Tischgespräche

Wenn sich Wildfremde zum Speed-Dating mit Tiefgang treffen

Erzähl-Mahl ist eine Variante des Speed-Datings. Doch statt Partner vermittelt es Anregungen. Ein Selbstversuch in Kreuzberg.

Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben, unterhalten sich angeregt beim Erzähl-Mahl im Kreuzberger Restaurant May am Ufer

Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben, unterhalten sich angeregt beim Erzähl-Mahl im Kreuzberger Restaurant May am Ufer

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Glocke klingelt so laut, dass Anna und ich aufschrecken. Der Ton katapultiert uns wieder zurück in die Realität, an den Ort des Geschehens. Wir zoomen uns aus unserem Gespräch und sehen uns wieder sitzen in einem Restaurant, irgendwo in Kreuzberg, wo dieser Abend vor Kurzem begann. Dort, wo Anna und ich uns gerade zum ersten Mal begegnet sind und uns in der vergangenen halben Stunde zwei Fragen gestellt haben, die auf Karteikarten neben unseren Tellern mit Spargelsuppe liegen: Wofür bist du dankbar? Und: Wogegen rebellierst du?

Alle anderen um uns herum haben das auch getan. Sich gegenseitig genau dieselben Fragen gestellt. Das Läuten ist das Zeichen dafür, dass wir rotieren müssen, um uns einem anderen Gesprächspartner zu widmen, während der zweite Gang serviert wird. Tschüss Anna, hat mich gefreut. Wir befinden uns mit rund 30 anderen beim "Erzähl-Mahl", einem organisierten Essen, das Menschen, die sich eigentlich gar nicht kennen, zusammenbringen will. Zumindest für einen Abend.

Nein, es ist kein Speed-Dating, auch wenn es daran erinnert. Obwohl natürlich auch Liebschaften entstehen könnten, aus einem Zufall. An sich aber muss hier niemand einem anderen etwas beweisen. Die Gespräche haben kein Ziel wie Sex oder einen neuen Arbeitsvertrag. Es geht schlichtweg um echte Begegnungen, die man in seinem Alltag kaum mehr zulässt. Autobiografische Reisen in fremde Leben, die im Bestfall sogar inspirieren können.

Die Gespräche haben nichts mit Smalltalk zu tun

Katrin Frische ist eine der drei Gründerinnen von "Erzäh-Mahl". Sie erklärt die Idee so: "Wir bringen Menschen in echte Verbundenheit und stillen damit eine Sehnsucht nach Entschleunigung, zwischenmenschlicher Nähe und die mit dem eigenen Leben." Die 46-Jährige, die eigentlich Biografien schreibt, interessieren Geschichten, die Menschen zusammenbringen. Und genau da setzt auch "Erzähl-Mahl" an.

Diese Sehnsucht, die damit deutlich wird, will sagen: weg von purem Smalltalk und digitaler Kommunikation. Weg von Schnelllebigkeit, die oft alles nur noch aufs Nötigste reduziert. Den zweiten Gang – Risotto mit Spargel – verbringe ich mit Anne. Die Fragen diesmal: Welche wichtige Entscheidung hast du getroffen? Und: Eine besondere Begegnung in deinem Leben? Anne hat sich gegen einen Job, an dem sie fast kaputtging, entschieden. Ich mich gegen meinen damaligen Verlobten.

Das neue Format bedient die Sehnsucht nach Entschleunigung

Das Leben in einer Großstadt ist zwar laut, bunt und voller Möglichkeiten. Es schwappt aber auch schnell über in Anonymität. Damit geht meist eine angestrengte Coolness einher. Ein generelles Desinteresse, das kaum mehr Tiefgang zulässt, außer mit wirklich engen Freunden. "Erzähl-Mahl" will all dem trotzen und bringt seit vergangenem Jahr in verschiedenen Städten – Hamburg, München, Köln – einander fremde Menschen bei so einem Dinner zusammen.

Wer sich hier ohne Begleitung zum Essen anmeldet, muss sich beim Aperitif, bevor alle sitzen, erstmal irgendwo dazustellen. Mit jemandem ins Gespräch kommen – das ist tatsächlich nicht immer leicht. Wenn man dann seinen zugewiesenen Platz gefunden hat, ist man schon erleichtert. Denn die Entscheidung wurde für einen getroffen, ohne das man selbst überlegen musste.

Hier lernt man wieder zuzuhören - gar nicht so einfach

Am Tisch, fühlt es sich an, als wäre ich in einem von den anderen abgetrennten Mikrokosmos. Zwar noch immer mit genau den gleichen Leuten in einem Raum, eng an eng an langen Tischen sitzend, konzentriere ich mich nun auf mein zufällig ausgewähltes Gegenüber. Ab jetzt geht es ums Erzählen. Und natürlich auch darum zuzuhören. Was übrigens gar nicht so einfach ist, mal still und aufmerksam jemanden sprechen zu lassen.

Ich bin nur im Moment und wundere mich fast ein wenig darüber, was ich dieser noch vor wenigen Minuten unbekannten Person so alles anvertraue. Es geht um Ängste, Enttäuschungen, um Glücksmomente. Aber auch um Themen auf Metaebenen: Mit Anna spreche ich darüber, wieso man andere Menschen schnell in Schubladen einteilt.

Bei Panna cotta geht es um die Frage: Wo siehst du Dich in zehn Jahren?

Im Gespräch überkommt mich bald ein Gefühl, mich in Sicherheit zu befinden. Wer hätte auch ein Interesse daran, alles, was erzählt wird, nach außen zu tragen? So reite ich durch Sequenzen verschiedener Lebensläufe, finde Parallelen mit Menschen, die ich wohl sonst nie kennengelernt hätte. Da öffnen sich Schlüssellöcher, durch die ich nie hätte schauen können.

Den dritten und letzten Gang verbringe ich mit Nicole, die schon im vergangenen Jahr in München von "Erzähl-Mahl" gehört hat. Damals wollte sie vor allem deshalb daran teilnehmen, um in einer ihr unbekannten Stadt, interessante Leute kennenzulernen. Unsere Fragen bei Panna cotta mit Erdbeeren: Warum tust du das, was du tust? Und: Wo siehst du dich in zehn Jahren? Man muss natürlich nicht immer die Fragen in Gänze beantworten. Auch ohne Leitfaden kann ein gutes Gespräch zustande kommen. Interessant ist jedenfalls schon, dass alle Gäste bis auf einen einzigen ausschließlich Frauen sind. Was klischeehaft klingt, bestätigt sich damit trotzdem: Frauen scheinen schlichtweg kommunikativer und interessierter, auch an denjenigen, die sie nicht zwangsläufig weiterbringen.

Der nächste Termin fürs "Erzähl-Mahl" in Berlin findet am 29. Juli im Restaurant "May am Ufer" statt, Pannierstraße 32. Drei-Gang-Menü und Aperitif, 33 Euro, Anmeldung: erzaehl-mahl.de

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.