Aktion

„Flüchtlinge fressen“: Künstler starten Aktion mit Tigern

Die Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit ist bekannt für ihre Provokationen. Nun startet sie ein neues Projekt.

Das Tigergehege steht vor dem Maxim Gorki Theater

Das Tigergehege steht vor dem Maxim Gorki Theater

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, wusste schon Bertolt Brecht. Aber ob er sich das so vorgestellt hat? Am Donnerstag präsentierte das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) im Gorki Theater eine neue Aktion. Sie heißt „Flüchtlinge Fressen“ und sucht nach Menschen, die sich öffentlich von Tigern zerfleischen lassen.

Passend dazu drehen vor dem Theater hinter der Glasscheibe einer Sperrholz-Arena schon jetzt vier libysche Tiger ihre Runden, bewacht von einem Dompteur in einer Gladiatorenrüstung. Schließlich, so der ZPS-Schluss, gleicht die EU dem Römischen Reich: Heben ihre Herrscher den Daumen, ist Überleben möglich, senken sie ihn, sterben Flüchtlinge im Mittelmeer.

„Mama, warum kommen die Flüchtlinge nicht einfach mit dem Flugzeug?“

Klingt wirr? Dabei steckt hinter der Aktion eine ernste Angelegenheit. Neben der Arena steht auf einem Plakat: „Mama, warum kommen die Flüchtlinge nicht einfach mit dem Flugzeug?“ Die Antwort ist der Paragraf 63 Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes, der Beförderungsunternehmen mit hohen Strafen belegt, wenn sie Menschen ohne Einreiseerlaubnis transportieren. Da das Fliegen verboten und die Balkanroute geschlossen ist, bleibt den Flüchtenden nur der Meerweg.

Deshalb fordert das ZPS vom Bundestag, den Paragrafen in seiner Sitzung am 22. Juni zu streichen. Falls das nicht klappt, soll der Bundespräsident ran. Währenddessen darf das Publikum unter www.flugbereitschaft.de mit Geld darüber abstimmen, wer in einem möglichen Flug von Izmir nach Berlin mitdarf, wer das Schlepper-Boot nimmt.

Ein Coup – ohne Folgen

Geschmacklos? Zynisch? Bei der „Bundeserpressungskonferenz“ im Gorki nahm ZPS-Mitglied Theresia Braus die Worte selbst in den Mund, begründet es mit Zynismus und Geschmacklosigkeit der europäischen Flüchtlingspolitik.

Das war schon bei einer Aktion 2014 so, als das ZPS die Berliner Mauerkreuze am Reichstag abmontierte und mit Freiwilligen an die europäischen Grenzen im Süden reiste, um sie zu Fall zu bringen. Ein Coup – ohne Folgen: Die Reise endete einige Meter vor der Grenze. Heute ist die Balkanroute dicht.

Auch „Flüchtlinge Fressen“ ist eine Koproduktion mit dem Gorki Theater. Was die Frage aufwirft: Ist das denn Kunst? Ja, aber geklaut: Schon 2000 hatte Christoph Schlingensief bei den Wiener Festwochen für die Aktion „Ausländer raus!“ einen Big-Brother-Container aufgestellt. Online konnte das Publikum Asylbewerber aus dem Container und aus dem Land wählen.

Für einen handlichen Nagel den Vorschlaghammer benutzt

Wie damals in Wien wird auch jetzt in Berlin die Aktion von Promi-Gesprächen flankiert. Außerdem gibt es kommentierte Tigerfütterungen. Ob das hilft, mehr Klarheit ins Konzept zu bringen? Und was soll am Ende dabei herauskommen?

Das Problem bei ZPS-Aktionen ist, dass sie wirken, als nutzten ihre Macher für einen handlichen Nagel ausschließlich den Vorschlaghammer. Das macht die ernsten, unbedingt wichtigen Themen lächerlich. Am Ende werden die Tiger vor dem Theater gut gebrüllt, aber keinen Menschen gefressen haben.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Eintritt frei. Täglich bis 28. Juni

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