Luftschiff

Im Zeppelin am Himmel über Berlin

Das Luftschiff ist auf dem Weg nach Usedom an der Ostsee und machte Station in Schönefeld. Auch über der Stadt war er zu sehen.

Forschungs-Zeppelin des Helmholtz-Zentrums Geesthacht

Forschungs-Zeppelin des Helmholtz-Zentrums Geesthacht

Foto: DZR (Deutsche Zeppelin Reederei) / BM

Kaum haben die fünf Passagiere Platz genommen, beginnt schon der Aufstieg. Doch nicht mit der zuverlässigen Hebung, wie man sie von Urlaubsmaschinen kennt. Denn bei der Methode Zeppelin senkt sich die Gondel in einem Winkel von gefühlten 45 Grad nach vorn. „Jetzt zeigt sich“, ruft Kopilotin Katharine Board ganz überkandidelt aus dem Cockpit, „wer sich richtig angeschnallt hat.“ In solchen Fällen, rät sie dann schon etwas nüchterner, fest die Rückenlehne zu umklammern.

Video: Im Zeppelin am Himmel über Berlin
Video: Im Zeppelin am Himmel über Berlin

Ganz klar: Dieser Zeppelin ist nicht auf Vergnügungsfahrt in Berlin. Das 75 Meter lange Luftschiff machte an diesem Donnerstag, da viele Berliner hinauf in den Himmel geblickt haben, um das seltsame Gefährt zu beobachten, nur Zwischenstopp in der Hauptstadt.

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An Bord ist ein Professor aus Heidelberg, Burkard Baschek. Er leitet das Projekt „Uhrwerk Ozean“, bei dem Wissenschaftler der Helmholtz-Gemeinschaft einem wenig erforschten Naturphänomen auf den (Meeres-)Grund gehen wollen. Vom 18. bis 27. Juni werden sie zwischen der polnischen Küste und der dänischen Insel Bornholm nach Wasserwirbeln Ausschau halten. Diese Zirkulationen haben großen Einfluss auf Ozeanbewegungen, auf das Klima und das Wachstum von Algenblüten – und damit auf die Luft, die wir atmen. Das Bundesforschungsministerium fördert die Untersuchung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016/17. In den kommenden Jahren, so Staatssekretär Georg Schütte, werde man für die Meeresforschung vier Milliarden Euro ausgeben.

Zeppelin soll über Meereswirbeln "geparkt" werden

Heimat der Zeppeline ist traditionell der Bodensee. Von dort kommend, soll das Luftschiff am Freitag zu seinem Ziel Usedom fliegen. Für Burkard Baschek ist das ein Höhepunkt in seinem Berufsleben. Der 45 Jahre alte Forscher, der lange in Los Angeles lebte und von seinem Projekt mit der Begeisterung eines jungen Hollywoodhelden erzählt, hatte schon an der Westküste der USA die Meere untersucht. „Wenn ich abends nach Santa Monica nach Hause kam, sah ich oft den großen Werbezeppelin, der die Aufschrift einer Autoreifenfirma trug“, sagt er, während die Gondel an Höhe gewinnt. „Ich dachte, genau so einen brauche ich.“ Von Sonnabend an wird er seinen Flieger exakt über Meereswirbel positionieren, oder: „parken“, wie er es nennt. Genauer und ausdauernder als ein Satellit macht er dann Aufnahmen, an denen es der Wissenschaft bislang fehlte. „Ein Traum wird wahr“, sagt Baschek.

Traumhaft ist auch der Blick aus den kleinen Plexiglasfenstern. Die Weite des alten Flughafens Tempelhof, die orange leuchtende Flotte von BSR-Lastern auf dem Werkhof daneben, zwölf bunte Einfamilienhäuser, die auf der grünen Wiese im Speckgürtel entstehen. Wacker wie ein alter Opel Admiral knattern die Propeller rechts und links des Flugkörpers, während es mit Tempo 80 schwerelos über die Stadt geht, in einer Höhe, die man sonst nur Sekundenbruchteile lang bei Start und Landung im Flugzeug erlebt. „In 330 Meter Höhe über Berlin – wann hat man das schon mal?“, fragt dann auch begeistert Pilot Fritz Günther.

Einen Zeppelin zu steuern ist eine Herausforderung

Den Zeppelin steuert er dorthin, wo seine Dienste gebraucht werden. Man bucht ihn zur Vergnügungsfahrt über den Bodensee, feiert darin Hochzeit, bietet verdienten Werksmitarbeitern ein besonderes Dankeschön, forscht nahe dem Polarkreis und über der Savanne der afrikanischen Kalahari.

Früher flog Günther DDR-Flugzeuge. Heute sagt er: „Etwas Besseres als diese Luftschiff-Fliegerei gibt es nicht: Einen Zeppelin zu steuern ist mehr, als sich nur ein weißes Hemd anzuziehen und ein paar Knöpfchen zu drehen.“ Man arbeite mit moderner Technik, sei jedoch „ganz nah dran an der Natur“. Wer so ein Fluggefährt lenken muss, der höre beim Wetterbericht ganz anders zu, sagt er und blinzelt vergnügt über den Rand seiner Lesebrille.

Auf der Passagierliste steht Alexander Rotsch. Der 19-Jährige mit dem 1,0-Abitur hat bei „Jugend forscht“ untersucht, wie sich das Immunsystem von Pflanzen beeinflussen lässt. Unter den Siegprämien war ein Flug mit dem Zeppelin. Sein Forschungsobjekt befindet sich in der Regel in Bodennähe. Das ist auch gut so, denn Rotsch hat Höhenangst. Flugzeuge seien okay. Aber wenn der Boden vibriert, sei Schluss. Pilot Günther kann da beruhigen: „Keine Angst, ein Zeppelin fällt nicht so einfach vom Himmel.“