Europa

Was der Brexit für Berlin und seine Bürger bedeutet

Nach dem Ausstiegs-Votum: Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen für die Region und die hier lebenden Briten.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Großbritannien war stets ein wichtiger Wirtschaftspartner für Deutschland, Berlin für Briten ein beliebter Wohn- und Urlaubsort. Nun soll alles anders werden in Europa. Die Berliner Morgenpost gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.


Dürfen hier lebende Briten bleiben und weiterhin in der Stadt arbeiten?

Ladenbesitzerin Dale Carr („Broken English“) hat in den vergangenen Monaten festgestellt, dass keiner ihrer britischen Kunden für den Brexit war. Solange der EU-Austritt noch nicht vollzogen ist, ändert sich für die rund 10.000 Briten, die dauerhaft in Berlin leben, nichts. Sie befürchten aber, dass Arbeits- und Lebensmöglichkeiten in Berlin zukünftig eingeschränkt werden.


Wie reagieren sie?

Viele erwägen, einen deutschen Pass oder eine doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen. Mark Reeder, Musiker, Impresario und Berlinbiograf („B-Movie“) sagt: „Ich lebe seit 38 Jahren in Berlin, länger als in England. Berlin ist mein Zuhause, ich fühle mich als Europäer. Was jetzt aus uns wird, weiß ich nicht.“ Er erwäge, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, so Reeder.

Das sagen die Berliner zum Brexit
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Leidet jetzt der Tourismus?

Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft „Visit Berlin“ sagt: „Alles kommt auf die Folgen für das britische Pfund an. Im vergangenen Jahr gab es 560.000 Briten in Berlin, die insgesamt 1,6 Millionen Übernachtungen buchten. Damit ist Großbritannien nach den USA und Spanien der größte Markt. Wenn das Pfund, wie manche fürchten, 20 bis 30 Prozent an Wert verliert, wird ein Besuch in Berlin erheblich teurer. Das schlüge auch auf den Kongressmarkt durch. „Die neue Situation macht uns große Sorgen.“


Was erwartet Berliner, die nach Großbritannien reisen wollen?

Beim Wertverlust des Pfunds könnten Reisen auf die Insel preisgünstiger werden. Tourismusexperten rechnen aber mit höheren Flugkosten. Derzeit darf eine britische Airline wie Easyjet in der EU überall landen. Nach dem Brexit müssen die Konditionen neu ausgehandelt werden. Ob Berliner künftig für die Einreise ins Vereinigte Königreich oder Briten für Deutschland ein Visum benötigen, wird im Zuge der Austrittsverhandlungen geregelt.


Was bedeutet der Brexit für die Berliner Wirtschaft?

Die Berliner Exporte nach Großbritannien beliefen sich 2015 auf 550 Millionen Euro, erklärt Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Berlin. Das Land sei für die Berliner Unternehmen drittwichtigster Handelspartner in Europa und siebtwichtigster Partner weltweit. Von Januar bis März 2016 stiegen die Berliner Exporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent, Importe aus dem britischen Markt nach Berlin um 20 Prozent. Kurzfristige Reaktionen durch den Wertverlust des Pfunds könnten laut Eder Berliner Exporte beeinflussen. Aber die Berliner Wirtschaft habe im Rahmen des Austrittsverfahrens zwei Jahre Zeit, sich auf den neuen Status Großbritanniens einzustellen.

Wie steht die Berliner Start-up-Szene zum Austritt?

Christian Miele, Vorstandsmitglied des in Berlin ansässigen Bundesverbands Deutsche Start-ups e. V., sagt: „Die deutsche Start-up-Hauptstadt Berlin ist der Gewinner des Brexit, London der Verlierer. Insbesondere Fintech-Start-ups werden in Berlin nun in ihrer Wahrnehmung gegenüber den britischen Kollegen glänzen können, ist das Königreich doch bis heute Vorreiter im Finanzwesen gewesen. So deutlich wie unsere Analyse ist, sagen wir auch: Es ist ein Sieg, den wir nicht wollen und nicht feiern werden. Die deutschen Start-ups werden den erschwerten Zugang zu 64 Millionen Konsumenten im Vereinigten Königreich verkraften und an anderen Stellen deutlich profitieren.“

Ist auch der Berliner Immobilienmarkt betroffen?

Wirtschaftswissenschaftler rechnen damit, dass das Interesse an Immobilien in London nachlässt. Die Immobiliengeschäfte würden sich dann in andere europäische Länder verschieben. Auch das Interesse der Investoren an Immobilien in Berlin würde zunehmen. „Es kann passieren, dass Berlin für sicherheitsbewusste internationale Investoren noch einmal attraktiver wird“, sagt David Eberhart vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). „Wir beobachten das mit einer gewissen Sorge“, so Eberhart. Schon die Turbulenzen in Südeuropa hätten mit dazu beigetragen, dass der Grundstücks- und Wohnungsmarkt in Berlin inzwischen bereits überaus angespannt sei.


Was lernen Berliner Schüler über den Ausstieg?

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte der Berliner Morgenpost: „Die Berliner Lehrkräfte werden mit den Schülern aufarbeiten, was der Brexit für Europa bedeutet.“ An diesem Beispiel ließen sich gut wesentliche Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft und gesellschaftlicher Entwicklung darstellen, so Scheeres. Der Rahmenlehrplan gebe viele Möglichkeiten vor, wo dieses Thema diskutiert werden könnte, etwa im Geschichtsunterricht oder in Politik.

Was droht Brandenburg?

Dem Land könnten ab dem Jahr 2020 jährlich rund 450 Millionen Euro EU-Fördermittel entgehen. Denn mit den Briten würde eine führende Industrienation aus den Berechnungen herausfallen, sagte Finanzminister Christian Görke (Linke) in Potsdam. Derzeit sei Brandenburg mit 87 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens der EU als Übergangsregion eingestuft. Bei einem Austritt würde das EU-Durchschnittseinkommen sinken und das Pro-Kopf-Einkommen in Brandenburg über 90 Prozent ansteigen. Somit würde Brandenburg nach geltenden Konditionen aus der EU-Förderung ausscheiden.

Daneben gibt es natürlich noch viele andere Fragen, die die Menschen sich stellen. Hier ein paar - nicht ganz ernst gemeinte:

Spinnen sie, die Briten?

Der alte Obelix-Spruch aus dem Comic-Band «Asterix bei den Briten» war am Freitag ein Renner im Internet. In der Geschichte greift Cäsars Armee Britannien an, und auch dort leistet ein kleines Dorf Widerstand. Es geht um die typisch englischen Macken wie Pause nachmittags um fünf, für heißes Wasser mit einem Tropfen Milch.

Wird es in Mallorca jetzt leerer am Pool?

Erst mal nicht. Das britische Pfund ging nach dem Brexit-Beschluss zwar unmittelbar auf Talfahrt. Aber Malle&Co. sind für die nächsten Monate ohnehin schon ziemlich ausgebucht. Der Handtuchkrieg geht also weiter.

Wird das Glas Guinness teurer?

Nein. Guinness kommt aus Irland. Und die Iren stehen treu nicht nur zu ihrem Bier, sondern auch zur EU.

Muss ich am Flughafen in London künftig meinen Pass zeigen?

Die Briten sind heute schon kein Mitglied des Schengener Abkommens. Also gelten bei der Einreise ohnehin strengere Kontrollen. Urlauber müssen wenigstens ihren Personalausweis vorzeigen. Daran ändert sich erst mal nichts. Ob künftig der Pass erforderlich wird, muss sich noch zeigen. By the way: Der London-Aufenthalt dürfte billiger werden.

Dürfen England, Wales und Nordirland bei der EM weiterspielen?

Klar, immer schön fair bleiben. Im Achtelfinale fliegt einer der drei Briten-Verbände aber auf jeden Fall raus: Die beiden Außenseiter Wales und Nordirland spielen am Samstag gegeneinander. Auf England könnte Deutschland nach dem Spielplan allenfalls im Halbfinale treffen. Rücksicht muss jetzt niemand mehr nehmen.

Fällt die Garten-Party des Botschafters künftig aus?

Die Gartenfeste des britischen Botschafters (aktuell: Sir Sebastian Wood) gehören in Berlin zu den beliebtesten Society-Terminen. Erst vor wenigen Tagen erhoben dort mehrere hundert Gäste das Glas zum Toast auf die Queen und den Bundespräsidenten. Trotz Abschiedsstimmung: Gefeiert wird weiter, auch nächstes Jahr.

Wie sieht es mit dem Eurovision Song Contest aus?

Da dürfen sich die Briten weiter blamieren. Großbritannien zählt zu den fünf Ländern, die gleich einen gesetzten Finalplatz für sich beanspruchen können - und landete zuletzt auf Platz 24 von 26. Der Titel, gesungen vom Casting-Duo Joe and Jake: «You're Not Alone» - Du bist nicht allein.

Verlieren die Briten jetzt ihren Humor?

Damit ist nicht zu rechnen. Der Comedian Ricky Gervais twitterte: «Ich habe gerade alle Pfund zurückgekauft, die ich gestern in Dollar umgetauscht habe. Ich bin jetzt Milliardär!»