Anlagebetrug

Prozess: Mit Falschgold 55 Millionen Euro erschwindelt

Die Staatsanwaltschaft geht von etwa 6000 Geschädigten aus. Ihnen soll ein gewinnbringender Goldhandel vorgegaukelt worden sein.

Blick in den überfüllten Gerichtssaal. Sechs Angeklagte müssen sich wegen Anlagebetrugs verantworten.

Blick in den überfüllten Gerichtssaal. Sechs Angeklagte müssen sich wegen Anlagebetrugs verantworten.

Foto: Paul Zinken / dpa

Gold gilt in Zeiten von Niedrigzins und unsicheren Wertpapieren als krisensichere Anlage. So dachten zumindest etwa 6000 gutgläubige Investoren, die für insgesamt 55 Millionen Euro Gold bei einer Firma namens Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF) kauften und sich stattliche Renditen erhofften. Es war eine fatale Fehlinvestition. Entpuppte sich dieses Anlagegeschäft doch als gigantischer Betrug.

Am Donnerstag begann vor einer Moabiter Wirtschaftskammer der Strafprozess gegen sechs zwischen 46 und 67 Jahre alte Angeklagte. Sie müssen sich verantworten wegen Untreue und gewerbsmäßigen Anlagebetruges. Ihre konkrete Tatbeteiligung wird nun vom Gericht geklärt. Vier Angeklagte sollen als Bande agiert haben.

Unter den Angeklagten befindet sich auch ein Ehepaar, das schon seit September 2015 in Untersuchungshaftanstalten Quartier bezogen hat. Im Saal 806 des Moabiter Kriminalgerichts sitzen die beiden direkt voreinander. Es ist kein angenehmes Wiedersehen. Der Raum ist überfüllt. Jeder Angeklagte hat zwei Pflichtverteidiger. Es gibt zwei Staatsanwälte, drei Richter und zwei Hauptschöffen. Terminiert wurden zunächst 52 Verhandlungstage bis zum 5. Januar 2017. Deswegen gibt es, um bei Krankheitsfällen das Verfahren weiter führen zu können, zwei Ersatzschöffen und eine Ersatzrichterin, die nun ebenfalls regelmäßig die Beweisaufnahme verfolgen müssen.

Skeptischen Kunden wurden Goldbarren-Attrappen gezeigt

Den Ermittlungen zufolge machte die BWF per Internet ein für Anleger leicht nachvollziehbares und offenbar auch sehr vertrauenserweckendes Angebot: Sie kaufte Gold für die Anleger an, verwahrte es in Zehlendorf in einem Hochsicherheitstresor und sorgte – angeblich – dafür, dass sich der Anlagewert sogar noch vergrößert, indem die BWF mit dem Gold handelt und für die Anleger Rendite erwirtschaftet. Es wurden, je nach Anlegezeit, jährlich vier bis 6,5 Prozent Gewinn in Aussicht gestellt. Ohne abschreckende Abschlussgebühr. Es gab auch keine Kosten für die Lagerung des Goldes in dem Hochsicherheitstresor. Erzielt werden sollten die versprochenen Gewinne, indem die BWF quasi als Gold-Großhändler agiert, der es auf dem Markt zu günstigen Preisen bekommt. Anschließend sollte es an Kunden, die häufig Goldbedarf haben, zu höheren Preisen weiter verkauft werden. Apotheker und Juweliere wurden genannt.

Ein Großteil des Geldes der Anleger indes soll unter anderem für kostspielige Hobbys, Urlaubsdomizile und das Tilgen von Verbindlichkeiten aus einem ähnlichen betrügerischen Geschäftsmodell ausgegeben worden sein. Gold wurde den Ermittlungen zufolge nur in vergleichsweise geringen Mengen angekauft. Statt dessen sollen in China für 309.123,57 Euro Goldbarren-Dummys erstanden worden sein. Mit einem Gesamtgewicht von 3,6 Tonnen. Sie bestanden aus minderwertigem Material, das nur mit einer hauchdünnen Goldschicht überzogen war. Als echtes Gold hätten sie einen Wert von mehr als 120 Millionen Euro gehabt. Diese „BWF-Gold“ soll Vertriebsmitarbeitern präsentiert worden sein, um sie von der angeblichen Sicherheit und Seriosität des Geschäfts mit dem Edelmetall zu überzeugen; ebenso skeptischen Kunden, die in den Tresorraum mit den Goldbarren-Attrappen geführt wurden. Geleimt wurden, den Ermittlungen zufolge, auch Wirtschaftsprüfer, die in Gutachten und Expertisen den angeblichen Goldbestand bestätigten. Aufgeflogen sein sollen die Betrügereien durch eine anonyme Anzeige bei der Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht .

Im dem Mammutverfahren, das Jahre in Anspruch nehmen könnte, wurde am ersten Verhandlungstag noch nicht einmal der Anklagesatz verlesen. Nach Prüfung der Gerichtsbesetzung wurde festgestellt, dass von der Kammer eine Hauptschöffin mit einer Ersatzschöffin verwechselt wurde. Sie mussten die Plätze tauschen. Außerdem wurde von einem Verteidiger beantragt, den Anklagesatz zurückzuweisen, weil er so nicht korrekt sei. Es fehlten dort die Namen der rund 6000 Geschädigten, deren Namen vom Staatsanwalt auch verlesen werden müssten. Die Wirtschaftskammer will am nächsten Verhandlungstag, dem 16. Juni, über den Antrag entscheiden.