Immobilie

Sing-Akademie bekommt von Berlin 3,5 Millionen Euro

Der Streit um das Maxim Gorki Theater dauerte mehr als 20 Jahre. Nun zahlt Berlin dem Chor 3,5 Millionen Euro – und künftig Miete.

Späte Genugtuung für den ältesten gemischten Chor der Welt: Das Land Berlin entschädigt nach langem Streit die Sing-Akademie, hier bei einem Auftritt  im Berliner Dom

Späte Genugtuung für den ältesten gemischten Chor der Welt: Das Land Berlin entschädigt nach langem Streit die Sing-Akademie, hier bei einem Auftritt im Berliner Dom

Foto: Maren Glockner / BM

Ein jahrzehntelanger Streit um die historische Immobilie des Gorki-Theaters Unter den Linden steht vor dem Ende. Um den Konflikt zu lösen, will der Senat der Sing-Akademie zu Berlin als Entschädigung einmalig 3,5 Millionen Euro zahlen und einen neuen Pachtvertrag abschließen.

Der Chorvereinigung gehört das Gebäude des Maxim Gorki Theaters am Festungsgraben. Der 1827 nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel errichtete Konzertsaal diente dem nach eigenen Angaben ältesten gemischten Chor der Welt einst als Auftrittsort. Zu DDR-Zeiten wurde dort das Maxim Gorki Theater gegründet, derzeit das kleinste der insgesamt fünf Berliner Staatstheater.

Mitte der 60er-Jahre strich die DDR-Administration die Sing-Akademie aus dem Grundbuch und deklarierte das Grundstück zum „Eigentum des Volkes“. Auch nach dem Mauerfall stand lange das Land Berlin als Eigentümer im Grundbuch. Das wollte die Sing-Akademie zu Berlin aber nicht akzeptieren. Schließlich hatte Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. der 1791 gegründeten Akademie das Grundstück 1824 überlassen. Eine formale Enteignung hatte es nie gegeben, deshalb kämpfte die Chor-Gemeinschaft, die keine institutionelle Förderung erhält, um ihr Gebäude.

Zwölf Jahre lang wurde vor Gericht gestritten

Im Dezember 2012 hatte der Bundesgerichtshof nach einem Rechtsstreit über alle Instanzen der Sing-Akademie Recht gegeben und damit die Kulturverwaltung kalt erwischt. Immerhin hatte der damalige Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) versichert, die Existenz des Gorki-Theaters müsse gesichert werden, auch wenn das Land nicht Eigentümer der Immobilie sei.

Die Gespräche mit der Sing-Akademie nach der höchstrichterlichen Entscheidung zogen sich erneut lange hin. Jetzt liegt ein Kompromissvorschlag vor, der in einer vertraulichen Vorlage dem Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses präsentiert wurde.

Demnach zahlt Berlin der Sing-Akademie einmalig 3,5 Millionen Euro. Damit sind alle Ansprüche des Gebäudeeigentümers bis 2012 abgegolten. Der Chor zieht seine vor dem Landgericht anhängige Klage zurück. Die Akademie hatte ursprünglich 5,1 Millionen gefordert. Damit orientierte sie sich am Bodenrichtwert in dem strittigen Zeitraum von 22,5 Jahren, von 1990 bis 2012. Die vom Senat mit den Verhandlungen beauftragte Berliner Immobilien-Management GmbH (BIM) erreichte schließlich die Einigung in Höhe 3,5 Millionen Euro.

Zudem einigten sich die Parteien auf einen Erbbauzins von 315.000 Euro jährlich, auch diese Summe orientiert sich am Wert des Grundes und des Gebäudes. Der Vertrag gilt zunächst für 25 Jahre. Das Land Berlin hat die Option, den Kontrakt auf 50 Jahre zu verlängern. Wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) als Kultursenator die Abgeordneten wissen lässt, liegt diese Zahlung sogar deutlich unter den 451.000 Euro Nettokaltmiete, die die Kulturverwaltung bisher für das Gorki-Theater an den städtischen Immobilienverwalter BIM zahlen sollte.

Schwieriger Umgang mit den Theatern im Ostteil

Der Handel ist erst geschlossen, wenn der Hauptausschuss dem neuen Vertrag zustimmt und die außerplanmäßige Ausgabe von Steuergeld genehmigt. Eine Wahl haben sie nicht. Das Land befinde sich in einer „Erpressungssituation“, hieß es aus dem Parlament. Es gebe keine Möglichkeit, das zuletzt unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje sehr erfolgreiche Ensemble anderswo unterzubringen.

Der Fall des Gorki-Theater ist ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten des Landes Berlin mit im Ostteil der Stadt gelegenen Theaterbauten, die früher in privater Hand waren und von Staatsbühnen genutzt werden. So gibt es um das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm immer wieder Ärger mit dem Immobilieneigentümer, einer Stiftung des Dramatikers Rolf Hochhuth. Und am Deutschen Theater entschädigte der Senat im Jahr 2000 die Erben des Theatergründers Max Reinhardt mit dem Grundstück am Spreedreieck, bei dem sich später herausstellte, dass das gar nicht komplett dem Land gehörte. Das Land verlor Millionen Euro, der Vorgang beschäftigte einen Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses. So weit ist es am Gorki nun nicht gekommen.

Das Gebäude hatte die 1791 gegründete Sing-Akademie zu Berlin aus eigenen Mitteln errichtet. Dieser Konzertsaal war der erste Berlins, der weder von der Kirche noch vom Hof betrieben wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beschädigt und später dann zu einem Theatersaal umgebaut. Auf Initiative der sowjetischen Besatzungsmacht nahm 1952 das neu gegründete Maxim Gorki Theater dort seinen Spielbetrieb auf, es war der „Pflege russischer und sowjetischer Theaterkunst“, also dem sozialistischen Realismus verpflichtet.

Sing-Akademie gründet eine gemeinnützige Stiftung

Georg Castell, der Vorstandsvorsitzende der Sing-Akademie zu Berlin, bezeichnet den Prozess als „zähes Ringen“. Mit dem Ergebnis ist er „zufrieden“. Beharrlichkeit kann sich mitunter auszahlen. Für die Sing-Akademie ist die Einigung ein Geldsegen. Bislang liegt das jährliche Budget laut Georg Castell „zwischen 250.000 und 300.000 Euro“. Rund 50 Veranstaltungen bestreitet die Sing-Akademie mit ihren drei Chören, darunter sind Auftritte im Dom, in der St. Elisabethkirche und der Volksbühne.

Um die „künstlerische Zukunft zu sichern“, soll eine gemeinnützige Stiftung gegründet werden, in die das Geld aus der Nutzungsentschädigung fließt, sagte Vorstandsvorsitzender Castell der Berliner Morgenpost. Diese Stiftung soll sich dann auch dem „Raumproblem annehmen“, also die Möglichkeit sondieren, eine feste Spielstätte für die Zukunft zu bekommen.

Das Maxim Gorki Theater kommt dafür nicht infrage, denn die Sing-Akademie möchte die Theaterleute nicht aus den Räumlichkeiten vertreiben. Das hatte Castell schon während der gerichtlichen Auseinandersetzung betont. Verkaufen wollte die Chorgemeinschaft ihre Immobilie in bester Lage aber auch nicht. Einerseits aus emotional-traditionellen Gründen, es wäre „ein Verrat an unserer 225-jährigen Geschichte“, so Castell. Andererseits aus praktischen, denn „wer weiß, was in 30, 40 oder 50 Jahren ist“. Vielleicht baue der Senat für das Maxim Gorki Theater irgendwann ein neues Gebäude, dann wäre eine Rückkehr ins Stammhaus für die Sing-Akademie eine Option, sagte Castell.