Kriminalität in Berlin

Blutige Familienfehde in Berlin - Prozessbeginn

Es sollte ein Versöhnungstreffen werden, aber ein Clan eröffnete das Feuer. Jetzt kommt die tödliche Auseinandersetzung vor Gericht

Am 26. Dezember kam es zu der Schießerei in Wedding

Am 26. Dezember kam es zu der Schießerei in Wedding

Foto: Thomas Schroeder / BM

Der Fall erinnert an einen Mafia-Film: Zwei Banden bekriegen sich. Es soll zu einer Aussprache kommen. Doch die eine Bande hat Waffen im Gepäck und veranstaltet ein wildes Gemetzel. Für das Geschehen, das ab Dienstag vor einem Moabit Schwurgericht Thema ist, gilt als Tatort die Hochstädter Straße in Wedding. Den Ermittlungen zufolge war es ein blutiger Streit zwischen zwei Großfamilien, deren Großväter und Väter aus der Stadt Bijeljina im heutigen Bosnien-Herzegowina kommen.

Es gab zwischen den Ra.s und Hu.s jahrelang keine Rivalitäten. Sie waren gut befreundet, trafen sich regelmäßig, feierten in der neuen Heimat gemeinsam Familienfeste. Bis zum Dezember vergangen Jahres. Da kam es zum Bruch. Sieben Angehörige der Familie Ra. müssen sich nun vor einer Moabiter Schwurgerichtskammer verantworten – wegen Mordes, schwerer und gefährlicher Körperverletzung.

Begonnen haben soll die Fehde am 13. Dezember 2015. Ein Mitglied der Familie Ra. und eines der Familie Hu. zogen um die Häuser, tranken reichlich Obstbrand und Raki. In einer Sportsbar in Reinickendorf soll dann der 46-jährige Muhamed Ra. offenbar aus einer Laune heraus eine leere Flasche in Richtung Admir Hu. geworfen haben. Die Flasche knallte gegen ein splitterndes Trinkglas, das Admir Hu. in der Hand hielt. Er schnitt sich an den Scherben, musste später im Krankenhaus operiert werden, weil eine Sehne durchtrennt wurde. Muhamed Ra. soll sich für den Flaschenwurf jedoch nicht entschuldigt, sondern Admir Hu. sogar noch verspottet haben. Dieses Verhalten, so Ermittlungen, habe den verletzten Admir Hu. in Rage versetzt. Er soll Muhamed Ra. und dessen längst verstorbenen Vater wüst beleidigt haben. Das war ein Tabubruch.

Die Sache schaukelt sich hoch

Einige Tage später sollen sich Vertreter der beiden Familien, unter ihnen Admir Hu. und Muhamed Ra., getroffen haben. Wieder in der Sportsbar in Reinickendorf. Sie hätten sich offiziell gegenseitig verziehen, heißt es. Alles schien wieder in bester Ordnung. Die Beleidigungen indes, vor allem die gegen den toten Vater, waren nicht vergessen. Am 25. Dezember soll Admir Hu. von einem Vertreter der Familie Ra. deswegen nochmals zur Rede gestellt, zu Boden geschlagen und getreten worden sein. Darüber empört, soll Admir Hu.s Vater bei der Familie Ra. angerufen, geschimpft und sich dabei, wie schon der Sohn, abfällig über tote Verwandte der Familie Ra. geäußert haben. Die Telefonate wurden erwidert. Ebenfalls mit Beschimpfungen. So schaukelte sich die Sache hoch.

Am 26. Dezember sollte es dann erneut eine Aussprache geben. In einem Café an der Hochstädter Straße in Wedding. Mitglieder der Familie Hu. warteten in dem Café. Als sich gegen 13 Uhr zwei Fahrzeuge der Familie Ra. näherten, kamen sie aus dem Café, um die Ankömmlinge würdevoll zu begrüßen. Unbewaffnet, so zumindest wurde es ermittelt. Doch es gab keine Umar-mungen. Die Mitglieder der Familie Ra. sollen grußlos aus den Fahrzeugen herausgesprungen sein – bewaffnet mit einer scharf geladenen Pistole, mit Messern, einem Hammer. Und sie sollen sofort begonnen haben, die in diesem Moment ahnungslosen Vertreter der Familie Hu. einzukreisen und zu attackieren.

Tödlicher Bauchschuss

Der 31-jährige Damir Hu. wurde von Schüssen in den Bauch getroffen, er verstarb noch am Tatort. Geschossen haben soll der 43-jährige Ferid Ra. – genau ihm soll Damir Hu. Jahre zuvor das Leben gerettet haben. Die andere drei Angehörigen der Familie Hu. wurden mit dem Hammer geschlagen und erlitten Messerstiche. Alle drei mussten notoperiert werden. Bei einem Opfer wurde das Rückenmark getroffen, er wird voraussichtlich den Rest seines Lebens an Lähmungen leiden.

Die mutmaßlich an dem Gemetzel beteiligten Mitglieder der Familie Ra. flohen. Ende Dezember stellten sich sechs, Anfang Januar der siebte der Polizei. Allen sieben werden von der Staatsanwaltschaft gemeinschaftlich verübter Mord und drei gemeinschaftlich verübte Mordversuche vorgeworfen. Dafür droht ihnen lebenslänglich.