Wassersport

Windlos durch die Nacht

Die Regatta „60 Seemeilen von Berlin“ zählt zu den ungewöhnlichsten Wettfahrten der Stadt. Gesegelt wird auch in der Dunkelheit

Foto: Oliver Klempert / BM

„Raum! Raum!“ An der Startlinie wird lauthals mehr Platz auf dem Wasser gefordert. Eng an eng kreisen die Schiffe verschiedener Größen und Klassen umeinander, suchen die jeweils beste Position für den Start. Hektisch geht es zu, man gönnt sich gegenseitig keinen Meter. Sicher: Es ist alles nur Spaß an der Freude – auch wenn es sich durchaus um eine echte Regatta handelt. Die „60 Seemeilen von Berlin“ ist schließlich eine der ungewöhnlichsten Wettfahrten der Berliner Regattaszene.

Dabei ist es fast nebensächlich, wer beim Start besonders gut wegkommt, weil später die Witterung allen sowieso noch einen Strich durch die Rechnung machen wird – wie fast jedes Jahr. Clemens von Bassenheim genießt an Bord seiner „Bijou“, einer Grand Surprise, daher die Regattastimmung und das perfekte Segelwetter – wie lange nicht mehr weht es auf dem Wannsee, es herrscht Windstärke fünf, in Böen sieben. Viele Schiffe liegen stark gekrängt im Wasser, es wird gejauchzt und gejubelt, das Segelerleben genossen.

Pausenlos muss die Crew die Seite wechseln

Von Bassenheims Stammcrew macht unterdessen die Segel klar – dann ertönt auch schon der Startschuss, und der Regattasegler macht sich vom Wannsee auf Richtung Scharfe Lanke in Spandau. Rund 50 andere Schiffe, die meisten ebenfalls vom Potsdamer Yacht Club, dem Ausrichter der Wettfahrt, tun es ihm gleich. Es folgen Wenden um Wenden, pausenlos muss die Crew die Seite wechseln, weil sich das Schiff mal auf die eine, mal auf die andere Seite legt. „Rund 30 Mal bin ich hier nun schon mitgesegelt“, sagt von Bassenheim, „jedes Mal ist es anders.“

Es ist eine Regatta, die eine besondere historische Bewandtnis hat und die wie nur wenige andere Regatten das Berliner Seglerleben in seiner ganzen Vielfältigkeit widerspiegelt. Ursprünglich wurde die Regatta von einigen Mitgliedern des Potsdamer Yacht Clubs in den 30er-Jahren als Test der Zuverlässigkeit von Booten ins Leben gerufen und nonstop über die Distanz von 60 Seemeilen auf der Ostsee ausgetragen. Aufgrund von Kriegswirren fiel die Wettfahrt jedoch mehrfach aus und wurde schließlich auf die Unterhavel verlegt – wo sie bis heute blieb.

Da Segelboote wegen der tiefen Brücken von Berlin aber keine 60 Seemeilen in eine Richtung segeln können, wird seit Jahrzehnten mehrfach hin- und hergesegelt, einmal hinauf bis zur Scharfen Lanke, danach sechsmal vom Potsdamer Yacht Club bis zur Insel Lindwerder und zurück. „Das klingt langweilig, und doch kann dabei alles passieren“, sagt von Bassenheim. Glatteis, Nebel, Flaute – alles hätten die Segler schon erlebt.

Manchmal bis zum nächsten Vormittag unterwegs

Wie es diese Nacht wohl werden wird? Der Skipper sinniert und blickt in die Ferne, als wollte er das Kommende erahnen. „Mal sehen“, sagt er schließlich. In jedem Falle sind er und sein Team für alles gerüstet, unter Deck liegt warme Kleidung parat, für Verpflegung, falls es mal wieder länger dauert, ist ebenfalls gesorgt. „In manchem Jahr waren wir schon bis zum nächsten Vormittag unterwegs“, erklärt von Bassenheim. Wenn manche Crews schon Bier trinken oder in ihren Kojen liegen, kämpfen andere noch gegen Müdigkeit oder Konkurrenten.

Langsam kommt der Grunewaldturm in Sicht, der Wind frischt mal auf, dann lässt er wieder nach – ein Omen für das, was noch folgen soll. An Bord jederzeit aufmerksam ist Steuermann Olaf Mierheim. Er hält die Pinne in der Hand, gibt die Wendekommandos. „Bei einigermaßen Wind segelt man dieses Boot ästhetisch schön“, sagt er. „Knackpunkt ist jedoch, immer in Fahrt zu bleiben.“ Leicht gesagt, schwer getan – jetzt am Tag lassen sich auf dem Wasser noch Windfelder entdecken und direkt ansteuern, nachts ist das unmöglich. „Dann muss man auf der Haut spüren, woher der Wind kommt, weil man nichts mehr sieht.“

Plötzlich wird es hektisch auf dem Boot. „Das Vorsegel ist für den wehenden Wind zu klein“, sagt Steuermann Mierheim – ein größeres müsse aufgezogen werden. Also wird von den anderen Mitseglern das Segel abgenommen, ein zweites gesetzt. Nach diesem Manöver segelt die „Bijou“ sofort schneller – bis zu sieben Knoten.

Nachts zeigen sich die Charaktere der Segler

So geht es dahin, bis schließlich an der Scharfen Lanke die Regattatonne umrundet wird – nun geht es zurück zum Potsdamer Yacht Club. Die Fahrt dauert insgesamt rund zwei Stunden, kleine und größere Boote kreuzen sich, auf dem Wannsee herrscht an diesem Wochenende viel Trubel, auch Dampfer kreuzen die Routen. Das ist etwas, das die „60 Seemeilen“-Teilnehmer nicht gebrauchen können. So ist es kein Wunder, dass die Regatta auch in der Nacht ausgetragen wird.

Und: Waren die „60 Seemeilen“ früher eher ein gesellschaftliches Ereignis mit Bierkisten, Rotwein und Sherry an Bord, so kam mit der Einführung der Sportboote immer mehr der Leistungsgedanke zum Tragen. „Früher kämpfte man hauptsächlich gegen Schlaf in der Flaute“, erläutert der Skipper. Nachts dann zeigen sich die Charaktere der Segler – da gibt es die Gemütsmenschen, die froh sind, über die Runden zu kommen, und die Natur genießen, andere, die sich beim ersten Müdigkeitsanfall unter Deck verziehen, und jene, die selbst bei eingeschlafenem Wind noch angespannt am Ruder sitzen.

Berlin aus einer völlig neuen Perspektive erleben

Allen Seglern gemein jedoch: Erwacht um sie herum die Natur, hören und erleben sie Berlin aus einer völlig neuen Perspektive. Man hört mitten in der Stadt Frösche quaken oder Fische aus dem Wasser springen, während langsam erst ein kleiner heller Punkt, dann ein immer breiterer Sonnenstreifen den nächsten Tag einläutet.

So entschwindet die „Bijou“ mit ihrer Besatzung nach der ersten großen Runde langsam in die Nacht. Und wie erwartet wird Clemens von Bassenheim dann nach Beendigung der Regatta sagen: „Wieder einmal war es wundervoll, auch wenn es länger dauerte, als wir dachten.“ Erst um fünf Uhr früh kehrte das Regattaschiff in den Hafen zurück – nach geschlagenen zwölf Stunden. Und doch lohnte auch in diesem Jahr die Mühe: Nach berechneter Zeit wird die „Bijou“ in ihrer Gruppe Erster – und von Bassenheim kann den Wanderpokal der „60 Seemeilen von Berlin“ todmüde mit nach Hause nehmen.