Vor dem Prozess

Elias und Mohamed - Darum geht es im Prozess gegen Silvio S.

Zwei tote Kinder, ein mutmaßlicher Täter und eine geschockte Region: Silvio S. kommt vor Gericht. Ein Überblick.

Ein Polizeifahrzeug steht am 29.10.2015 in Niedergörsdorf (Brandenburg) vor dem Wohnhaus, in dem der Tatverdächtige Silvio S. lebte

Ein Polizeifahrzeug steht am 29.10.2015 in Niedergörsdorf (Brandenburg) vor dem Wohnhaus, in dem der Tatverdächtige Silvio S. lebte

Foto: Julian Stähle / picture alliance / dpa

Der Prozess wird unter großem öffentlichem Interesse stattfinden: Am Dienstag steht Silvio S. vor Gericht. Der Wachmann soll den sechsjährigen Elias und den vierjährigen Mohamed entführt und getötet haben.

Strafverfahren gegen Silvio S. - die Chronik
Strafverfahren gegen Silvio S. - die Chronik
Video: BM Video / sw

Hinter den Akten der Juristen und den Zeugenaussagen stehen unzählige Beteiligte in Berlin und Brandenburg. Neun Monate ist die Festnahme her, doch vergessen hat keiner. Was ist seither geschehen? Was hat sich verändert? Eine Chronologie der Ereignisse – damals und heute.

Elias: Am Nachmittag des 8. Juli 2015, ein Mittwoch, will der sechsjährige Elias im Potsdamer Stadtteil Schlaatz zum Spielplatz gehen. Am späten Nachmittag verabschiedet er sich von seiner Mutter. Als es Zeit für das Abendbrot ist, findet sie ihn nicht und meldet das der Polizei. Die Suche läuft sofort an und dauert die ganze Nacht. Suchhunde und ein Hubschrauber sind im Einsatz. Die Nachricht über das Verschwinden des Jungen wird über Facebook verbreitet. Etliche Freiwillige durchkämmen mit Taschenlampen und Handylicht die Gegend am Nutheufer.

Zwei Tage nach Elias’ Verschwinden verkündet die Polizei, das gesamte Gelände werde erneut durchkämmt. „Der Junge ist wie vom Erdboden verschluckt“, sagt eine Sprecherin. Hinweise aus der Bevölkerung auf eine heiße Spur fehlten. Einige Tage später startet die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ einen Suchaufruf. Zahlreiche Hinweise kommen – wieder ohne konkrete Spur. Die Polizei konzentriert ihre Suche vor allem auf die Nuthe. Am 17. und 18. Juli wird der Fluss um 20 Zentimeter abgesenkt. Nichts. Tags darauf verkündet die Polizei, die intensive Suche mit der Bereitschaftspolizei werde beendet und es werde innerhalb einer Sonderkommission weiter ermittelt – auch das bleibt ohne Erfolg. In­forma­­tionen, was mit Elias geschah, bekommen die Beamten erst Monate später – nach der Festnahme von Silvio S.

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Vor dem Kindergarten stehen Susanne und Janin. Die beiden Mütter wollen ihre Töchter abholen. Kindergeschrei weht herüber. Heute spielen die meisten in Schlaatz wieder, ohne dass ihre Eltern mit Besorgnis über sie wachen. „Aber damals haben wir Posten aufgestellt“, sagt Janin. Nach dem Verschwinden von Elias und der Festnahme von Silvio S. verteilten sich die Eltern auf den Spielplätzen so, dass sie alles im Blick hatten. Waren Männer auf den Straßen allein mit einem Kind unterwegs, wurden sie misstrauisch beäugt. Susanne erinnert sich an die Zeit, als Tausende Polizisten und Helfer durch Schlaatz strömten in der Hoffnung, Elias doch noch lebend zu finden. Und an die Zeit danach. Susannes Tochter ist inzwischen sechs Jahre alt, so alt wie Elias damals. „Ich habe ihr erklärt, dass es gute und böse Menschen gibt.“ Mittlerweile sei ihre Angst wieder verflogen. Doch das gelte nicht für alle Eltern.

In Schlaatz leben viele Familien, die Siedlung ist voller Spielplätze. Einer liegt nicht weit vom Kindergarten, direkt neben dem Plattenbau, wo Elias mit seiner Mutter wohnte. Anita S., die inzwischen wegzog, beobachtete ihn durchs Fenster. Ein Moment der Unachtsamkeit reichte. „Aber sie konnte nichts dafür“, sagt ein Elternpaar, das gerade vom Einkaufen kommt, Elias kannte und sich an der Suche beteiligte. „Wir haben unsere Kinder doch immer allein draußen spielen lassen.“ Jetzt nicht mehr. Sie bekommt feuchte Augen, und er fängt an sich auszumalen, was er mit Silvio S. anstellen würde, wenn er ihn in die Finger bekäme. Die Wunden sind noch nicht verheilt in Schlaatz.

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Mohamed: Es ist der 1. Oktober 2015, als der vierjährige Mohamed auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Moabit verschwindet. Seine Familie war aus Bosnien-Herzegowina geflohen. Mohameds Mutter erscheint mit den drei Kindern zu einem Termin. Acht Stunden Wartezeit. Der Platz auf dem Lageso-Gelände ist wie immer überfüllt. Mohamed spielt zwischen den Wartenden. Als die Familie endlich an der Reihe ist, kann die Mutter ihn nicht finden. Sie ruft um Hilfe. Anfangs wird vermutet, Mohamed habe sich auf dem verwinkelten Gelände verirrt. Die Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes wird zunächst nicht kontaktiert. Am Tag nach der Entführung habe man „nicht zweifelsfrei“ feststellen können, „ob es sich tatsächlich um einen Vermisstenfall oder vielmehr um Familienstreitigkeiten handelte“, heißt es in den Ermittlungsakten. Diskutiert wird auch, ob es eine Inszenierung sein könnte, um die drohende Abschiebung zu verhindern.

Am Tag sechs nach der Entführung findet die Polizei auf Aufnahmen der Überwachungskameras des Lageso Bilder Mohameds, wie er das Gelände an der Hand eines fremden Mannes verlässt. Der Mann hat dunkles Haar, trägt Bart, einen langärmligen Pullover und verlässt mit dem Kind seelenruhig das Gelände. Bessere Qualität bieten Aufnahmen einer Überwachungskamera an einer Kneipe unweit des Lageso. Die Aufnahmen werden veröffentlicht, mehr als 350 Hinweise gehen bei der Polizei ein. Der entscheidende kommt von der Mutter des mutmaßlichen Täters. Sie erkennt ihren Sohn auf den Fahndungsfotos, soll ihn zunächst mit ihrem Verdacht konfrontiert und erst danach bei der Polizei angerufen haben. Ihr Sohn ist Silvio S., 32 Jahre, Mitarbeiter einer Potsdamer Wachschutzfirma.

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Durch die Blätter der Bäume streut das Licht helle Flecken. Vor den Wartezelten plätschert ein Wasserspender. Ein kleiner Junge mit Sommerhut, ungefähr so alt wie Mohamed, tapst barfuß über den steinigen Boden. Irgendwas hat ihm wehgetan, Tränen fließen. Seine Mutter ist sofort da und tröstet. Ruhe kehrt wieder ein. Die Szene ist fast unwirklich. Zumindest, wenn man die anderen, die hässlichen Szenen kennt, die hier vor Monaten Alltag waren. Damals drängelten sich Tausende Flüchtlinge im Matsch, und inmitten dieses Chaos war Mohamed plötzlich verschwunden. Heute scheint das kaum vorstellbar. Ein paar Dutzend Menschen sind an diesem Mittwochmittag gekommen, das Gelände ist so leer, dass Kinder schwer verloren gehen könnten. Sinkender Flüchtlingszahlen und neu geregelter Abläufe sei Dank. Vergessen haben sie Mohamed am Lageso trotzdem nicht. Weil die Behörde Schuld trifft? „Die Erklärung war mir immer schon zu einfach“, sagt Sprecherin Silvia Kostner. Klar habe Chaos geherrscht. Aber die Eltern hätten die Aufsichtspflicht. Sie hätten beim Lageso versucht den Menschen klarzumachen, dass sie ihre Kinder nicht mitbringen sollen. Schuld treffe am Ende nur eine einzige Person.

Als Reaktion wurden nach der Entführung neue Kameras auf dem Areal installiert. In der Reinickendorfer Unterkunft der Familie wurde mehr Sicherheitspersonal eingestellt. Um Menschen abzuhalten, die die Angehörigen kontaktieren wollten, ihnen helfen oder sich einfach nur profilieren. Heute gibt es die Kontrollen nicht mehr. Die Familie wohnt in einer nahegelegen Einrichtung für besonders schutzbedürftige Personen. Mohameds Mutter, die nach den Ereignissen in psychologischer Behandlung war, kommt noch regelmäßig in die frühere Unterkunft, um Freunde zu treffen. Um zu reden.

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Silvio S.: Am 29. Oktober fahren die Beamten sofort nach Kaltenborn in Südbrandenburg, um die Mutter des mutmaßlichen Entführers zu befragen. Zur gleichen Zeit fährt Silvio S. mit seinem Wagen vor. Die überraschten Polizisten gehen auf ihn zu – Silvio S. leistet keinen Widerstand. Er habe sich „ruhig und kooperativ verhalten“, heißt es später, und sofort zugegeben, dass sich Mohameds Leiche im Kofferraum befinde. Das tote Kind liegt in einer Wanne, bedeckt von Katzenstreu. Bei weiteren Vernehmungen wird Silvio S. auch die Tötung des seit 117 Tagen gesuchten Elias zugeben. Ihn habe er in seinem Schrebergarten im brandenburgischen Luckenwalde vergraben – wo er gefunden wird. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Silvio S. den Jungen am 8. Juli 2015 in seinen Pkw lockte. Er sei losgefahren mit der Absicht, Elias sexuell zu missbrauchen. Dafür soll er ihm ein Schlafmittel verabreicht und ihn geknebelt haben. Als das Kind dennoch schrie, soll er es erwürgt haben.

Den vierjährigen Mohamed soll Silvio S. mit einem Teddy angelockt und zum Auto geführt haben. Dann soll er mit dem sich sträubenden Kind zu seiner Kaltenborner Wohnung gefahren sein. Den Ermittlungen zufolge flößte er auch Mohamed ein Schlafmittel ein. Am Morgen des 2. Oktober soll er versucht haben, das Kind sexuell zu missbrauchen. Er habe Szenen aus einschlägigen Pornos nachspielen wollen. Mohamed soll laut nach seiner Mutter geschrien haben. Weil er Angst hatte, von seinem Vater entdeckt zu werden, soll Silvio S. das Kind gewürgt haben. Als Mohamed wieder Lebenszeichen von sich gab, soll Silvio S. ihm einen mit Chloroform getränkten Lappen ins Gesicht gedrückt, ihn an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Gürtel stranguliert haben.

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Kaltenborn: Es ist wieder wie im Oktober 2015. Reporter ziehen durch Kaltenborn, klopfen an Türen. Aber die Einwohner des 84-Einwohner-Dorfes wollen mit der Geschichte abschließen. „Die Leute hat das damals fertiggemacht“, sagt Claudia Laudahn. Ihr Bauernhof liegt in Sichtweite des Häuschens, wo Silvio S. lebte. An diesem Tag sahen sich die Kaltenborner damit konfrontiert, Tür an Tür mit einem mutmaßlichen Kindermörder gelebt zu haben. Und dann mit wildfremden Menschen darüber sprechen zu müssen. Unauffällig und ruhig sei Silvio S. gewesen. Was sollten sie groß sagen? Der Ortsvorsteher mahnte damals, die Familie des Verhafteten dürfe nicht ausgegrenzt werden. Laudahn zufolge gelang das.