Interview

„Wert von Grünflächen muss uns bewusst sein“

Können Kinder auf den Projektspielplätzen ein anderes Verhältnis zur Natur aufbauen? Diese und andere Fragen sollen erforscht werden.

Auch mal im Gebüsch spielen, diese Art von Naturerfahrung  wird auf dem Spielplatz in Staaken möglich

Auch mal im Gebüsch spielen, diese Art von Naturerfahrung wird auf dem Spielplatz in Staaken möglich

Foto: Massimo Rodari

Das Bundesamt für Naturschutz unterstützt das Pilotprojekt mit den drei neuen Naturerfahrungsräumen in Berlin. Fachgebietsleiter Florian Mayer erklärt warum.

Seit wann werden die Naturerfahrungsräume in Deutschland eingerichtet?

Florian Mayer: Das begann in den 90er-Jahren in einzelnen Orten. In Lübeck, in Eckernförde und in Baden-Württemberg sind solche Räume entstanden. Vor allem in mittelgroßen Städten. Die Projekte wurden bisher nicht wissenschaftlich begleitet und waren nicht koordiniert. Die Initiative ging häufig von Eltern aus, die wollten, dass ihre Kinder im Wohnumfeld relativ frei und ungezwungen spielen und Natur erfahren können. Die Erfahrungen sind positiv, die Räume wurden angenommen.

Was ist das Besondere in Berlin?

In Großstädten gibt es bisher kaum Erfahrungen damit. Deshalb waren wir froh, dass jetzt das Projekt in Berlin startet. Es gibt hier verschiedene soziale Umgebungen. Wir wollen herausfinden, wie man Kinder und Jugendliche in die Gestaltung dieser Flächen einbeziehen kann, wie intensiv die Räume angenommen und genutzt werden. Wir arbeiten mit örtlichen Gremien zusammen, zum Beispiel mit dem Quartiersmanagement und mit Sozialarbeitern. Ziel ist, dass die Kinder und Jugendlichen mit den Naturerfahrungsräumen vertraut gemacht werden, dass man mit ihnen dorthin geht und ihnen sagt, worum es geht. Das Projekt soll von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde begleitet werden.

Wie sieht diese Begleitung aus?

Es geht zum einen um eine wissenschaftliche Begleitung. Die Räume dienen auch dazu, die Artenvielfalt zu erhöhen. Tierarten und Vegetation werden erfasst, man untersucht, wie sie sich verändern. Zum anderen geht es um soziale Fragestellungen: Wie verhalten sich die Kinder auf den Flächen, welche Art von Spielen bevorzugen sie, kommt es zu sozialen Interaktionen? Kann es dazu führen, dass die Kinder ein anderes Verhältnis zur Natur entwickeln?

Eine Betreuung der Kinder ist nicht vorgesehen. Das kann auch gefährlich sein …

Es gehört auch zur kindgerechten Entwicklung, dass sie lernen, mit gewissen Umweltrisiken umzugehen und selbst einzuschätzen – aus welcher Höhe kann ich noch vom Baum herunterspringen?

In Berlin werden immer mehr Flächen bebaut. Jetzt gibt es plötzlich Naturerfahrungsräume. Ein Widerspruch?

Der Wohnungsbedarf in Ballungsräumen ist groß, Brachflächen werden bebaut, die Verdichtung nimmt zu. Aber gleichzeitig muss uns der hohe Wert von Grün- und Freiflächen für die Lebensqualität bewusst sein. Das gilt nicht nur für die Erwachsenen. Deshalb ist es wichtig, dass bei der Konzeption für neue Wohngebiete auch solche naturnahen Räume mit geplant und in Bebauungsplänen festgeschrieben werden. Oder dass sie als temporäre Zwischennutzung auf Grundstücken entstehen, die erst später bebaut werden. Das war zum Beispiel in Leipzig der Fall.