Berlin

Die Sorgen der Briten

Prominente in Berlin wollen in der Europäischen Union bleiben. Sie schätzen die Stadt und die Arbeitsmöglichkeiten. Eine Umfrage

Die Sorge wird größer, besonders unter Briten, die in der deutschen Hauptstadt leben: Viele befürchten, dass die meisten Briten für den Austritt aus der Europäischen Union, also für den Brexit votieren werden. Mancher, der noch nicht lange in Deutschland wohnt, fragt sich jetzt, ob er hier auch künftig bleiben und arbeiten darf. Wir haben einige namhafte Wahlberliner gefragt, wie sie über den Brexit denken.

Dale Carr (63), geboren in Sheffield, Chefin des britischen Geschäfts „Broken English“ in Charlottenburg und Kreuzberg:

„Seit einigen Monaten sprechen mich beinahe jeder meiner Kunden auf das Thema an. Was die Deutschen unter ihnen am meisten erschreckt, ist, dass ich gar nicht an der Abstimmung teilnehmen darf, weil ich länger als 15 Jahre im Ausland lebe. Die Berliner Briten in meinem Geschäft sind sich ausnahmslos mit mir einig, dass das United Kingdom in der EU bleiben muss. Ich lebe lange genug in Berlin, um das Glück zu schätzen in Europa wohnen und arbeiten zu können.“

David Chipperfield(62), geboren in London, Architekt mit großer Niederlassung in Berlin:

„Wir haben unseren Miteuropäern viel zu bieten. Und wir können viel von ihnen lernen. Das einzigartige Zusammenwirken von angelsächsischer, deutscher und südländischer Kultur in so unmittelbarer Nähe ist ein einzigartiges Glück für Europa.“

Priya Basil (39), geboren in London, Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin:

„Ich habe seit drei Jahren meinen Hauptwohnsitz in Berlin. Ich darf also noch im Vereinigten Königreich an der Abstimmung über den Brexit teilnehmen. Ich war mir lange sicher, dass wir in der EU bleiben würden. Die jüngsten Umfragen machen mir daher Sorgen. Das Problem ist, dass meine Mitbürger sich nicht mit der EU identifizieren, sie war nie Teil ihres Selbstverständnisses. Für mich ist Berlin wie die EU. Es ist unfertig, und jeder, der herzieht, kann sich irgendwie einbringen in die Gestaltung und die Zukunft der Stadt.“

Michael Tidnam (78), geboren in London, erst Soldat in Deutschland, später Mitarbeiter der Freien Universität, Ehrenvizepräsident der Kriegsveteranen-Organisation Royal British Legion: „Ich wohne seit fast 50 Jahren in Berlin und habe festgestellt, dass man hier als Ausländer sehr gut leben kann. Ich liebe die Stadt – hier habe ich meinen Bootsschein gemacht! Mein Sohn, der in England lebt, ist als Unternehmer geteilter Meinung über die EU, aber ich bin für den Verbleib. Ich kann mich noch erinnern, wie es war, als Großbritannien nicht dazu gehörte. Das bedeutete für einen Briten, dass man sich umständlich eine Aufenthaltserlaubnis besorgen musste, die sechs Monate währte, und dass man eine Arbeitsgenehmigung brauchte. Jetzt fürchte ich, dass auch das Reisen zwischen Deutschland und England, was damals über Belgien und Frankreich eine schwierige Prozedur war, für Briten zukünftig wieder komplizierter wird.“


Rebecca Carrington (45), geboren in Epsom, Musikkabarettistin, gemeinsam mit ihrem Ehemann Colin bekannt als Duo Carrington-Brown:

„Wie Berlin als deutscher Regierungssitz der Aufnahme der Flüchtlinge zugestimmt hat, ist ein treffendes Beispiel für die Qualitäten der EU. Ich persönlich mache mir Sorgen, wie es mit meinem Aufenthalt und meiner Arbeitsmöglichkeit in Berlin nach einem Austritt weiterginge. Wir leben hier, weil wir im vergangenen Jahrzehnt feststellten, dass es für uns in Berlin mehr Engagements gibt als in England. Ich habe bei der Britischen Botschaft angerufen, was mit mir geschehen wird. Die wussten auch keine konkrete Antwort.“

Fiona Bennett (49), geboren in Brighton, Hutmodedesignerin und Unternehmerin:

„Ich bin gegen einen EU-Austritt. Da ich auch die deutsche Staatsangehörigkeit habe, hätte der Brexit aber keine direkten persönlichen Auswirkungen auf mich. Wir befürchten keine Veränderungen für unser Unternehmen.“

Anton Milner (55), geboren in Sheffield, einer der Geschäftsführer der ib vogt GmbH mit Sitz in Charlottenburg:

„Ein Ausstieg wäre ein großer Schwachsinn. England würde in ein finanzielles Desaster steuern, das Millionen von Jobs gefährdet. Auch unser Unternehmen wäre davon betroffen, weil es viel nach Großbritannien exportiert.“

Robin Merrill (62), geboren in Salisbury, Sänger des Berliner Savoy Dance Orchestra und Kulturchef des englischen Nachrichtenprogramms der Deutschen Welle:

„Ich lebe seit dem Jahr 1989 in Berlin und bin gegen den Brexit. Ich beantrage gerade einen deutschen Pass, auch wegen des drohenden Ausstiegs aus der Europäischen Union. Nicht aus Sorge – ich bin mit einer Deutschen verheiratet. Eher als Protest.“


Richard Williams (69), geboren in Nottingham, Chef des Jazz Fests Berlin:

„Ein Berliner Erlebnis, das mir gezeigt hat, wie gut Europa für eine Stadt sein kann, ist, als ich im vergangenen Jahr ein Festival in Kreuzberg besuchte. Unüberschaubar viele Nationalitäten waren da, die meisten Besucher schienen mir sehr jung. Das erinnerte mich an London. Warum das Zusammenleben – auch wenn nicht alles perfekt ist – so gut funktioniert, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Ich denke, es ist für eine Gesellschaft am besten, wenn man Einflüsse von überall her miteinander vermengt. Das trifft übrigens auch auf die Musik zu.“

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