Nomos

Zwei Welten in einer Uhr

Die Zeitmesser von Nomos werden in der sächsischen Kleinstadt Glashütte produziert, das Design kommt aber aus einem Kreuzberger Loft.

Judith Borowski ist Design-Chefin bei Berliner Blau, der Kreativschmiede des Uhrenherstellers Nomos in Glashütte

Judith Borowski ist Design-Chefin bei Berliner Blau, der Kreativschmiede des Uhrenherstellers Nomos in Glashütte

Foto: Massimo Rodari

Berlin sollte auf jeden Fall im Namen sein. Blau steht für Hoffnung, für Harmonie, „für ein gutes Lebensgefühl“,,sagt Judith Borowski, als sie erklärt, wieso ihre Agentur Berlinerblau heißt. Sie sitzt in einem Loft im ersten Hinterhof am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer. Auf fast 600 Quadratmeter arbeiten hier fast 40 junge Designer vor großen Bildschirmen und noch viel größeren Glasfronten.

Das Loft ist hell, es gibt kaum abgeschlossene Räume, dafür kleine gepolsterte Nischen für Besprechnungen. Die offene Küche mit großem Tisch davor verströmt WG-Atmosphäre. Genauso wie dieses bewusst Unfertige, das sich schon in den freischwebenden Glühbirnen manifestiert. Berlinerblau ist eine dieser jungen kreativen Agenturen, wie es so viele in Berlin gibt. Und doch ist manches anders hier.

Vielleicht liegt das daran, dass Berlinerblau immerhin schon 15 Jahre alt ist und sich nach der Jahrtausendwende in Kreuzberg gründete, als alle nach Mitte und Prenzlauer Berg wollten und im einstigen Szenebezirk wenig los war. Vor allem aber liegt das wohl an der Materie, mit der sich die Designer hier den ganzen Tag befassen. Berlinerblau ist eine hundertprozentige Tochter von Nomos, der Uhrenmanufaktur aus dem sächsischen Glashütte, die gleich nach der Wende von Roland Schwertner, einem EDV-Experten und Fotografen aus Düsseldorf gegründet wurde. Nomos sieht sich in der Bauhaus-Tradition, hier entstehen moderne Uhren, die aber nicht modisch sein wollen – oder höchstens ein bisschen. Es gibt auch mal einen Hauch Neon-Orange auf dem sonst schlichten Ziffernblatt.

Schlichtes Produktdesign als Kontrapunkt zum Chichi

Nomos ist Mitglied des Deutschen Werkbundes. Die Vereinigung steht für schlichtes Produktdesign als Kontrapunkt zu Chichi und allem Überflüssigen. Berlinerblau ist für das Design der Uhren und für die Marke verantwortlich. Die Uhren aber werden von den 230 Mitarbeitern in Glashütte gefertigt. Und diese Zusammenarbeit ist der dritte Grund, wieso sich Berlinerblau von anderen Agenturen unterscheidet.

Berlin und Glashütte, das sind zwei Welten. 228 Kilometer, mit dem Auto zwei Stunden und zehn Minuten trennen die Kreuzberger Kreativschmiede von dem 6800-Einwohner-Städtchen fast an der tschechischen Grenze. Sächsisch Sibirien wird die Gegend schon mal genannt. In Glashütte dreht sich alles um die Uhr. Zahlreiche nationale und internationale Unternehmen sitzen hier, dazu noch einige Zuliefererbetriebe. „Viele Uhrmacher sind es schon in der fünften, sechsten Generation“, weiß Judith Borowski, „das scheint dort genetisch zu sein.“

Die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Glashütte ist eine Herausforderung

Mit dem Uhrmacher-Gen ist offenbar auch eine eigene Mentalität verknüpft: Der Glashütter Uhrmacher sei eher ein introvertierter Mensch, erklärt Borowski. Vielleicht liegt es daran, dass er die Welt vor allem durch das Mikroskop betrachtet, da stört eben jede Ablenkung. Aber die gibt es in Glashütte ja auch nicht. Kaum ein Lokal hat am Abend geöffnet. Und ein Ausflug zum Striezelmarkt im 30 Kilometer entfernten Dresden sei schon eine Reise. Man könnte meinen, hier spricht die Arroganz des Großstädters, aber nein, so will Judith Borowski es nicht verstanden wissen. Denn sie weiß: Ohne die hohe Konzentration und Präzision der Uhrmacher, die sich wohl besonders gut in einem Umfeld wie Glashütte entfalten kann, hätte Berlinerblau nichts von all seinen schönen Entwürfen.

Anfangs war die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Glashütte eine Herausforderung. „Manchmal halten die uns noch heute für bekloppt“, sagt Borowski mit einem Augenzwinkern. Schon allein wegen der Arbeitszeiten. Die beginnt in Glashütte um 6.30 Uhr, in Berlin meist nicht vor 9.30 Uhr. Und die Frühaufsteher aus Sachsen schütteln auch mal den Kopf über die Ideen aus Berlin. „Die finden, dass wir ziemlich lange brauchen, bis wir uns für eine Farbe oder einen Zeiger entschieden haben“, erzählt Borowski. Aber der Erfolg hat längst für gegenseitige Akzeptanz gesorgt: 130 Preise hat Nomos schon bekommen. Weitere Zahlen gibt das Unternehmen nicht heraus. Nicht zu den verkauften Uhren und auch nicht zum Umsatz: „Das ist in der Branche nicht üblich“, sagt Borowski.

Die Kollektion umfasst heute zwölf Modellfamilien mit rund 80 Versionen. Zugrunde liegen vor allem die Modelle der ersten Generation, die meist nur leicht verändert wurden. Dabei gibt es nur wenige Ausreißer wie die Tetra-Uhren Berliner Mischung mit farbigen Ziffernblättern und Namen wie „Goldelse“, „Clärchen“ oder „Kleene“. Die meisten Uhren kosten zwischen 1000 und 4000 Euro. Zunächst gab es nur mechanische Uhren mit Handaufzug, erstmals hat Nomos jetzt auch ein eigens Automatikwerk entwickelt.

Die Nomos-Klassiker werden immer noch im Manufactum-Katalog angeboten, diesem bedruckten Sehnsuchtsort für ein gutes Leben. Auch Judith Borowski hat darin geblättert und sich Mitte der 90er-Jahre in die Tetra verliebt, das eckige Nomos-Modell. „Die Seite aus dem Katalog habe ich mir rausgerissen und unter die Folie meiner Schreibtischauflage geschoben, von meinem ersten Redakteursgehalt wollte ich sie mir kaufen,“ erinnert sie sich, damals war sie noch Volontärin. Dabei hat sie bis dahin Uhren gar nicht viel abgewinnen können. Ihre erste Uhr hat ihr der Großvater zur Kommunion geschenkt. „Ehrlich gesagt, die war ganz schön spießig“, gibt sie heute zu.

Mit dem ersten Redakteursgehalt zur Wunschuhr

Als dann das erste Redakteursgehalt auf dem Konto war, reichte es aber nicht ganz für die Tetra. Judith Borowski griff zum Telefon, „ich weiß gar nicht, woher ich damals den Mut nahm“, ließ sich bis zum Chef Roland Schwertner durchstellen und fragte ihn nach einem Rabatt. Ein ungewöhnliches Ansinnen. So ungewöhnlich, dass er sich schließlich darauf einließ – unter der Bedingung, dass sie sich treffen sollten, falls sie mal in Dresden sei. Erst zwei Jahre später kam es dazu und fortan schrieb Borowski, die inzwischen bei ARD aktuell arbeitete, Pressemitteilungen für Nomos. Viel waren es anfangs nicht, denn viel passierte auch noch nicht bei Nomos.

Dann zog Judith Borowski von Hamburg nach Berlin. „Ich wollte einen Neuanfang, eine eigene Agentur gründen.“ Sie landete in Kreuzberg, weil die Mieten so günstig waren – und bald endgültig bei Nomos. Das Angebot war einfach zu verlockend: „Ich wurde für vier Tage bezahlt und durfte machen, was ich wollte, Hauptsache es hat mit Glashütte und Nomos zu tun.“ Also entwickelte sie ein eigenes Magazin: „Orte, an die niemand reisen mag“. In der ersten – und einzigen – Ausgabe stand Glashütte im Fokus. 30 Schriftsteller, Journalisten, Maler und Fotografen schickte sie ins Erzgebirge mit dem Auftrag, ein eigenes Bild des Ortes mitzubringen. Ein 150-Seiten-Magazin entstand daraus. „Am Kiosk hat es sich natürlich nicht verkauft“, gibt sie heute zu, aber das machte nichts, denn Nomos nahm dann ohnehin alle Exemplare ab. Heute sind alle längst vergriffen.

Ein schwer verkäufliches Magazin öffnete ihr die Tür ins Unternehmen

Das ungewöhnliche Magazin öffnete Borowski die Tür zu Nomos: Sie wurde 2003 Mitgesellschafterin des Unternehmens und steuert seitdem von Berlin aus die Marke. Ein Leben in Glashütte könnte sich die 47-Jährige auch nicht vorstellen. Und das Prinzip scheint ja auch aufzugehen. Nomos wächst. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen eine Filiale in New York eröffnet, nach Deutschland sind die USA der größte Absatzmarkt. Die Kunden von Nomos sind – wie überhaupt in der Uhrenbranche – überwiegend männlich. Uhrensammler begeistern sich eben auch für Technik und Tüftelei.

Oft fängt das Sammeln mit einer Nomos an. „Sie ist demokratischer Luxus“, sagt Judith Borowski, ein teures Stück, das sich viele Menschen aber doch leisten können. So eine Nomos trage man ja auch nicht nur eine Saison, sondern im besten Fall sei sie ein Begleiter fürs Leben. Judith Borowski hat mehrere solcher Begleiter. Sie trägt heute auch schon mal Metro statt Tetra.

Uhren in Deutschland

Branche Die meisten Uhrenhersteller in Deutschland sind kleine und mittelständische Unternehmen. Mehr als 80 Betriebe gibt es in Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben sie 2014 einen Umatz von 281 Millionen Euro erwirtschaftet, 112 Millionen Euro machte davon das Inlandsgeschäft aus.

Glashütte Die kleine Stadt im Erzgebirge gilt als Uhrenmekka. Den Grundstein zur Uhrenproduktion legte 1845 Ferdinand Adolf Lange. Wer heute Glashütte im Namen tragen will, muss mindestens 50 Prozent des Uhrenwerks vor Ort herstellen. Bei Nomos sind es sogar je nach Uhr 75 bis 95 Prozent. Einen Überblick über alle Uhrenhersteller in Glashütte unter glashuette.sachs.com unter dem Stichwort Wirtschaft.

Berlin Die älteste Uhrenmanufaktur in Berlin ist Askania, 1871 wurde das Unternehmen gegründet, das noch heute Uhren entwirft und fertigt. Die unterschiedlichen Modelle, überwiegend benannt nach Berliner Orten kosten zwischen 595 und 12.500 Euro. In jüngster Zeit haben sich aber noch weitere Marken in Berlin entwickelt. Hannes Bonhoff hat mit der Bonhoff IP3.0 ein innovatives Modell ohne Ziffernblatt und ohne Zeiger entwickelt (4300 Euro). Die Marken Vertigo und Lilienthal wollen vor allem das neue Berlingefühl am Handgelenk transportieren (jeweils etwa 200 Euro). Die Marke Defakto sitzt seit 2013 in Berlin, die Gehäuse werden allerdings in Pforzheim gefertigt (Modelle zwischen 285 und 685 Euro). Gerald Schröder hat mit der Mola 923 M eine hochwertige Uhr entworfen, die bis zu 923 Meter Tiefe wasserdicht ist (1964 Euro), gebaut wird sie in Glashütte bei der Sächsischen Uhrentechnologie GmbH.