Fall Elias und Mohamed

Silvio S. fragt nach Fotos des toten Elias

Im Mordprozess gegen Silvio S. will der Angeklagte Fotos des toten Elias sehen. Nur dann werde er eventuell aussagen.

Der angeklagte Silvio S. verdeckt sein Gesicht

Der angeklagte Silvio S. verdeckt sein Gesicht

Es ist schade, dass der forensische Psychiater Matthias Lammel am ersten Prozesstag nicht im Saal des Potsdamer Landgerichts war, sonst hätte er den Unterschied bemerkt. Am ersten Tag gab es im Gesicht des Angeklagten Silvio S. kaum Regungen; auch nicht, als vom Staatsanwalt die Anklage verlesen und genau beschrieben wurde, wie Silvio S. am 8. Juli 2015 den sechsjährigen Elias und am 22. Oktober 2015 den vierjährigen Mohamed getötet haben soll. Am zweiten Verhandlungstag zeigt der 33-Jährige wesentlich mehr Anteilnahme. Da geht es um den Vorwurf, dass er den Rasen in seinem Schrebergarten in der Kleingartenanlage Eckbusch in Luckenwalde nicht oft genug geschnitten hat. Oder dass er als Wachschutzmann seinen Dienst manchmal nur oberflächlich verrichtete. Als Zeugen das im Schwurgerichtssaal vortragen, schüttelt Silvio S. empört den Kopf und blickt hilfesuchend zu seinen Verteidigern. Aber er hält sich an seine Ankündigung, in diesem Prozess zunächst zu schweigen.

Am Ende des ersten Verhandlungstages hatte der Schwurgerichtsvorsitzende Theodor Horstkötter an Silvio S. appelliert, dieses Schweigen zu brechen. Die Mütter von Elias und Mohamed hätten „einen Anspruch darauf zu erfahren , was passiert ist. Es gibt „nur einen, der das weiß“, hatte Horstkötter mit Blick zum Angeklagten gesagt: „Das sind Sie.“

Strafverfahren gegen Silvio S. - die Chronik
Strafverfahren gegen Silvio S. - die Chronik
Video: BM Video / sw

Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages erklärt Horstkötter, dass Silvio S. darauf reagiert habe. Er bitte darum, von dem im Verhandlungssaal sitzenden Gerichtsmediziner Michael Tsokos etwas mehr Bildmaterial zu bekommen. Danach werde er entscheiden, ob er sich an einem der nächsten Verhandlungstagen zu den Vorwürfen äußern werde. Im Verhandlungssaal gibt es ein Raunen. Zu merkwürdig scheint dieses Ansinnen: Wie soll sich eine Verbindung zu den Fotos des toten, auf dem Seziertisch liegenden Jungen und der Aussage seines mutmaßlichen Mörders knüpfen? Silvio S.’ Verteidiger äußern sich dazu nicht – es war auch nicht zu erwarten. Und auch Prozessbeteiligte mit Zugang zu den Akten wie die Nebenklagevertreter können nur spekulieren.

Eine halbwegs schlüssige Variante könnte sein, dass Silvio S. bestreiten will, Elias ermordet zu haben. Dass er behaupten will, der Junge sei während der Entführung gestorben. Zu dieser Erklärung würde auch passen, dass Silvio S. lange vor seiner Festnahme eine Beileidskarte an Elias’ Mutter schickte. Mit einem Bestattungsinstitut als vermeintlichem Absender und den Worten: „Er ist erstickt.“ Möglich wäre es. Er soll dem Kind kurz nach dessen Entführung einen Metallring als Knebel in den Mund gestopft haben, wie er in der Sadomaso-Szene verwendet wird. Es könnte also sein, dass Elias schon daran gestorben ist.

>>> Elias und Mohamed - Darum geht es im Prozess gegen Silvio S. <<<<

Gefunden wurde der Leichnam des Kindes erst nach Silvio S.’ Festnahme am 30. Oktober 2015 – auf der von ihm gepachteten Parzelle 24 in der Kleingartenanlage Eckbusch. Mehrere Pächter sind am zweiten Verhandlungstag als Zeugen geladen. Sie berichteten von einem merkwürdigen, wortkargen jungen Mann, der das Grundstück verwildern ließ. Es habe deswegen sogar Mahnschreiben vom Vorstand des Kleingartenvereins gegeben. „Er war ein komischer Typ“, sagt eine 27-jährige Parzelleninhaberin, habe immer die gleichen Sachen getragen, „einen schlabbrigen Pullover und eine dunkle Hose“. Mehrere Gartenfreunde wollen Silvio S. beim Transport eines großen Behältnisses gesehen haben – mal war es ein Karton, mal eine Plastikkiste, in jedem Fall aber groß genug, um darin ein totes Kind zu verstecken.

Ein Nachbar sagt, er habe bis heute Schuldgefühle, weil er dem 33-Jährigen damals eine Schaufel geschenkt hat. „Nachdem das passiert ist, mache ich mir selbst Vorwürfe, weil ich ihm die Schippe gegeben und ihm die Arbeit erleichtert habe“, sagt der 55-Jährige . Eine 61-Jährige will Silvio S. dabei beobachtet haben, wie er im Juli 2015 über einen ehemaligen Gartenteich Feldsteine schichtete. Wochen später wurde unter diesen Steinen Elias’ Leiche gefunden.

Als ein Freund aussagt, schaut Silvio S. ihn nicht an

Auch Silvio S.’ ehemaliger Chef in der Sicherheitsfirma hat offenkundig nie richtig Kontakt zu ihm aufbauen können. Er beschreibt ihn als „ruhig und verschlossen“. Aber es gab auch einen Freund. Der 30-jährige Martin K. ist der letzte Zeuge am zweiten Verhandlungstag. Als Martin K. aussagt, starrt der Angeklagte auf die Tischplatte, als fürchte er den Blickwechsel. Martin K. und Silvio S. wuchsen in Kaltenborn auf. Zuletzt trafen sie sich nur noch sporadisch, bastelten an alten Autos. Er habe Silvio S. geholfen, über eine Internet-Plattform nach einer Frau zu suchen, sagt Martin K. – aber ohne Erfolg. Der Freund „war zu zurückhaltend und schüchtern“ und wohl auch nicht gepflegt genug. In seiner Wohnung in Kaltenborn habe es gestunken, und sie sei verdreckt gewesen. Es ist die Wohnung, in der den Ermittlungen zufolge am 2. Oktober 2015 der vierjährige Mohamed ermordet wurde. Der Prozess wird fortgesetzt.