Staugefahr

Staustelle Berlin: Hauptstadt der Sperrungen

In Berlin folgt eine Großveranstaltung der nächsten, vor allem in Mitte. Die Anwohner sind genervt und kritisieren die Planung.

Alltag in Berlin: Staus wegen einer Veranstaltung, so wie am Freitag in der Hardenbergstraße wegen der Sperrungen für den Velothon

Alltag in Berlin: Staus wegen einer Veranstaltung, so wie am Freitag in der Hardenbergstraße wegen der Sperrungen für den Velothon

Foto: Sergej Glanze

Die Anklage war auf einen der Betonklötze entlang der Strecke geschmiert: „E-Autorennen? Wozu?“ Vor vier Wochen war das, als die Elektro-Rennwagen der Formula E in Mitte gastierten und die Gegend östlich des Alexanderplatzes lahmlegten.

Am Wochenende des Rennens war die Karl-Marx-Allee komplett gesperrt, in den Wochen davor und danach auch zahlreiche Seitenstraßen nur eingeschränkt nutzbar. Straßenbahnen und Busse fielen aus oder mussten umgeleitet werden. Vom Lärm ganz zu schweigen. Und die Anwohner fragten sich: Wozu?

Die Liste der alljährlichen Großveranstaltungen in Berlin ist lang. Marathon, Fanmeile und Co. gehören zum Event-Charakter, den Berlin pflegt und der den Standort Hauptstadt ausmacht. Doch in letzter Zeit kommt mehr zusammen, als mancher Bürger offenbar ertragen kann.

In der City West kam der Verkehr teilweise zum Erliegen

Aktuellstes Beispiel: Am Freitagvormittag hatten 13 Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) rund um den Bahnhof Zoo erhebliche Verspätungen oder fuhren den Bahnhof gar nicht mehr an. In der City West kam der Verkehr teilweise komplett zum Erliegen. Grund waren Sperrungen anlässlich des Velothons, der dieses Wochenende überall in der Stadt stattfindet.

Wegen des Radrennens ist die durch die Fanmeile ohnehin schon bis Siegessäule gesperrte Straße des 17. Juni auch noch bis Ernst-Reuter-Platz blockiert. Und am Sonntag fahren am Alexanderplatz keine Straßenbahnen – wegen Dreharbeiten. „Wer genehmigt solchen Schwachsinn eigentlich?“, fragte sich eine Morgenpost-Leser bei Facebook.

Zuständig ist die Verkehrslenkung Berlin (VLB). Sie holt bei den relevanten Akteuren – Bezirke, Feuerwehr, Polizei, BVG – Stellungnahmen ein, wenn ein Veranstalter um Genehmigung bittet. Neben einer generellen Machbarkeit gilt: Events auf den großen Berliner Hauptstraßen müssen ein „gesamtstädtisches Interesse“ mitbringen.

Streit, was „gesamtstädtisches Interesse“ ausmacht

Die Veranstalter entrichten Gebühren, für das Land Berlin muss am Ende die Rechnung stimmen. Zudem ziehen Großveranstaltungen Besucher in die Stadt, wovon zahlreiche Branchen profitieren. Dem gegenüber stehen Nachteile, unter denen die Bürger leiden. Über die Frage, was „gesamtstädtisches Interesse“ ausmacht, lässt sich streiten.

So sieht man es auch in Mitte, das besonders von Großveranstaltungen betroffen ist. „Die Fanmeile – absolut unstrittig“, sagt Stadtrat Carsten Spallek (CDU) und verweist auf die herausragende Bedeutung der „Mutter aller Fanmeilen“. Nicht so bei anderen Events. Beim Formula-E-Rennen hatte sich der Bezirk klar gegen die Austragung ausgesprochen. Es gab Bedenken, moralische und sicherheitstechnische.

Bei der Stadtentwicklungsbehörde, der die VLB untersteht, spricht man indes von einer „politischen Entwicklung“. So hätte das Rennen eigentlich erneut auf dem Tempelhofer Feld ausgetragen werden sollen. Wegen der dort untergebrachten Flüchtlinge fiel der Standort weg. Besonders Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) wollte die Rennserie um jeden Preis wieder in der Stadt haben. So kam es dann auch.

Eine Woche Sperrung zur 150-Jahr-Feier der SPD

Ähnlich lief es laut Spallek bei der 150-Jahr-Feier der SPD vor drei Jahren, als die Straße des 17. Juni für eine Woche gesperrt war. „Die SPD wurde nicht mal in Berlin gegründet und es hatte schon in Leipzig eine Feier gegeben“, begründet Spallek die Ablehnung damals. Die SPD-geführte Stadtentwicklungsbehörde entschied anders.

Andere nehmen das Event-Chaos gelassener. „Klar bekommen unsere Fahrgäste das zu spüren“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Vom Velothon, der durch sieben Bezirke führt, sind am Wochenende nicht weniger als 60 Linien betroffen, darunter auch der Flughafen-Bus TXL. Doch zum Glück gebe es mit U- und S-Bahn in Berlin bei Großevents in der Regel genug Alternativen.

Auch der Einzelhandel bleibt ruhig. Hatte es in der Vergangenheit öfter mal Beschwerden gegeben, konnte man sich etwa mit den Veranstaltern des Skater-Marathons auf andere Startzeiten einigen. „Wir sind zwar nicht immer glücklich, aber das ist der Preis für eine lebendige Metropole“, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Eine gewisse Gelassenheit sei nun mal auch Bürgerpflicht.