berichtet, erst zum Jahresende können die ersten Güterzüge über den rund acht Kilometer Schienenweg zwischen Halensee und Tempelhof rollen. Auch in der Nacht.

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Die Anwohner sind über diese Aussicht alles andere als begeistert. „Der Bundesplatz ist schon heute über Gebühr mit Feinstaub und Lärm belastet“, sagt Wolfgang Severin von der Bürgerinitiative Bundesplatz. Nun werde auch noch der Güterverkehr der Bahn dazu kommen. „Da sind Güterwaggons dabei, die fahren nicht auf Rädern, sondern auf Oktogons. Entsprechend laut sind die dann“, fürchtet Severin. Doch alle Forderungen der BI nach mehr Lärmschutz seien von der Bahn ignoriert worden.

Hintergrund des Einwandes des BI-Vertreters ist, dass der Güteverkehr in Deutschland inzwischen zu großen Teilen nicht mehr von der Deutschen Bahn, sondern von ausländischen und privaten Eisenbahnen gefahren wird. Die wiederum setzen aus Kostengründen nicht selten veraltetes oder schlecht gewartetes Wagenmaterial ein. Laufen jedoch die Räder nicht rund, sind die Waggons während der Fahrt besonders laut.

Anfangs fünf bis sechs Züge pro Tag

Wie viele Züge es auf dem südlichen Innenring sein werden, ist noch unklar. Derzeit würde bei der DB Netz AG noch keine Bestellung für die Trasse vorliegen, sagte ein Bahnsprecher auf Nachfrage. Wegen der fehlenden Elektrifizierung würden auch nur geringe Nutzerzahlen erwartet, heißt es weiter. Doch fünf bis sechs Züge am Tag könnten es schon werden, schätzt der Bahn-Bevollmächtigte für Berlin, Alexander Kaczmarek. Ihm ist jedoch wichtig, dass die Gleisverbindung endlich wieder zur Verfügung steht. Vor allem bei Störungen im Netz gebe es damit eine weitere Ausweichroute.

Rund 13 Millionen Euro hat die Bahn nach eigenen Angaben in die Reaktivierung der seit 1878 existierenden, seit 2001 aber brachliegenden Fernbahnstrecke investiert. In den vergangenen Monaten wurde nicht nur der Gleisoberbau, sondern auch die Brücke über die Gotenstraße erneuert. An der Eisenbahnüberführung über der Wilmersdorfer Blissestraße wurden Ende des vergangenen Jahres zudem zwei Hilfsbrücken eingehoben. Mit einer Länge von 32 Metern gelten die je 100 Tonnen schweren Konstruktionen als größte ihrer Art in Deutschland. Konkrete Baumaßnahmen für mehr Lärmschutz der Anwohner gab es dagegen nicht.

Klare Rechtslage

Rechtlich ist die Sachlage klar. Die Bahn hat eine bestehende Bahntrasse wiederbelebt. In diesem Fall gilt der sogenannte Bestandsschutz. Es ist kein Schallschutz erforderlich, der über das bestehende Niveau hinausgehen. An der Infrastruktur auf dem Innenring sind derzeit keine Maßnahmen zur Lärmpegelminderung geplant, hieß es daher bereits im Februar in einer Stellungnahme der Deutschen Bahn auf eine parlamentarische Anfrage der Berliner Grünen.

Kritik auch von den Grünen

Die Partei begrüßt zwar grundsätzlich die Verlagerung von Gütertransporten von der Straße auf die Schiene. „Doch wenn die Bahn und der Senat Akzeptanz für Güterzüge mitten durch die Stadt haben wollen, müssen sie mehr für den Lärmschutz der Anwohner tun“, forderte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Stefan Gelbhaar. Sowohl an den Schienen, als auch an den Gleisen könnte etwas getan werden, um den Schienenlärm zu verringern. „Wenn so ein Zug mit leeren Kesselwagen nachts durch die Stadt rollt, das ist schon ein Hammer“, sagte Gelbhaar.

Die Bahn verweist ihrerseits darauf, dass jeder Güterzug das Straßennetz in Berlin und Brandenburg um rund 100 Lkw entlastet. „Insofern ist die Inbetriebnahme nach baubedingter Unterbrechung eine gute Nachricht für Anwohner, Umwelt und Stadt.“ Wegen der anfangs nur geringen Nutzerzahlen und angesichts der parallel führenden Stadtautobahn würden die Züge lärmtechnisch kaum ins Gewicht fallen, heißt es.

Bürgerinitiative enttäuscht von Stadtentwicklungsverwaltung

Wolfgang Severin von der BI Bundesplatz ist kein prinzipieller Gegner des Güterverkehrs auf der Schiene. Doch eine Trasse mitten durch die Stadt hält er stadtentwicklungspolitisch für „absurd“. „Wenn man sieht, was andere Städte alles dafür tun, um den Güterverkehr aus der Innenstadt rauszuholen, muss man sich über Berlin schon sehr wundern.“ Allein im Umfeld des Bundesplatzes würde es nach seiner Schätzung rund 10.000 Anwohner geben, die vom Lärm direkt oder indirekt betroffen sein. Gerade angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums in Berlin sei es doch wichtig, die Stadträumer lebenswerter zu machen. Dazu gehöre auch der Schutz vor Verkehrslärm. Doch speziell die Senatsverkehrsverwaltung habe nichts für mehr Lärmschutz unternommen. „Darüber sind wir schon sehr enttäuscht“, sagte Severin.

Senat fordert besseren Lärmschutz

Für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist die Wiederinbetriebnahme des Südrings eine „klassische Sowohl-als-auch-Situation“. „Wir begrüßen es sehr, dass in Berlin Güterverkehr ermöglicht wird. Gleichzeitig setzen wir uns für die Interessen der Anwohner ein“, sagte deren Sprecher Martin Pallgen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt habe sich bereits Ende 2012 dafür stark gemacht, damit parallel zur Wiederinbetriebnahme des südlichen Innenringes Lärmschutzmaßnahmen realisiert werden. Da es sich aber rechtlich gesehen um die Wiederinbetriebnahme eines bestehenden Verkehrsweges handelt, besteht hierauf kein Rechtsanspruch. „Wir werden weiter, im Kontakt mit der Deutschen Bahn, Lösungen für einen sachgerechten Lärmschutz entwickeln“, so Pallgen.

Strecke wird ab 2018 elektrifiziert

Besserung für die Anwohner aus Wilmersdorf oder Friedenau ist frühestens 2018 in Sicht. Dann will die Bahn damit beginnen, den acht Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Halensee und Tempelhof zu elektrifizieren. Das gilt als „maßgeblicher Eingriff“, in diesem Fall ist zumindest in Teilen eine Lärmvorsorge im Rahmen der heute geltenden gesetzlichen Anforderungen zu treffen. Welche Maßnahmen zur Lärmverminderung ergriffen werden, ist indes noch unklar.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Stettiner Bahn. Nach wiederholten Protesten der Anwohner ist der Streckenabschnitt Pankow – Blankenburg in das Freiwillige Lärmschutzprogramm des Bundes aufgenommen. Lärmschutzmaßnahmen werden in einem solchen Fall auch an einer Bestandsstrecke finanziert. Die Ausführung kündigt die Bahn für 2017 an. Technische Möglichkeiten zur Lärmreduzierung gibt es einige: Dazu gehören etwa Schmiereinrichtungen für die Schienen, ein lärmmindernder Gleis-Oberbau oder die bekannten Lärmschutzwände. Solche Maßnahmen sind auch für den Abschnitt Karow bis zur Landesgrenze zu Brandenburg vorgesehen. Weil sie im Lärmsanierungsprogramm des Bundes nur mit niedriger Priorität eingeordnet sind, sei mit einer Realisierung der Maßnahmen erst ab 2024 zu rechnen, so Verkehrsstaatssekretär Christian.