Wassersport

Sorgenonkel und Kümmertanten unterm Wind

Jugendtrainer begleiten die Heranwachsenden durch schwierige Lebensphasen. Denn Segeln dient vor allem der Persönlichkeitsbildung.

Frank Lüneberg kümmert sich beim Klub am Rupenhorn um den Nachwuchs.

Frank Lüneberg kümmert sich beim Klub am Rupenhorn um den Nachwuchs.

Foto: Oliver Klempert / BM

Es weht kaum Wind. Frank Lüneberg schleppt mit seinem Trainerboot den kleinen Segler ein Stück weiter hinaus auf die Unterhavel – in der Hoffnung, dass dort mehr Wind weht. Seine Schützlinge Marius und Max, beide elf Jahre alt, halten sich auf ihrem Boot unterdessen gut fest. Sie waren als Letzte mit ihrem Teeny vom Vereinsgelände des Klubs am Rupenhorn gestartet, nun müssen sie die anderen Segler dieser Trainingsstunde einholen, die es schon ein wenig weiter hinaus geschafft haben.

„Da steckt man nicht drin. Aber so ist das Seglerleben. Und das müssen schon die Kleinsten lernen – auch Flaute gehört dazu“, sagt Lüneberg. Nicht nur ihm, auch den Kindern ist die Enttäuschung jedoch anzumerken, dass diese Trainingsstunde wohl eher weniger spannend wird. Trainiert wird trotzdem. „So kann man ein paar Manöver besser in Ruhe üben“, sagt Lüneberg.

„Berlin ist das reinste Wassersportparadies“

Seit über 20 Jahren ist Frank Lüneberg Jugendtrainer in seinem Verein, dem Klub am Rupenhorn. Einmal pro Woche geht er mit seiner Teeny-Trainingsgruppe hinaus aufs Wasser. Zudem bekleidet Lüneberg die Funktion des Jugendobmanns des Berliner Segler-Verbandes. Seine Aufgabe ist es, die Nachwuchsarbeit im Berliner Segelsport voranzubringen.

Ein großes Unterfangen: Gerade mal rund 2100 Kinder und Jugendliche segeln derzeit in den Berliner Segelklubs. „Das ist viel zu wenig für eine Stadt wie Berlin“, sagt Lüneberg. Mehr noch: „Geradezu ein Frevel ist es, wenn man bedenkt, dass Berlin mit seiner Seen- und Wasserlandschaft das reinste Wassersportparadies ist.“

Lüneberg sieht vor allem einen Grund, warum das so ist. In vielen Köpfen herrscht immer noch das Vorurteil, dass Segeln ein teurer Sport ist. „Für den Leistungsport kann dies auch zutreffen, für Kinder allerdings ist Segeln zunächst einmal sehr preiswert. Boote und Material werden von den Vereinen schließlich gestellt“, sagt Lüneberg.

Schon im Kindesalter alle Facetten des Segelns erleben

Gut eine halbe Stunde zuvor an Land: Zehn junge Segler bauen selbstständig ihre Boote auf, sogenannte Teenys, das sind kleine Jollen in denen jeweils zwei Kinder im Team zusammen segeln. Je nach Entwicklungsstand des Teams können die jungen Segler ihre Positionen von Steuermann und Vorschoter tauschen. Da der Teeny mit Fock, Spinnaker und Trapez alle Merkmale einer modernen Gleitjolle besitzt, ist er die ideale Ausbildungsbasis für den späteren Umstieg auf die nächsthöheren Klassen wie 420er oder 470er.

„Der Teeny ist im Jüngstenbereich eine reinrassige Regattajolle, die alle Facetten des Segelns schon im Kindesalter möglich macht. Das Boot vermittelt schon Anfängern ein hohes Maß an Sicherheit und bietet dennoch auch dem fortgeschrittenen Jugendsegler ausreichende Herausforderungen“, sagt Lüneberg.

Doch das Boot ist noch aus anderen Gründen ideal: „Da auf den Teenys im Gegensatz zum Optimisten stets zwei Kinder zusammen segeln, müssen sie sich nicht nur mit dem Boot, sondern auch miteinander auseinandersetzen. Sie lernen, mit Konflikten umzugehen und diese auszuhandeln“, sagt Lüneberg. Kompromisse zu schließen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und diese dann auch gemeinsam zu tragen – dies ist schließlich der Kern jedes gemeinschaftlichen Lebens. „Insofern trägt Segeln hier ganz klar zur Persönlichkeitsentwicklung schon im Kindesalter bei.“

Ohne die Helfer geht nichts

Es sind solche tief gehenden Gedanken, die sich die Jugendtrainer in den Vereinen vielerorts in Berlin machen. Kein Wunder: Sie opfern viel ihrer Freizeit für den Nachwuchs. Es sind ehrenamtliche oder fest angestellte Helfer in den Klubs und Vereinen, ohne die nichts geht. Sie geben ihre Wochenenden dran, leiten Regatten, organisieren Fahrten in andere Länder oder gehen zu regelmäßigen Übungsstunden mit den Kindern aufs Wasser. Sie kümmern sich in fast allen Belangen um das Seelenheil des Berliner Segler-Nachwuchses.

Wie auch Claudia Schurr, Bezirksjugendwartin Unterhavel und Jugendwartin beim ProSportBerlin24, Abteilung Segeln Stößensee. Dort ist Schurr für die Piratensegler im Bezirk Unterhavel zuständig. „Ich trainiere gerade zehn Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren, ein recht schwieriges Alter“, sagt Schurr. Schule, beruflicher Werdegang, Freundeskreis, Sexualität – eine Menge Dinge beschäftigen die Jugendlichen in diesem Alter.

Es ist zudem das Alter, in dem sie sich einerseits von daheim lösen, andererseits viel Führung suchen und auch brauchen. „In bin somit eine große Sorgentante“, sagt Schurr, ihr Rezept: die Jugendlichen mit einbinden. „Gerade habe ich drei 16-Jährige zur Assistenztrainern gemacht, sie sind nun mit zuständig für die Opti-Segler auf dem Wasser“, sagt sie. Verantwortung übertragen – das ist Schurrs Ansatz. Denn gerade auf dem Wasser könne man sich keine Nachlässigkeiten leisten: „Schnell ist ein Opti-Segler ins Wasser gefallen oder ein Kind steuert ungewollt die Fahrrinne für die großen Schiffe an.“

Zuhören bei Heimweh, Liebeskummer und Schulproblemen

Mehr Zeit als teilweise mit ihren Eltern verbringen die Jugendlichen im Potsdamer Yacht Club gemeinsam mit Thomas Läufer. Er ist dort hauptamtlicher Trainer – und zwar bereits seit 27 Jahren. „Die erste Opti-Generation vor fast 30 Jahren bringt nun ihre Kinder zu mir“, sagt er. Täglich ist Läufer in seinem Klub, um sich um die Nachwuchsarbeit zu kümmern. Optimist, 420er oder Segelbundesliga – der 52-Jährige ist auf vielfältige Weise in die Vereinsarbeit eingebunden.

„Ein Stück weit ist man immer auch Sorgenonkel“, sagt auch er. „Ob Heimweh, Liebeskummer oder Schulprobleme – es gibt viele Dinge, die einen Trainer beschäftigen, vor allem auch während vieler Trainingsreisen etwa nach Mallorca, in die Niederlande oder nach Warnemünde, fernab der Eltern. „Mir persönlich macht es viel Freude, mit den Jugendlichen zu arbeiten, auch wenn es oft bis in den Abend hineingeht“, sagt Läufer. Ein Jugendtrainer müsse ein Freund in allen Lebenslagen sein sowie Antreiber und Hafen in stürmischen Zeiten gleichermaßen.

Segelverein ist wie eine zweite Familie

Nicht zuletzt: Philipp Honnef vom Segler-Verein Stößensee. Zweimal pro Woche und bei Regatten auch am Wochenende trainiert er vornehmlich 420er-Segler. Der 30-Jährige macht dies ehrenamtlich und sagt: „Für viele Jugendliche ist der Segelverein und damit auch der Jugendtrainer wie eine zweite Familie.“ Honnef bereitet die Kinder vor allem aufs Leistungssegeln vor, eine anspruchsvolle Tätigkeit, bei der viel Disziplin und Selbstorganisation gefragt ist. „Bringt man dies den Jugendlichen bei, so bereitet sie das auch aufs Leben insgesamt vor“, sagt er.

„Wer sich um die Seglerjugend kümmern will, muss sich mit Haut und Haaren darauf einlassen. Anders geht es nicht“, fasst Frank Lüneberg zusammen. Man müsse die Jugendarbeit als Ganzes ernst nehmen und mit dem Herzen dabei sein. Wichtig dabei sei, schon früh innerhalb der Vereine Nachwuchs für die Jugendarbeit zu rekrutieren. Gerade als Jugendtrainer sei man schließlich oft weit mehr als nur Segellehrer – und eine gute Betreuung beginne deshalb nicht erst beim Slippen der Boote.

Wie zur Bestätigung kommt auf der Unterhavel noch ein wenig Wind auf. So trainiert Lüneberg mit den Kindern Gleichgewichtsübungen auf dem Wasser. Die Trainingsstunde im Teeny kommt doch noch in Fahrt.