Medizintourismus

Berlins Ärzte sind vielen eine Reise wert

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Jürgen Stüber
Immer mehr internationale Patienten reisen eigens nach Berlin, um sich dort behandeln zu lassen. Der Markt wächst seit Jahren kräftig

Immer mehr internationale Patienten reisen eigens nach Berlin, um sich dort behandeln zu lassen. Der Markt wächst seit Jahren kräftig

Foto: Michael Brunner Foto: Brunner

Viele reiche Ausländer kommen zur Behandlung in die Stadt. Der Senat will jetzt verstärkt um Medizintouristen werben.

Demnächst kommt die komplette Führungselite eines Staates am Persischen Golf zum Gesundheitscheck nach Berlin. Welcher Staat das ist, will Berlins oberster Tourismusvermarkter Burkhard Kieker nicht verraten. Denn diese Klientel liebt die Diskretion. Aber es seien ein paar hundert Menschen – Minister, Staatssekretäre, Generäle, sagt Kieker.

Öl-Staaten können so etwas bezahlen. Ob Scheichs vom Golf, Oligarchen aus Russland oder die neuen Aufsteiger der chinesischen Marktwirtschaft: Wer sich Skepsis gegenüber dem heimischen Gesundheitssystem leisten kann, sucht medizinische Hilfe in der westlichen Welt – und zunehmend auch in Berlin.

Dabei geht es nicht unbedingt um komplizierte Behandlungen. Die Reichen der Welt fliegen auch wegen einer Blinddarmentzündung, einem Zahnimplantat oder einem Bänderriss nach Berlin. Diese Zielgruppe wird immer größer und kommt oft gerne als Touristen wieder. „In China gibt es eine Mittelschicht von 280 Millionen Menschen, die sich interkontinentale Auslandsreisen leisten können“, sagt Kieker und ergänzt: „Das entspricht der Hälfte der Bevölkerung in der Europäischen Union.“ Diese Zahlen zeigen die Bedeutung dieses Marktes.

Berlin kämpft um Anteile auf dem Wachstumsmarkt Medizintourismus

Wie viele andere Reisemetropolen dieser Welt kämpft auch Berlin um Anteile auf dem Wachstumsmarkt Medizintourismus. Jetzt hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft einen Werbeetat von einer Million Euro aus der sogenannten City-Tax bewilligt, mit dem weltweit der Medizintourismus beworben werden soll. „Damit wollen wir die positive Entwicklung weiter befördern“, sagt Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Mit dem Geld sollen unter anderem „Road Shows“ genannte Präsentationen sowie ein mehrsprachiger Webauftritt finanziert werden.

Beim Medizintourismus geht es nicht in erster Linie um Schönheitschirurgie, wie man meinen könnte. „An erster Stelle rangieren diagnostische Check-ups“, sagt Christoph Tismer, Chef der Berliner Privatklinik Meoclinic. In dem Haus mit 45 Betten an der Friedrichstraße behandeln 60 Ärzte jährlich bis zu 3000 Patienten stationär und weitere 8000 ambulant. Jeder zweite Patient hat einen ausländischen Pass.

Die Meoclinic erfreut sich vor allem bei russischen Patienten zunehmender Beliebtheit. Ihr Anteil habe sich seit 2014 verdoppelt, sagt Tismer. Zwei Drittel aller ausländischen Meoclinic-Patienten sind Russen. In der Rangliste der Behandlungen folgen nach den Check-ups chirurgische Eingriffe und orthopädische Behandlungen.

In Deutschland ist München seit Jahrzehnten eine beliebte Destination

Der Markt ist umkämpft: Großstädte an der US-Ostküste sind im Geschäft des Medizintourismus aktiv. In Deutschland ist München seit Jahrzehnten eine beliebte Destination. Nun will auch Berlin auf diesem Markt wachsen. Seit 2012 ist die Zahl der internationalen Patienten, die sich in medizinischen Spitzeneinrichtungen in Berlin behandeln lassen, um 15 Prozent gestiegen. Vor allem Gäste aus dem arabischen Raum, Russland und China kommen. Hotellerie und Handel dazu gerechnet, generieren sie einen Umsatz von rund 150 Millionen Euro im Jahr, wobei 100 Millionen Euro auf die medizinischen Leistungen entfallen sowie jeweils zehn Millionen Euro auf Hotellerie und Handel. Der Rest sind sonstige Ausgaben.

Wohlhabende Medizintouristen reisen in der Regel nicht alleine, sondern oft mit Entourage. Und sie bleiben länger in der Stadt, wobei sie dann mitunter auch wochenlang gerne in Luxushotels wohnen. Michael Frenzel, General Manager des Hotel Palace Berlin, hat sich auf diese Kundschaft eingestellt. Er kann von Gästegruppen berichten, die drei Wochen blieben – bis die orthopädische Behandlung verheilt oder das Übergewicht abtrainiert war. „Diese Gäste wollen sich wie zu Hause fühlen“, sagt der Hotelier.

„Unsere Branche hat in den vergangenen Jahren gelernt ihnen zuzuhören.“ Da werden Suiten mit Gebetsmatten und Koran ausgestattet, alkoholische Getränke aus der Bar genommen, und es wird den religiös bedingten Essgewohnheiten der Kunden Rechnung getragen – den vom Arzt verordneten Diätvorschriften natürlich auch. Ein persönlicher Betreuer steht diesen Gästen rund um die Uhr zur Verfügung.

Kliniken zählten 2015 insgesamt 10.660 internationale Patienten

Wie stark das Interesse an Berlin bei Auslandspatienten gewachsen ist, beweist eine neue Studie von des Hauptstadtvermarkters „Visit Berlin“, der hierzu sieben Berliner medizinische Einrichtungen befragte. Die Kliniken zählten 2015 insgesamt 10.660 internationale Patienten, und damit rund 1400 Patienten mehr als zum Start der Erhebung 2012. Zu den Einrichtungen der Benchmark-Gruppe gehören die Berliner Charité, Helios Kliniken, Meoclinic, Schlosspark-Klinik, das Herzzentrum, die Paul Gerhardt Diakonie sowie Vivantes International Medicine.

„Der Medizintourismus ist ein Segment, in dem noch sehr viel Potenzial steckt“, sagt Tourismusmanager Kieker. Berlin sei mit seinen international renommierten Kliniken Standort der Spitzenmedizin und verfüge zugleich über eine moderne Hotellandschaft mit herausragendem Service. „Mit dem Geld zur Förderung des Medizintourismus entwickeln wir Maßnahmen, um die Stadt als erstklassigen Medizinstandort in der Welt zu positionieren.“