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Zehn Jahre Fanmeile: Wer ist der Mann aus Reihe eins?

Seit zehn Jahren steht Stephan Hagenfeld aus Pankow bei jedem Deutschlandspiel ganz vorn auf der Fanmeile in Berlin. Was treibt ihn an?

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Ihn kennt jeder, der sich schon einmal die Bilder der Berliner Fanmeile auf der Straße des 17. Juni angeschaut hat: Ganz vorn, direkt unter der Tribüne, steht da fast immer ein Mann im mittleren Alter, mit Deutschland-Basecap und im weißen Trikot der Nationalmannschaft. Das ist Stephan Hagenfeld aus Pankow. Jedes Mal, wenn Deutschland spielt, steht er direkt unter der 80-Quadratmeter-Videowand am Brandenburger Tor. Er ist, wenn man so will, der Mann an der Spitze der zwei Kilometer langen Fanmeile, auf der bei schönem Wetter und spannenden Spielen bis zu 200.000 Menschen gemeinsam Fußball gucken und feiern.

Fast immer, wenn ein Tor fällt oder wenn es spannend wird im Spiel, zoomen die Kameras auch auf das Gesicht von Stephan Hagenfeld. Denn er steht genau in der Mitte an der Absperrung und damit direkt vor den Fotografen und Kameraleuten auf der Pressetribüne. Stephan Hagenfeld ist immer dabei, seit zehn Jahren, wenn Deutschland spielt. Bei jedem Wetter – und immer gut gelaunt.

Der Dortmund-Fan zog im Jahr 2006 aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin

„Mir gefällt die Stimmung, Fußball zu schauen macht gemeinsam mit anderen viel mehr Spaß“, sagt er. Bis 2006 war Fußball für ihn etwas, das nur im Fernsehen stattfand. Mit der Weltmeisterschaft 2006 aber entdeckte er die Fanmeile in Berlin für sich, nachdem er aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin gezogen war. Seit einigen Jahren lebt der Dortmund-Fan mit seiner Frau in Pankow. Er hat selbst nie Fußball gespielt. Die Fanmeilen-Besuche seien heute sein Hobby, sagt er. „Wenn Deutschland spielt, nehme ich einen Tag Urlaub und komme hierher.“

Den Platz in der ersten Reihe hat er sich ursprünglich auch aus Sicherheitsgründen ausgesucht – und verteidigt ihn seitdem standhaft. Reservieren kann man Stehplätze auf der Meile nicht. „Weiter hinten in der Menge habe ich ein komisches Gefühl“, begründet er seine Standortwahl. Inzwischen hat Hagenfeld viele Freunde in der ersten Reihe der Fanmeile. Sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft. „Wenn einer mal kurz weg muss, halten die anderen den Platz frei.“ Und auch, wenn einer mal gar nicht kommt, wissen die anderen, warum.

Spätestens eine Stunde vor Spielbeginn muss man vor der Tribüne stehen

Um „ihre“ Plätze zu sichern, kommen die Reihe-Eins-Fans meist schon um 13 Uhr, wenn die Fanmeile öffnet. Auch wenn der Spielbeginn erst am späten Abend ist. Dann ist Ausdauer im Stehen angesagt. „Spätestens eine Stunde vor Spielbeginn ist vor der Tribüne alles dicht.“ Um nicht unfreiwillig noch mal weg zu müssen, hilft nur Strategie: „Man darf nicht viel trinken.“

Inzwischen müssen es Hunderte Bilder und Videos sein, auf denen man Stephan Hagenfeld sieht. Er sieht aus wie die meisten Fans. Warum wird ausgerechnet er dann so oft gezeigt? Vielleicht, weil er besonders schön mitfeiern kann, mitsingen, mitbangen und sich auch mal mitärgern, wenn auf dem Spielfeld etwas nicht klappt. Aber nur ein bisschen. Denn es ist ja ein Spiel und das gemeinsame Erlebnis zählt.

Mittlerweile ist er bekannt – und durfte diese Woche in den VIP-Bereich zu den Reportern

Dass er als Fan berühmt werden würde, ahnte Hagenfeld vor zehn Jahren nicht. Inzwischen hat er in Interviews fast schon Routine. Diese Woche durfte er sogar einmal direkt zu den Reportern in den VIP-Bereich. Sein schönstes Fanmeilen-Erlebnis war natürlich das Freudenfest 2014, als Deutschland Weltmeister wurde. Und er sagt, dass ihn die Bilder gewalttätiger Fußballfans in Frankreich besorgt machen. „Ich bin froh, dass die Fanmeile in Berlin bisher immer friedlich war und hoffe, dass das so bleibt.“

Vielleicht gibt es noch einen Grund, warum die Reporter Stephan Hagenfeld gern zeigen. Er ist 50 Jahre alt, trägt Schnurrbart und Brille, ist von Beruf Fahrzeugpfleger. Er ist einfach liebenswert normal. Einer wie wir. Nur eins hat er noch nie gemacht: Ein Fußballspiel in einem Stadion besucht. Würde er gern? Er zögert. „Zu einem Länderspiel oder wenn Dortmund spielt, vielleicht.“ Aber am liebsten schaut er Fußball auf der Fanmeile.