Morgenpost-Ratgeber

Erbrecht: Ist das neue Testament im Safe sicher hinterlegt?

Ein Testament kann jederzeit geändert werden. Bei Widersprüchen gilt immer die jüngste Fassung. Sie sollte allerdings auffindbar sein.

Wer sicher gehen will, dass sein Testament auch gefunden wird, sollte es bei einem Amtsgericht hinterlegen

Wer sicher gehen will, dass sein Testament auch gefunden wird, sollte es bei einem Amtsgericht hinterlegen

Foto: Christian Ohde / CHROMORANGE / picture-alliance

ERBRECHT – Eine 81 Jahre alte Witwe, die außer ihrer Nichte und ihrem Schwager keine Angehörigen mehr hat, hat vor einigen Jahren ein Testament verfasst und dieses bei einem Freund hinterlegt, der auch darin benannt wurde. Nun hat sie es sich anders überlegt und ein zweites Testament geschrieben, das in ihrem Safe zu Hause liegt. Sie macht sich Gedanken, ob das zweite Testament auch anerkannt wird. Den Rat einer Freundin, das Testament bei einem Notar zu hinterlegen, will sie nicht annehmen. In einer Vollmacht hat sie zudem ihre Nichte gebeten, nach ihrem Ableben ihren Hausstand aufzulösen und die Wohnung dann der Wohnungsgesellschaft zu übergeben. Hat sie alles richtig gemacht?

Erbrechtsexperte Max Braeuer: „Die alte Dame ist unverheiratet und hat keine Kinder. Es gibt deshalb niemanden, der über ein Pflichtteilsrecht Anspruch an ihrem Nachlass anmelden könnte. Deshalb ist sie völlig frei in der Entscheidung, wen sie als Erben benennen möchte. Das kann jemand aus ihrer Verwandtschaft sein, aber auch jemand ganz fremdes. Sie kann einen oder auch mehrere Personen zu ihren Erben bestimmen.

Änderung des Testaments jederzeit möglich

Zu dieser Freiheit gehört auch, dass sie ihre Meinung ändern und jetzt eine ganz andere Person zum Erben einsetzen kann, als sie das vor einiger Zeit beabsichtigt hatte. Sie kann den Freund, bei dem sie ihr erstes Testament hinterlegt hat, wieder enterben.

Ob das zweite Testament anerkannt werden wird, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten, solange der Wortlaut des Testamentes nicht bekannt ist. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass das zweite Testament wirksam ist. Im Zweifelsfall ist immer das zuletzt geschriebene Testament wirksam. Ältere Testamente werden durch das neuere automatisch aufgehoben. Jedenfalls soweit sich zwei vorhandene Testamente widersprechen, gilt immer das jüngere, und das ältere ist unwirksam.

Wer ganz sichergehen möchte, sollte das aber in seinem späteren Testament unmissverständlich anordnen. Das geschieht, indem alle früheren Testamente ausdrücklich widerrufen werden. Es ist aber nicht notwendig, dass sie das erste Testament von dem Freund zurückverlangt. Wo das Testament aufbewahrt wird, ist für seine Gültigkeit ohne Bedeutung. Es kann also durchaus sein, dass dieser Freund erst nach dem Tode der alten Dame erfährt, dass ganz jemand anders erbt.

Für Testamente sind ausschließlich Amtsgerichte zuständig

Die Witwe hat das zweite Testament in ihren Safe gelegt. Das ist ganz sicher keine gute Lösung. Nach ihrem Tode muss ja sichergestellt sein, dass das Testament auch gefunden wird. An den Safe kommt nach ihrem Tod im Zweifel niemand heran, und das Testament wird nicht gefunden.

Der Rat, das Testament zu hinterlegen, war deshalb ein richtiger Rat. Allerdings kann ein Testament gar nicht bei einem Notar hinterlegt werden. Dafür sind ausschließlich die Amtsgerichte zuständig. Die alte Dame kann sich zu jedem beliebigen Amtsgericht begeben und dort ihr Testament abgeben. Das Amtsgericht wird dann dafür sorgen, dass das Testament nach ihrem Tod mit Sicherheit gefunden und auch eröffnet wird. Diese Hinterlegung ist nicht teuer. Sie kostet eine einheitliche Gebühr von 75 Euro.“

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